Emina Ibrahimović: Durch die Straßen Lissabons mit dem Lomography XPRO 200

2017-10-11

Emina Ibrahimović ist gerade einmal 22 Jahre alt und bringt im Gespräch mit uns eine Reife und Weisheit an den Tag, wie sie nur vielgereiste Menschen haben. Und ihre Fotografien sprechen die selbe Sprache. Sie halten nicht einfach nur Momente fest, oder versuchen angestrengt eine bestimmte Emotion zu transportieren. Sie scheinen vielmehr ein Kommentar zu sein, der all das beinhaltet und noch tiefer geht. Sie wirken wie gleichermaßen Kritik und Ode an die Echtheit der Orte, die sie besucht.

Die aus Bosnien und Herzegowina stammende Emina lebt nun seit 11 Jahren in Deutschland und studiert zurzeit Kulturwissenschaften und Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Wann immer es ihre Zeit zulässt, packt sie ihre 35mm Kameras ein und durchforstet die Straßen der Welt nach ausdrucksstarken Motiven und intimen Porträts. Für uns hat Emina den Lomography XPRO 200 in Lissabon getestet.

Wieso verschreibst du dich in unserer schnellen digitalen Zeit der Analogfotografie?

Wegen des Prozesses vom Auslösen bis zur Entwicklung. Dieser Prozess erfordert viel Feingefühl und die Bereitschaft, ständig Neues dazuzulernen. Ich will damit nicht sagen, dass die Digitalfotografie einfacher ist. Der Prozess ist einfach ein anderer. Man hat da noch die Materie, die chemischen Reaktionen. Das finde ich irgendwie romantisch!

Was macht für dich das perfekte Foto aus?

Eine stimmige Komposition, die mich nicht loslässt. Es gibt bestimmte Fotografien, die ich immer vor meinem inneren Auge abrufen kann. Die Fotografien von Saul Leiter gehören beispielsweise dazu.

Wie hat sich dein Fotografiestil über die letzten Jahre verändert? Gibt es Dinge, die du jetzt ganz anders machst als früher?

Der Stil verändert sich mit jeder Serie, die ich schieße. Ich bin sehr selbstkritisch und vergleiche mich gerne auch mit anderen Fotografinnen und Fotografen. Das gibt mir den nötigen Ansporn über meine Arbeit nachzudenken und auch meine Technik zu verbessern - man lernt ja nie aus! Früher habe ich mich jedoch zu sehr an den Stilen anderer orientiert, während ich nun versuche meinen eigenen Stil zu verwirklichen. Das ist nicht einfach. Heutzutage leben wir in einer Bilderflut. Die Analogfotografie hilft mir dabei zu entschleunigen und mich weiterzuentwickeln ohne jemanden zu imitieren.

Auf deinem Instagramaccount sieht man, dass du dich besonders für Reisefotografie begeisterst.

Das stimmt. Denn durch das Fotografieren auf Reisen komme ich mit den Menschen besonders gut ins Gespräch. Mit den meisten von ihnen habe ich mich wunderbar unterhalten, deshalb haben die Fotos für mich noch eine größere Bedeutung. Es ist nicht nur ein Sammeln von Eindrücken, sondern auch der Versuch das Gesehene so zu verarbeiten, wie ich es in diesem Moment wahrgenommen habe.

Wie bist du zur Reisefotografie gekommen und welche Tipps würdest du jemanden geben, der einen ähnlichen Weg gehen will?

Ich bin schon seit Kindesbeinen an fasziniert von der Möglichkeit zu komponieren und habe früh begonnen eigene Musik zu machen, Bilder zu malen und eben auch zu fotografieren. An der Fotografie reizt mich am meisten die Komposition von Bildern, über die man wenig Kontrolle hat. Aus diesem Grund schätze ich die Straßenfotografie sehr. Ich denke, dass man sich immer und nicht nur beim Reisen auf die Umgebung und die Menschen einlassen sollte. Außerdem schadet es nie sich selbst zu fragen: Warum möchte ich das gerade fotografieren?

Reisen bedeutet immer auch Begegnung mit dem Fremden. Was ist das Fremde für dich und was fasziniert oder inspiriert dich daran?

Für mich gibt es das Fremde nicht. Ich selbst bin bikulturell aufgewachsen und habe früh gemerkt, dass Unterschiede oft nur oberflächlich sind. Ich versuche mich mit Anerkennung, Achtung und Respekt dem zu nähern, was mir noch unbekannt ist, denn das Unbekannte ist keine Attraktion. Eine malaiische Künstlerin sagte mir einmal in Penang, dass die Touristen sich oft wie die Besucher eines Freizeitparks benehmen und den Einheimischen nicht mit Achtung begegnen würden. Ich denke oft an ihre Worte zurück, denn der Massentourismus hat die Art, wie wir mit dem "Fremden" umgehen, deutlich beeinflusst. Wir dürfen nicht egoistisch mit der Umgebung und den Menschen umgehen, die wir fotografieren.

