Lomography auf der Kunstuni - Esther Vörösmarty's GHOST

Fotografie ist eines der zugänglichsten Medien unserer Zeit und nimmt durch Smartphones und soziale Medien einen riesigen Teil unseres Alltags ein. Aber wo findet gerade Filmfotografie in der Kunstpraxis noch Platz? Und wie gehen junge Künstler:innen mit diesem analogen Medium um? Um diesen Fragen nachzugehen, widmen wir uns in dieser neuen Serie dem Schaffen an den Fotoklassen der Kunstunis.

Unsere erste Station ist die Klasse Kunst und Fotografie der Akademie der bildenden Künste Wien. Fünf Student:innen konnten sich Lomography Equipment und Filme aussuchen. Den Anfang machte Stephan Wiesinger, der sich über die Fotografie an seine Vergangenheit und Kindheit herantastete.

Heute widmen wir uns Esther Vörösmarty, die mit der Lomo'Instant Wide eine multimediale Arbeit geschaffen hat, die von Performance über Sofortbild zu 3D-Modelling gewandelt und schlussendlich in einer Videoarbeit mit dem Namen ゴースト’ - GHOST kulminiert ist.

(c) Esther Vörösmarty + Regina Fuchs ("Rage")

Liebe Esther, willkommen im Lomography Magazin! Bitte erzähl uns erstmal ein bisschen von dir.

Hi Lomography Magazin. Geboren in Wien, studiere ich Kunst und Fotografie an der Akademie der bildenden Künste Wien. Meine Arbeit umfasst Textilien, Fotografie, Video, Skulptur und Performance. Mich beschäftigt zum Beispiel, wie die sozialen und mentalen Räume des modernen Subjekts durch eine detaillierte Analyse der kulturellen Vergangenheit und der physischen Umgebung, die uns umgibt, konstruiert werden. Obwohl die Fotografie immer noch ein zentraler Ausgangspunkt meiner Arbeit ist, habe ich das Feld der Kunst für mich erweitert, um mehr Raum für Darstellungsmöglichkeiten zu erlangen.

Als bildende Künstlerin bin ich daran interessiert, den Begriff der Skulptur auf nahezu alle visuellen Medien auszuweiten und Performance, Fotografie, Skulptur und Installation zu einem Gesamtkunstwerk zu verbinden. Die Umsetzung von Körperstrukturen und deren Dialog mit räumlichen (De-)Konstruktionen im Prozess der Fotografie spielt dabei eine wesentliche Rolle, wobei die Installationen auf aktuelle wie historische Ereignisse oder philosophische Themen, wie Transformation und Transzendenz Bezug nehmen. Sie fügen sich zu ungebremsten Bildfolgen zusammen und thematisieren Fragen der Identität und der menschlichen Existenz. Die oft surrealen, verfremdenden Inszenierungen der Filme und Fotografien überlagern sich mit Geschichte, Erinnerungen und Symbolen zu einer komplexen Kosmologie.

Es macht mir Spaß, über die Biologie hinaus zu blicken, um die Erfindungsgabe der Form zu erforschen und narrative Modelle aus anderen Bereichen wie Biografie, Überlieferung oder Geologie zu verwenden, um eine hypenalisierte und skatologische Vision von Leben und Tod zu schaffen. Die Nutzung der konstruierten und natürlichen Grenzen des Körpers und der physischen Dynamik, die ständig zwischen disziplinierter Selbstbeherrschung und energetischem Antrieb schwankt, ist eine Geschichte, die ich erzählen möchte. Diese metaphorischen Universen stellen somit Momente als einen Zustand der reinen Transformation dar.

Wie und wann bist du zur Fotografie gekommen?

Ich bin bereits als Kleinkind durch meinen Vater zur analogen Fotografie gekommen, er hat sehr gerne fotografiert, wir sind oft stundenlang herumgegangen, waren spazieren und haben fotografiert. Er hatte so eine tolle Kamera damals, es war eine Minolta Spiegelreflex, mit einem aussergewöhnlichen Objektiv. Diese Kamera schaffte so eine einzigartige Farb- und Lichtwelt, leider weiß ich die Type nicht mehr.

