Robert Herman: die Sprache der Fotografie

2017-11-12

Seit seiner Zeit als Student an der NYU in den späten 1970ern, hält Robert Herman das Leben und die Menschen in seiner Straßenfotografie fest. In seiner Serie The New Yorkers verewigte er das Leben in New York, Menschen, Reflexionen und einzigartige Momente kleiner Zufälle auf massenweise Filmrollen. Die Strecke zeichnet das Bild einer Era, in der viele junge Künstler von heute träumen würden zu leben. Denn obwohl es kein Geheimnis ist, dass das Leben im New York der 70er und 80er alles andere als leicht war, lassen einen Roberts Fotografien aus jener Zeit unmissverständlich verstehen, weshalb der es den Kampf definitiv wert war. Denn ganz ehrlich: Was ist inspirierender, als das harte und ehrliche Leben in einer Stadt wie New York?

Robert Herman - The New Yorkers

Im Vorwort des Bandes The New Yorkers, habe ich gelesen, dass du in deiner Kindheit viel Zeit im Kino verbracht hast und dir ein paar Filme immer und immer wieder angesehen hast - so oft, bis du nicht mehr auf den Inhalt, sondern nur noch auf die Kinematographie achten konntest. Um welche Filme handelte es sich dabei und was genau hat dir an ihnen gefallen?

Ich habe damals viele Filme im Kino meines Vaters in Brooklyn gesehen. Blow Up und Zabriskie Point von Michelangelo Antonioni, und natürlich Amerikanische Filme, wie Easy Rider und Zwei Banditen. Ich liebte ihre Kinematografie im natürlichen Licht: Die hellen, satten Farben und die Kompositionen der Bilder. Den selben Film wieder und wieder zu sehen, verankerte ihn in meinem Unterbewusstsein und beeinflusst deshalb noch heute meine Fotografie.

Credits: Robert Herman

Was hat dich dazu gebracht vom Filmemachen zur Fotografie zu wechseln?

Die Fotografie war mein Weg mich jeden Tag kreativ auszuleben. Das Filmemachen setzt unglaubliche Summen an Budget voraus, eine Film Crew, und solche Dinge. Nachdem ich die NYU Film School abgeschlossen hatte, bekam ich einen Job als "Production Still Photographer". Zwischen den Drehs musste ich so viel Zeit tot schlagen, dass ich entschied eine extra Rolle Film zu kaufen, einen Kodachrome, und meine eigenen Straßenfotos rund um die Location zu schießen. Dabei habe ich mich in die Schönheit eines richtig belichteten Kodachrome verliebt. Eines meiner Fotos aus der New York Strecke, Greenpoint, entstand auf einer dieser Drehpausen in Brooklyn. Die Frau, die die Kleider aus dem Fenster hängt, wohnte direkt hinter dem Supermarktparkplatz auf dem unsere Film Trucks standen.

Robert Herman: Greenpoint (1982)

Wenn man sich heute deine Fotografien vom New York der 70er und 80er ansieht, wirkt das abgebildete Leben so wunderschön rau, romantisch melancholisch. Wie hast du die Stadt damals erlebt? Wie war dort das Leben eines jungen Künstlers?

Ich habe mich damals entschieden die alltäglichen Menschen und Situationen rund um meine Wohnung in Little Italy, Soho, Tribeca und dem Greenwich Village zu fotografieren. Auf eine Art rebellierte ich gegen den Glamour und Fashion dieser Zeit. Ich konnte mich mit täglichen Kampf ums Überleben der Menschen identifizieren, weil ich das genauso tat. Ich glaube, dass dieses Mitgefühl sich stark in die Fotos übertragen hat und sie es bis heute noch wiederspiegeln.

Was ist die Geschichte hinter dem Bild Eyepatch?

Robert Herman: Eyepatch (1981)

Ich kam an diesem kurzzeitig aufgestellten Baugesrüst mit orange und weißen diagonalen Streifen vorbei, das es mir sofort angetan hat. Hinzu kam, dass das Sonnenlicht in dem Moment sehr schön in die Szene fiel. Ich machte viele Bilder von dieser Komposition, von allen möglichen Menschen, die daran vorbei gingen. Am Ende entschied ich mich für dieses, weil es eine schöne Metapher ist, für den Fotografen, der selbst auf dem linken Auge Blind ist, wenn er durch den Sucher sieht.

Deine Straßenportraits wirken so wunderschön spontan. Sind sie das denn? Wie gehst du an Portraits von Fremden auf den Straßen heran? Wie wählst du die Menschen und wie gehst du auf sie zu?

Wenn ich zum Fotografieren raus gehe, dann reagiere ich nach Instinkt. Bei Portraits ist das nicht anders. Ich muss eine gewisse Anziehung zu meinen Motiven empfinden, das ist der Ausgangspunkt...

Credits: Robert Herman

Kannst du eines deiner persönlichen Lieblingsfotos der Strecke wählen und uns ein bisschen davon erzählen?

