Künstler Jeremy Grier Über Schwarze Porträtfotografie und die Rückkehr zum Heimatort

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Die Arbeiten des Filmfotografen Jeremy Grier sind eine Meisterklasse in subtiler Kraft. Er gibt der schwarzen Queer-Community in Brooklyn ein Sprachrohr und rückt die Menschen seiner Heimatstadt Hartford, Connecticut, ins Licht. Seine Porträts sind kraftvoll und intim und verkörpern Ideen der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und die Erforschung der eigenen Identität.

In unserem Interview erzählt Jeremy von seinem Werdegang, seinen Inspirationsquellen und seinem fortlaufenden Projekt mit den Menschen seines Heimartortes, Hartford.

© Jeremy Grier

Kannst du uns ein wenig über dich selbst erzählen und wie du zur Fotografie und insbesondere zum Film gekommen bist?

Ich bin aus Hartford, Connecticut und lebe derzeit in New York. Ich bin recht organisch zur Fotografie gekommen. Ich arbeitete während meiner Studienzeit im multi-kulturellen Zentrum meiner Uni mit verschiedenen Künstlern zusammen. Hauptsächlich interessierte mich damals das Programmieren. Weiterführend habe ich mich dann auf Video-, Film- und Digitalproduktion spezialisiert und bin so auch ins Fotografieren außerhalb der Uni gerutscht.

In dieser Zeit habe ich mit einer Digitalkamera, die ich von der Uni hatte fotografiert und bin so immer tiefer ins Fotografieren eingetaucht. Vor allem in schwarze Porträtfotografie. In der Fotografie hat das eine lange Tradition. Das hat mich wirklich interessiert, aber es war auch etwas, das ich aufgrund meiner Erziehung verstanden habe und zu dem ich einen Zugang hatte.

Zur Fotografie bin ich gekommen über Freunde, das Verlangen nach kreativem Ausdruck und über das Studium meiner Lieblingsfotografen und Künstlern, die Arbeiten geschaffen haben, die ein breiteres Publikum ansprechen oder die bereits einen Beitrag zur schwarzen Porträtfotografie geleistet hatten. Ich habe nicht auf 35 mm geschossen. Ich war sofort bei 120 und habe hauptsächlich im Mittel- und Großformat fotografiert. Ich habe das gemacht, weil ich damals von YouTube Videos gelernt hatte, dass das die bestmöglichste Qualität zum Fotografieren ist.

© Jeremy Grier

Wie bist du zu deinen Themen und deinem Fotografierstil gekommen?

Das kam ganz organisch und natürlich. Die Fotografie war für mich eine Möglichkeit, mich zu einer Zeit auszudrücken, als ich das mit Worten noch nicht konnte. Als ich mich als vollwertiges menschliches Wesen entdeckte, war die Fotografie wie eine Erkundung der Dinge, die ich durchmachte... sei es, dass ich anfing, mich mit Männern zu treffen, mich selbst kennenzulernen, Freunde zu dokumentieren, die vielleicht selbst Dinge durchmachten oder einfach nur am Leben zu sein.

Für mich war es eine Form von Ausdruck, die mich durch eine für mich schwierige Zeit trug - ich war 23 oder 24 Jahre alt und kam gerade von der Uni. Ich reiste häufiger von Connecticut nach New York, fand hier eine Gemeinschaft und erkannte, dass ich in der Fotografie Fuß fassen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass diese Dinge bereits in mir steckten, und die Fotografie war für mich ein Mittel, diese Dinge durch und mit anderen Menschen zu kanalisieren.

© Jeremy Grier

Was ist deine Lieblingskamera und das Filmmaterial, das du bevorzugst?

Ich habe in letzter Zeit viel mit 4x5 fotografiert, ich habe eine Toyo-Kamera. Der Grund dafür war, dass ich Anfang 2021 New York verlassen hatte, weil ich mir Covid eingefangen hatte und noch lange danach unter Beschwerden litt. Ich habe viel durchgemacht, und ich hätte nie gedacht, dass ich New York so schnell verlassen würde, denn offiziell war ich erst 2019 zugezogen. Aber ich hatte das Bedürfnis, mich zurückzuziehen, nach Hause zu gehen und gesund zu werden.

Während dieser Zeit - einer weiteren Übergangsphase - war ich allein, ich musste einiges durchmachen, aber vor allem habe ich mich wieder meinen Heimatort wieder kennengelernt. Das Großformat ermöglichte mir eine Entschleunigung. Ich wollte den nördlichen Rand von Hartford dokumentieren, wo ich aufgewachsen bin. Ich denke, dass die fehlende Dokumentation schwarzer Menschen, des schwarzen Lebens im Norden - der Nordosten Amerikas - ein Problem ist. Dort, wo ich herkomme, gibt es keine Fotokultur, man ist es nicht gewöhnt, von Fremden fotografiert zu werden.