Gerade Portrait- und Reisefotografie zu vereinen, ist nicht immer einfach. Fällt es dir leicht, auf Menschen zuzugehen?

Es ist nicht einfach, dazu gehört viel Feingefühl. Wenn ich spüre, dass jemand die Begegnung nicht möchte, respektiere ich das. Niemand soll ein Objekt meiner Begierde werden. Bisher habe ich sowohl positive, als auch negative Erfahrungen gemacht. Aber man lernt aus ihnen allen und ich möchte keine missen. Grundsätzlich versuche ich offen auf Menschen zuzugehen.

Wie suchst du dir die Menschen für deine Portraits aus? Was fasziniert dich an bestimmten Leuten?

Das kann ich nicht genau sagen. Manche Menschen üben eine enorme Anziehungskraft auf mich aus. Es ist diese Aura, die mich dazu verleitet sie zu fotografieren. Dazu müssen die Menschen nicht objektiven Schönheitsstandards entsprechen, sondern mich mit ihrem Blick, ihrer Haltung und Ausstrahlung berühren. Ich glaube genormte Schönheit wirkt eher abschreckend auf mich.

Welchen Moment ziehst du vor: der Moment des Auslösens eines Fotos oder der, des erstmaligen Betrachtens des entwickelten Resultats?

Es ist das Auslösen! Am Anfang meiner Fotografie war es noch genau umgekehrt. Mittlerweile kann ich fast genau einschätzen, wie das fertige Foto aussehen wird. Deshalb ist der Moment der Komposition und des Auslösens immer noch der schwierigste und aufregendste Teil für mich.

Hast du das Gefühl, dass sich dein fotografischer Stil an das jeweilige Land anpasst oder machst du das vielleicht sogar bewusst?

Er passt sich an, weil ich mich auch anpasse und verändere. Allein die verschiedenen klimatischen Bedingungen verändern die Art, wie ich mich bewege, wo ich mich aufhalte und so weiter. Die Bedingungen des Landes geben mir gewissermaßen auch meine Grenzen vor.

Deine Serie aus Lissabon scheint einen roten Faden zu haben: Bis auf die expliziten Porträtfotos, verweigern sie dem Betrachter alle auf eine Art den Blick – entweder anhand der verstellten Komposition oder dem Blick auf Objekte von hinten. Hat das rein künstlerisch, ästhetische Gründe oder liegt darin ein konkreter Kommentar?

Lissabon ist eine schöne Stadt, keine Frage. Aber genau wie viele andere Europäische Großstädte, verliert auch sie langsam ihren authentischen Charakter. Gentrifizierung hinterlässt eben überall ihre Spuren. Und mit dem Verschwinden der Bewohnerinnen und Bewohner, verschwindet auch der Charakter der Stadt.

Hochglanzkulissen interessieren mich nicht - die werden tagtäglich von tausenden Menschen abgelichtet.Mich interessiert der andere Blick, einer, der sich der Masse verweigert und auf die Ecken zeigt, die sonst übersehen werden

Hast du die Bilder, die du hier mit uns teilst, digital nachbearbeitet?

Ich bearbeite meine analogen Bilder nie nach. Die Nachbearbeitung ist ein Pool unendlicher Möglichkeiten. Mit so vielen Möglichkeiten umzugehen ist schwierig, denn es droht immer die Gefahr, sich in ihnen zu verlieren. Ich bin glücklicher, wenn ich eine klare, puristische Linie verfolge. Auch privat bin ich ziemlich pragmatisch. Der Grünstich kommt allein vom Lomography XPRO 200 Film. Der hat mir geholfen diese absurde Stimmung in der Stadt aufzufangen.

Hast du Tipps für den Umgang mit dem Lomography XPRO 200 Slide (35mm)? Was hat am besten funktioniert, was weniger gut?

Bei mir hat alles wunderbar funktioniert und jedes Farbergebnis war überraschend und faszinierend. Ich habe mich in den Grünstich verliebt und überlege schon fleißig, wie ich ihn bewusst in Szene setzen kann.

Was hast du als nächstes geplant? Gibt es Projekte, auf die wir uns schon freuen dürfen?

Ich plane als nächstes eine Reise durch den Balkan und hoffe, dass ich die Eindrücke mit euch teilen kann!


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geschrieben von birgitbuchart am 2017-10-11 in #people

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