Eines meiner Lieblingsportraits ist der Junge mit der großen Brille. Ich fühlte mich zu dieser Zeit selbst sehr zerbrechlich und seine scheinbare Verletzbarkeit spiegelte meine wieder. Alle Fotografien entlarven irgendetwas über ihren Fotografen und The New Yorkers ist eine Reflexion meines damaligen Zustandes. In anderen Worten, meine Straßenfotografien sind zweierlei Dinge: Eine Dokumentation von Ort und Zeit, wie auch Selbst-Portraits.

Credit: Robert Herman Boy with Big Glasses (1981)

Ich habe gelesen, dass du gerade die Spontanität der Fotografie sehr liebst. The New Yorkers enthält eine ganze Menge Bilder, die so aussehen, als hättest du blitzschnell reagiert und einen kurzen flüchtigen Moment perfekt festgehalten. Ist das mit ein Grund für dich gewesen, irgendwann zur digitalen Fotografie zu wechseln? Wie siehst du den Unterschied zwischen der digitalen und analogen Fotografie?

Ich vermisse die analoge Fotografie sehr, ganz besonders Kodachrome! Die Qualität der Farben, Kontraste und archivarischen Eigenschaften machten ihn zum besten Farbfilm, den es je gegeben hat. Leider hat Kodak 2005 damit aufgehört, den Film zu produzieren und entwickeln.

Die digitale Fotografie hat aber natürlich auch ihre Vorteile. Sie ist preislich günstiger (wenn man die externen Festplatten weglässt, die man sich zulegen muss). (lacht)
In vielen Dingen gibt es aber auch kaum Unterschiede zwischen analog und digital, das Foto macht am Ende eben immer noch das Auge hinter der Kamera.
Es ist nicht das Gerät, das das Foto stark macht, sondern die einzigartige, persönliche Perspektive des Fotografen. Das ist einer der Gründe, die zu meiner zweite Monographie, The Phone Book, führten. Die Fotos darin entstanden alle mit dem iPhone und der Hipstamatic App. Denn Teil meiner Erkenntnis über die Jahre war, dass ausdrucksstarke Fotos mit jeder Kamera geschossen werden können.

Robert Herman - The Phone Book

Kannst du dir vorstellen heutzutage auch noch eine New York Strecke zu fotografieren?

Ich fotografiere gerade eine neue Strecke in New York und Neapel, Italien mit meinem iPhone.

Abgesehen vom digitalen Aspekt - in wie weit würde sich eine zukünftige NY-Strecke von deiner aus den 70ern und 80ern unterscheiden?

Ich bin traurig über das Verschwinden der Mom and Pop Shops, die im New York der 80er so ein wichtiger Bestandteil für Straßenfotografen, wie mich, waren. Heute ist die Stadt, und speziell Manhattan, voll von Unternehmensketten, wie Starbucks und H&M, und jeder hängt ununterbrochen am Handy... Ich wollte deshalb Arbeiten machen, die weniger vom Hintergrund und mehr von den Subjekten handeln.
Mein neues Buch wird sich auf starke Frauen in den Straßen konzentrieren. Mehr als jemals zuvor, genießen Frauen heute die Freiheit ihre Einzigartigkeit auszudrücken und diese unfassbar schönen Individualitäten will ich mit meiner kommenden Strecke zelebrieren.

Credits: Robert Herman

Was ist dein Rat an junge Fotografen von heute?

Das Talent ist nur der Ausgangspunkt! Ständig und ununterbrochen Fotos zu machen ist essenziell um dieses Talent auszubauen. Übe, lerne, knipse. Es ist das Klischee der Ten Thousand Hours, das aber zu speziell auf Fotografen zutrifft.
Das zweite, das talentierte Amateure von professionellen Fotografen unterscheidet, ist die Fähigkeit ihre Arbeit überarbeiten und einen Kontext für seine Arbeiten zu erstellen. Anders gesagt, shoot with the body and edit with the head. Und du musst beides sehr gut können!
Maler sind sich immer sehr darüber bewusst, was zuerst war. Studiere erst die Geschichte der Fotografie. Finde die Monografien und Fotografen, die dich interessieren. Was macht ihre Fotos ausdrucksstark? Wie sind sie konstruiert? Wieso ist das große Ganze Bild mehr, als die Summe seiner Details? Eine gute Fotografie hat etwas Unsichtbares im Kern.
Wenn du deine Strecken zu Büchern machen willst, versuche das darunter liegende Prinzip zu finden, das die Verbindung herstellt: Weshalb ist ein bestimmtes Foto das erste Bild in einem Buch und ein anderes das letzte? Wieso wurden zwei Fotos gewählt sich auf den Doppelseiten gegenüber zu liegen?
Fotografie ist eine Sprache, lerne sie fließend zu sprechen.

Credits: Robert Herman

Was sind deine aktuellen Pläne und Projekte?
Im Moment mache ich gerade einen Buch-Dummy meiner Schwarz-Weiß Arbeiten fertig, die ich gemacht habe, während ich von 2003 - 2005 auf einem Bauernhof in Georgia, USA gelebt habe.

Robert Herman (Georgia, USA 2003-2005)

Seht mehr von Robert Hermans Fotografien und Projekten auf seiner Homepage oder folgt ihm auf Instagram.

geschrieben von birgitbuchart am 2017-11-12 in

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