Café Schwarz Sauer

1993 öffnete in der Kastanienallee 13 ein neues Café: Das Schwarz Sauer.
Es war eines der ersten in dieser Strasse, die zu dem Zeitpunkt noch nicht als “Castingallee” bekannt war.

Die Hauswände in dieser Strasse waren im DDR-typischen Graubraun, auf den Strassen lag teilweise noch historisches Kopfsteinpflaster.

Das Interior ist denkmal minimalistisch: Ein paar Stühle und Tische, ein langgezogener Tresen und grosse Spiegel an den Wänden. Alles im Innern – vielleicht mag dies auch ein Grund für seine geheimnisvolle Ausstrahlung sein – ist in einem eigentümlichen Kakao-braunen Ton gehalten.
Hier versammelte sich in den ersten Jahren die Nachwende-Bohème: Hausbesetzer, Linke, in Berlin Gestrandete aus aller Welt, die die Hauptstadtwerdung mitgestalten wollten.
Ich war zu der Zeit Stammgast hier. Die Stimmung war elektrisierend. Hier traf man zu dieser Zeit die Schriftstellerin Judith Hermann, den damaligen DJ “Dr. Motte” und Volksbühne-Chef Fran Castorf.
Auch Christoph Schlingensief kam ab und an vorbei, wenn er im Prater gerade inszenierte.

Die Fassade des Cafés mit dem wespengelben Schild über dem Eingang ist heute längst saniert, der Nachwendecharme ist passé. Noch immer ist das gastronomische Angebot des Cafés bescheiden und der Tonfall der Bedienung an manchen Tagen “gewöhnungsbedürftig”. Doch das “Schwarz Sauer” ist für mich Kult: Noch immer hat es beinahe Tag und Nacht geöffnet. Auch wird noch gequalmt, auf dass die Lunge glüht. Das Sortiment an Cocktails und Kuchen hat sich etwas erweitert, das Interior aber, hat sich in den letzten 20 Jahren kaum verändert. Dies mag ein Grund sein, weshalb es in einer Stadt, bei der kein Stein auf dem anderen geblieben ist, so viel Heimatgefühl und Nestwärme ausstrahlt.

Heute ist das “Schwarz Sauer” ein Zwitter aus dem früheren und jetzigen Prenzlauer Berg:
In den Spiegelwänden erblickt sich die abgestürzte oder erfolgreiche Prenzlauer Berg-Bohème, zugezogene Westdeutsche oder andere Nationen, die an ihrem neuen Wohlstand feilen, junge Mütter mit ihrem quengelnden Nachwuchs und neugierige Touristen.
Das Café ist ein Laufsteg, jeder hat hier seinen Auftritt und will gesehen werden.
Ab und an dreht ein ausländisches Filmteam und bestaunt das eigentümliche Biotop. An manchen Tagen – gerade im Winter, wenn die Fenster vor lauter Wärme im Innern beschlagen und draussen die “Gartensonnen” bullern, hat es noch immer seinen eigenen Zauber.
Es hat unzweifelhaft einen Teil der Geschichte des Prenzlauer Berges mitgeschrieben.

Café Schwarz Sauer
Kastanienallee 13, Berlin
Tel. 030/4485633
http://www.schwarzsauer.com

geschrieben von schnitt am 2011-01-27 in #places #cafe #berlin #location #deutschland #prenzlauer-berg #kultur #szene #kult #reisetips

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