© Jeremy Grier

Es war eine Lernerfahrung, aber auch eine Gelegenheit, mich wieder mit meinem Arbeitsprozess intensiver auseinander zu setzen und ihn zu verlangsamen, so dass ich mich hauptsächlich mit dem Großformat beschäftige. Ich mag Farbe, das muss ich zugeben, und ich mag die 400er und 800er Filme von Lomography sehr. Lomography Color Negative 800 ist ein Film, den ich sehr schätze und der meiner Meinung nach dunklere Teints und Farben sehr gut wiedergibt.

Du hast erwähnt, dass es im Norden der USA keine große Fotokultur gibt. Welche Erfahrungen hast du bei deinem Vorhaben die Menschen deines Heimatortes zu dokumentieren gemacht?

Der Zugang war, dass mein Vorhaben für mich gleichermaßen wichtig war, wie für die Menschen meiner Ortschaft - ob sie das nun so sehen oder nicht. Ich bin nach New York gegangen, da war ich 24, da war noch viel los. Ich kam zurück mit 27 oder 28 und in diesen vier Jahren hatte sich so viel für mich verändert. Deshalb war es so wichtig für mich diesem Projekt die Zeit und Aufmerksamkeit zuzuwenden und etwas zu erkunden, von dem ich das Gefühl hatte, dass es noch nicht erkundet worden war.

© Jeremy Grier

Der Prozess war frustrierend, weil ich das Gefühl hatte, die Leute verstehen mein Vorhaben nicht. Es war ihnen egal, dass ich für die New York Times fotografierte. Ein paar Leute waren beeindruckt, aber die meisten fragten mich: "Was tust du da?". Aber mein Zugang war, dass es um sie ging, um mich, dass es einer gemeinsame Anstrengung aber auch Motivation bedurfte es zu vollenden.

Gibt es Projekte, an denen du gerade arbeitest von denen du uns erzählen möchtest?

Ich arbeite weiter an diesem Projekt über die Menschen im Norden. Dort werden immer weiter Fotos entstehen. Das, was mich am meisten daran interessiert hier in Brooklyn zu leben ist es die wunderbare und diverse schwarze queer Community, die hier lebt, zu dokumentieren. Und sonst arbeite ich hauptsächlich an Auftragsarbeiten.

© Jeremy Grier

Ich habe auch an einem Projekt in Frankreich gearbeitet. Ich bin letzten Oktober - das erste Mal international - nach Paris gereist. Ich kann gar nicht glauben, dass das schon fast ein Jahr her ist. Ich habe dort einige Männer fotografiert. Ich glaube, ich habe ein besonderes Auge und den nötigen Respekt fürs Dokumentieren von schwarzen Männern.

Ich würde gerne etwas mit diesen Fotos machen. Vielleicht ein kleines Zine rausbringen, oder sowas ähnliches. Irgendeine Art Ausstellung dieser Bilder in einem Raum, in dem Leute sich mit ihnen auseinander setzen können. Das ist eines der Projekte, an denen ich zur Zeit arbeite und die ich hoffentlich vor Ende des Jahres noch fertigstellen kann.

© Jeremy Grier

Hast du Ratschläge für neue Fotograf:innen bzw. junge Menschen, die darüber nachdenken mit dem Fotografieren anzufangen?

Mein Ratschlag wäre: macht eure Hausaufgaben, recherchiert darüber wer schon was gemacht hat, was euch interessieren könnte. Was sind die Wurzeln? Was ist die Geschichte? Wer hat zu den Dingen beigetragen, für die du dich interessierst? Welche Medien wurden zur Herstellung dieser Arbeiten verwendet? Wie sieht der Prozess aus? Und was ist deine Inspiration außerhalb anderer Menschen und Dinge, die du gerade erlebst.

Inspiration heißt nicht immer Freude und Glückseligkeit. Die Erschaffung eines Bildes kann auch aus einem dunklen Ort in dir kommen. Einem Ort der Ungewissheit, der Sprachlosigkeit. Als ich mit dem Fotografieren anfing, fehlten mir einfach die Worte. Lass dich von deinen Inspirationsquellen leiten. Nutze die Dinge, die in deinem Leben passieren. Finde deine Stimme.


Vielen Dank Jeremy für das schöne Interview. Mehr von ihm findest du auf Instagram und seiner Homepage.

geschrieben von sylvann am 2022-09-29 in #Kultur #Menschen

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Ein Kommentar

  1. drummond
    drummond ·

    astonishing peaceful pics from the united states !

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