Und dann war da eine Freundin vor langer Zeit, die mich gefragt hat, ob ich für Freunde ein Plattencover mit ihr gemeinsam fotografieren möchte. So hat alles begonnen. Seit damals habe ich dann Autodidakt in diesem Bereich gearbeitet.

(c) Esther Vörösmarty + Regina Fuchs ("Rage")

Du studierst in der Klasse Kunst und Fotografie an der Akademie der bildenden Künste Wien. Warum hast du dich für den künstlerischen Weg entschieden?

Für mich öffnen sich dadurch Türen unendlicher Ausdrucksmöglichkeiten, die keinen Standards oder Richtlinien unterliegen. Es ist die ehrlichste und freieste Form des kompromisslosen Ausdruckes, in welchem Beruf ist das sonst noch möglich. Mir war wichtig, eine breitere Palette zur Auswahl zu haben, um arbeiten zu können, vielseitig zu sein. Die Klasse Kunst und Fotografie an der Akademie der bildenden Künste unter Professor Martin Guttmann ist mir aufgefallen, da wollte ich studieren, um meine Arbeiten zu erweitern und um einen künstlerischen Diskurs mit Gleichgesinnten zu suchen.

Welchen Stellenwert hat analoge Fotografie deiner Meinung nach in der modernen bildenden Kunst?

Abgesehen von den technischen und günstigen Vorteilen der digitalen Fotografie geht es doch im Endeffekt darum was du ausdrücken kannst dadurch, da sollte der Fokus liegen. Welches Werkzeug/Kamera für welche Arbeit passend ist. Mir ist nicht so wichtig ob digital oder analog, das Ergebnis zählt. Es gibt Werke, wo die analoge Fotografie Dinge ermöglicht hat, die mit digitaler Fotografie nicht möglich gewesen wäre. Jeder Künstler bedient sich anderer Werkzeuge. Ich denke nicht, dass es da ein besser oder schlechter gibt. Obwohl ich sagen muss, dass ich bei einigen Fotografien, vor allem bei Großformaten die Unterschiede sehen konnte. Es war fast so, als ob die analoge Fotografie dreidimensional wäre und die digitale zweidimensional, ich habe oft den Unterschied in Tiefen, Farbe und Raum entdecken können. Wenn es aber in den Werken nicht um diese Details geht, kann eine einfache Digitalkamera auch ausreichend sein.

Gibt es KünstlerInnen/FotografInnen, die dir als Vorbilder dienen?

Matthew Barney zum Beispiel arbeitet im Bereich der Fotografie, Videokunst und Skulptur sehr interessant. Seine Cremaster Serie hat mir damals eine völlig neue visuelle Welt eröffnet.

(c) Esther Vörösmarty + Regina Fuchs ("Rage")

Was war das Konzept hinter der Arbeit?

Das Konzept von ゴースト’ ist im Arbeitsprozess entstanden. Wir wollten eine surrealistische Welt schaffen, Sichtbares mit nicht Sichtbarem vereinen. In Schichten und Layern auftragen, übereinander legen, so lange bis die visuelle Umsetzung ein neues Wesen erscheinen ließ. Wie einen Geist. Die mehrmaligen Überblendungsmöglichkeiten mit der Sofortbildkamera, haben das einfach gemacht. Wir fanden das auch lustig, weil es uns ein bisschen an diese alten, skurrilen Geisterfotografien von früher erinnert hat, wo schemenhaft eine Person oder ein fiktiver Geist zu erkennen ist. Diese Auseinandersetzung mit diversen Dimensionen, Realität, Fiktion, traumähnlichen Sequenzen und Transformationen war Ausgangspunkt der Arbeit. Während dem Arbeitsprozess ist uns dann auch noch aufgefallen, dass die Lichtkompositionen durch die mehrfachen Überblendungen das geisterhafte noch unterstrichen haben. Dadurch wirken die Fotos leicht und schwebend. Das Zusammenspiel zwischen Zufallsgenerator und Komposition, war uns hier wichtig, um neue transzendente und sphärische Dimensionen kreieren zu können.

