Cinematische Aufnahmen — Ein Interview mit Glashier

Viele Leute gehen ihren fotografische Routinen nach, doch nur wenige verstehen wirklich, was sie da tun. Statt derart abzustumpfen, nutzt Glashier seine Möglichkeiten, um voran zu kommen und einen eigenen Stil zu entwickeln.In diesem Interview spricht er mit uns über seine Ansichten zur Filmfotografie, berichtet warum er sich dafür entschieden hat und erzählt von seinem cineastischen Ansatz, Fotos zu machen.

© Glashier

Hallo Glashier, willkommen in unserem Magazin! Was machst du so und wann hast du mit der Fotografie angefangen?

Ich bin Regisseur für Musikvideos und Fotograf. Ich habe vor etwa zehn Jahren angefangen, Musikvideos zu drehen und zur Fotografie kam ich, weil ich mehr über die Kamera erfahren und sehen wollte, was ich damit anfangen kann.

Wie würdest du Fotografie definieren? Und was magst du daran am liebsten?

Für mich geht es darum, Momente festzuhalten, die ich nur in der Straßenfotografie zu erleben scheine. Letztes Jahr habe ich ein Buch herausgebracht ("Benidorm age 7") für das ich drei Tage lang mit einer billigen Kompaktkamera und Kodak Gold fotografiert habe. Ich habe nie durch die Linse geschaut. Ich schoss aus der Hüfte, um einen Blick auf mein 7-jähriges Ich zu bekommen. Ich mag diese Energie, etwas über die menschliche Natur und die Körpersprache zu lernen — wenn man in dieser Umgebung eine Bewegung sieht, kann es in einer Umarmung oder einem Schlag enden. Ich mag es, wie das Auge geschärft wird und wie viele schöne Fotos ich aussortieren und mich an bestimmte Regeln halten musste.

© Glashier

Die Fotografie hat einen langen Weg hinter sich — die technische Fortschritte bei Kameras, Objektiven und andere Fotoausrüstung spiegeln dies wider. Warum bleibst du bei der analogen Fotografie?

Das erste, was ich fotografiert habe, waren Live-Gigs mit meiner Digitalkamera. Ich finde, Digital ist zwar ganz praktisch, aber ich möchte nicht durch tausende von Bildern blättern müssen und meine Motive möchten sich nicht so fühlen, als würde man sie mit einem Maschinengewehr abschießen. Ich finde großartig, dass heute jeder ein Fotograf sein kann und viele, die keine "richtigen" Fotografen sind, machen unabhängig vom Equipment die besten Fotos. Das ist sehr demokratisch. Einen Unterschied macht die Ausrüstung erst, wenn man fürs Fotografieren bezahlt wird. Bei der realen Fotografie auf Film muss man über bestimmte Fähigkeiten verfügen — es geht um den Moment, bei dem man darauf vertrauen muss, dass man ihn einfängt und der Kunde muss das mitmachen und einen dabei unterstützen. Die Belohnung dafür ist etwas, das man gemeinsam geschaffen hat. Der Mangel an Unmittelbarkeit und der Einsatz von Können und Instinkt ist dabei ebenfalls von Bedeutung.

Wie wir wissen, warst du zuerst Filmemacher und wurdest später erst Analog-Fotograf. Warum hast du dich für die Filmfotografie entschieden?

Ich fühlte mich von den Kameramännern am Set etwas hinters Licht geführt und suchte nach mehr Input. Mir wurde klar, dass ich selbst etwas dazu lernen musste. Den Wechsel zu analogen Fotografie habe ich zusammen mit Nima Elm vollzogen, damals fotografierten wir beide noch digital. Ich finde, dass wir wir uns gegenseitig eine Umgebung geschaffen haben, die unterstützend wirkte und uns erlaubte, einige Fähigkeiten miteinander zu teilen. Aber ich denke, das machte es uns unmöglich, einzuknicken und zur Digitalfotografie zurück zu kehren, als hätten wir irgendeinen merkwürdigen Pakt geschlossen. Andererseits waren wir auch schonungslos ehrlich mit der Arbeit des anderen, was aber vielleicht auch nur eine Form der Qualitätskontrolle war. Wenn etwas Scheiße ist, sagen wir es einfach. Außerdem habe ich meine Digitalkamera ins Meer geworfen, das hat ebenfalls geholfen.

© Glashier

Würdest du sagen, dass die Einflüsse auf deine Art, Filme zu machen auch deinen Stil als Fotograf beeinflusst haben? Und wenn, wie?

Ich finde, da ist etwas Cineastisches, das ist zumindest, was man mir erzählt hat. Ich kann das auch irgendwie nachvollziehen. Ich versuche nicht wirklich darüber nachzudenken, alles wird durch das Licht definiert. Das ist alles, worauf ich achte: Etwas Lichtschein, ein paar Formen und wenn mein Motiv in diesem Licht noch eine Zigarette raucht, mache ich einfach ein Foto. Aber nicht mehr als drei Aufnahmen.

Wir lieben deine Serie "Films I Never Made". Die Fotos, die du aufgenommen hast, sind so stilistisch, so vielfältig, dass es schwierig ist, einen Favoriten zu wählen. Was ist die Geschichte hinter diesem Projekt?

Es entstand wegen der Leute, die behaupten, meine Werke seinen cineastisch und die von meinen Bilder sprachen, als stammten sie aus einem Spielfilm. Ich mag die Idee, dass sie Szenen aus einem Film zeigen, aber isoliert, so dass sie keinen Kontext haben. Ich glaube, das sind die Dinge, die mich ansprechen. Ich finde nicht, dass Bilder interessiert sind, bei denen die Leute in die Kamera schauen. Vielleicht ist das ein cineastischer Aspekt. Ich möchte nicht, dass meine Bilder gut oder hübsch aussehen. Ich will, dass das Licht an der richtigen Stelle ist. Es ist mir egal, wer die Personen sind. Sie gehören einfach zu meinem Foto. Genau wie das Licht sind sie ein Teil davon und es ist nicht meine Intention, sie zu verkaufen.

Später habe ich mit "Pretty Youth" weiter gemacht, welches aber daran scheiterte, bei den Betrachtern Raum für ihre eigenen Erzählung zu schaffen. Es ist fast eine Art Anti-Kunst, aber nur indem ich es ausprobierte, konnte ich das herausfinden. Aufgenommen auf Film war das eine teure Lektion.

© Glashier

Was kommt dir bei der Komposition deiner Bilder als erstes in den Sinn? Woher weißt du, dass es an der Zeit ist, den Auslöser zu drücken?

Ich weiß es nicht, bevor es passiert ist. Ich bekomme einfach mit, was um mich herum passiert. Es ist instinktiv. Das erste, was mir in den Sinn kommt, ist wohl "Das ist gut, ich hab's."

Was ist dein Lieblingsmotiv und warum?

Nur Menschen. Ich komme mit anderen Sachen einfach nicht klar. Ab und zu versuche ich, eine Landschaft oder schöne Formen und Licht zu fotografieren, aber dann denke ich mir: "Ja, toll. Es wäre ein gutes Foto, wenn jemand darin zu sehen wäre."

© Glashier

Was ist deiner Meinung nach wichtiger - Talent oder Übung?

Man braucht Glück und muss lernen, sich sein eigenes zu schaffen. Talent und Übung bringen einen weit und je nachdem, was man will, bringt Talent einem Geld. Talent erlaubt einem für eine Weile zu arbeiten. Man muss sich aber entscheiden, wie weit man damit gehen will — macht man Kunst oder Kommerz? Ich tue, was ich für mich mache und lebe in Europa. Glück ist also das Wichtigste, um den Durchbruch zu schaffen.

Wie sieht ein perfekter Tag für Glashier aus?

An einem Berliner See rumhängen, fotografieren und kein Handyempfang haben.

© Glashier

Hast du anstehende Projekte oder Serien, über die du gerne sprechen würdest? Bitte erzähl unseren Lesern davon.

Ich habe gerade ein Projekt abgeschlossen, das ich in Spanien geschossen habe — ein religiöses Fest in der Stadt El Rocio. Es ist Hunderte von Jahren alt. Es gibt geschmückte Wagen, die von Ochsen gezogen werden, viele Menschen reiten auf Pferden und alle sind makellos gekleidet. Es war eine dreitägige Pilgerreise durch knöcheltiefen Sand und Hitze, die ich mit einer Mamiya RZ67 schoss. Es war wirklich harte Arbeit, aber die Belohnung war eine wunderschöne Sammlung an Bildern. Es war wie ein teures Modeshooting, aber eigentlich Street-Fotografie.

Welchen Rat würdest du angehenden Analogfotografen geben, die immer noch versuchen, ihren Stil zu finden und von sich reden zu machen?

Es geht darum, zu fotografieren und sich von der Arbeit der Fotografen fernzuhalten. Vielleicht schaut ihr euch lieber Kunst an, Filme, lest Bücher. Instagram wird euch nicht helfen. Es gibt keine Vergleiche, nur euch. Es ist verdammt schmerzhaft, voller Selbstzweifel und fast unmöglich, ihr werdet eure Arbeiten manchmal hassen. Strebt nicht nach dem, worauf die Leute reagieren. Bleibt auf eurem eigenen Weg. "Likes" sind bedeutungslos und in 20 Jahren möchtet ihr nicht auf eure Werke zurückschauen und euch nicht selbst darin sehen. Seid einzigartig.


Wir danken GLASHIER, dass wir seine Bilder im Magazin veröffentlichen durften. Alle in diesem Interview gezeigten Bilder sind Eigentum des Künstlers. Wenn du dich für seine Arbeit interessierst, besuche seine Website und folge ihm auf Instagram.

geschrieben von cheeo am 2018-12-12 in #culture #people
übersetzt von dopa

Mehr interessante Artikel