Die Kostüme haben wir dann für dieses Projekt selber angefertigt. ゴースト, japanisch für Geist, war dann ein lustiger Zufall, den ich entdeckt habe, die Schriftzeichen sehen so aus, als ob jemand vor einem Geist davon läuft. Somit sind unsere Wesen, zwischen den Ebenen, zwischen Realität und Fiktion, nicht greifbar. Um die Vielschichtigkeit der Bilder weiter zu verarbeiten, habe ich dann 3D Scans von diesen Fotografien und anderen diversen Objekten angefertigt und dann als 3D Objekt ausgedruckt. Hier ist das nicht Greifbare zu einem fühlbaren Objekt transformiert, der 3D Druck entsteht genauso in vielen Schichten, wirkt wie eine zweite Haut. In weiterer Folge hat dann Regina aus diesen 3D Scans die 3D Animation gestaltet. Die Animation umfasst die gleichen Parameter, auch hier wird Schicht für Schicht aufgetragen, und erzählt von einer neuen, surrealen Welt, wie Traumsequenzen zwischen dem Licht und seinen neu geschaffenen Wesen, uns beiden.

Es war uns wichtig, die analoge Fotografie mit der neuesten Technologie zu vereinen, hier Zusammenhänge herauszuarbeiten. Ich denke, das macht das Projekt interessant, man belässt es nicht einfach in seiner ursprünglichen Existenz, sondern als Teil der Gegenwart und Zukunft wird es auf andere Ebenen gehoben.

Ihr konntet euch ja das Equipment aussuchen, warum hast du dich für die Sofortbildkamera entschieden?

Die Sofortbildkamera war technisch einfach ideal, um Mehrfachbelichtungen zu probieren, sofort Ergebnisse zu sehen und dann auch gleich damit weiter arbeiten zu können.

Ihr habt zu zweit gearbeitet, was im Kunstkontext eher eine Seltenheit ist. Kannst du uns ein bisschen von deiner Kollegin erzählen? Wie war da die Arbeitsteilung?

Ich arbeite oft alleine aber auch gerne in Kooperationen oder Kollektiven. Es interessiert mich wie andere Künstler mit diversen Themen umgehen und arbeiten, deshalb habe ich in den letzten Jahren auch immer wieder Ausstellungen kuratiert und nach Künstlern Ausschau gehalten, um interessante Projekte zu verwirklichen. Regina Fuchs aka ‚rage‘ habe ich durch Freunde kennengelernt und ihre 3D Arbeiten super gefunden. Ich habe sie gefragt, ob sie Lust hätte da mitzumachen. Sie arbeitet als Autodidakt und hat bereits interessante Projekte verwirklicht im 3D Animations Bereich. Wir sind einfach ins Atelier gefahren, haben zwei Kassetten durchgeschossen, und dann hat jeder von uns mit dem Material weitergearbeitet.

(c) Esther Vörösmarty + Regina Fuchs ("Rage")

Wie würdest du die Arbeit gerne präsentieren?

Ausserhalb dieses Interviews mit Lomography, könnte ich mir eine Ausstellung vorstellen, wo die ausgesuchten Künstler ihre Werke präsentieren könnten, um einem breiteren Publikum die Möglichkeit zu geben, die Werke zu sehen.

Gibt es zukünftige Projekte/Ausstellungen von dir, von denen du uns erzählen möchtest?

Ich bin zur Zeit dran, zu meiner aktuellen Webseite, zusätzlich eine neue zu machen. Diverse Ausstellungen und Projekte beginnen dann im Herbst wieder, jetzt schau ich mal aufs Meer, leere meinen Kopf.


Vielen Dank an Esther für die schöne Arbeit und das Interview. Mehr von ihr findest du auf ihrer Homepage.

geschrieben von permanent_vacation am 2022-09-08 in #Kultur #Videos

Erwähntes Produkt

Lomo'Instant Wide

Lomo'Instant Wide

Ganz aufgeregt sind wir, denn wir stellen euch die Lomo'Instant Wide vor — die weltweit kreativste Sofortbildkamera mit Objektivsystem für das Fujifilm Instax Wide Format. Sie vereint qualitative Handwerkskunst mit vielseitigen kreativen Einstellungsmöglichkeiten, die Lomo'Instant Wide ist die richtige Sofortbildkamera für jeden, der die schönsten, verrücktesten und abenteuerlichsten Momente unseres Alltags in originellen, weitwinkligen, außerordentlich scharfen und perfekt belichteten Bildern festhalten will.

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