Lomography auf der Kunstuni - Stephan Wiesinger und die Vergangenheit

Fotografie ist eines der zugänglichsten Medien unserer Zeit und nimmt durch Smartphones und soziale Medien einen riesigen Teil unseres Alltags ein. Aber wo findet gerade Filmfotografie in der Kunstpraxis noch Platz? Und wie gehen junge Künstler:innen mit diesem analogen Medium um? Um diesen Fragen nachzugehen, widmen wir uns in dieser neuen Serie dem Schaffen in den Fotoklassen der Kunstunis. Unsere erste Station ist die Klasse Kunst und Fotografie der Akademie der bildenden Künste Wien. Fünf Student:innen konnten sich Lomography Equipment und Filme aussuchen. Den Anfang macht Stephan Wiesinger, der sich für sein Projekt für den LomoChrome Metropolis 2021 35 mm und den Color Negative 800 120 entschieden hat.

©Stephan Wiesinger + LomoChrome Metropolis 2021 35 mm

Lieber Stephan, willkommen im Lomography Magazin! Bitte erzähl uns erstmal ein bisschen von dir.

Hi Lomo! Eigentlich bin ich recht einfach gestrickt was wahrscheinlich mit meiner Kindheit im Waldviertel zu tun hat. Ich lieb die Natur, kann aber auch nicht ohne die Großstadt. Einen großen Stellenwert hat bei mir auch der Sport - es fällt mir wirklich schwer mal einen Tag die Füße still zu halten. Ich hab auch eine große Vorliebe für skandinavische Designmöbel aus dem letzten Jahrhundert.

Wie und wann bist du zur Fotografie gekommen?

Ich fotografier schon sehr lang analog. Angefangen hats mit ausrangierten Kameras aus der Familie - ich glaub ich fand’s damals schade diese technischen Artefakte einfach wegzuwerfen. Generell bin ich einer, der in Dingen immer eine Geschichte sieht und ein klein wenig mit der Tatsache der Endlichkeit zu kämpfen hat. Dieser Umstand zieht sich auch etwas durch mein künstlerisches Tun. Meine erste Digitale Kamera hab ich mir tatsächlich dann erst letztes Jahr gekauft, aber eigentlich nur zu dokumentativen Zwecken.

Du studierst in der Klasse Kunst und Fotografie an der Akademie der bildenden Künste Wien. Warum hast du dich für den künstlerischen Weg entschieden?

Auf den Gedanken, dass sich für meine Arbeiten auch andere interessieren könnten, bin ich recht spät gekommen. Eine ganz spezielle Person hat mir da mal die Augen geöffnet und gezeigt, dass der Apparat der bildenden Kunst es einem ermöglicht, sich auf eine einzigartige Art ausdrücken zu können. Dafür ist es auch ein Privileg an der Akademie zu studieren und all die Werkstätten und Atelierräume nutzen zu können. Auch der Austausch mit den StudienkollegInnen und den ProfessorInnen ist sehr viel wert.

©Stephan Wiesinger + LomoChrome Metropolis 2021 35 mm

Welchen Stellenwert hat analoge Fotografie deiner Meinung nach in der modernen bildenden Kunst?

Fotografie hatte nie ein leichtes Standing. Ich glaub aber, dass es ein essenzielles Mittel sein kann. Für mich ist analoge Fotografie sehr oft auch einfach Ausgangspunkt für spätere Arbeiten. Durch die Linse analoger Kameras sieht man die Welt anders, etwas entschleunigter. Ich bin ein tendenziell eher ungeduldiger Mensch, was oft dazu führt, nicht in der Gegenwart zu sein sondern irgendwo in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu stecken. Wenn ich mit meiner Kamera unterwegs bin, hab ich das Gefühl, dass ich Situationen bewusster wahrnehmen kann.

Hast du fotografische Vorbilder?

Wenn ich wen nennen müsste, dann wärs wohl Eadweard Muybridge. Er war ein Pionier der Fotografie und vor allem sein Experiment The Horse in Motion von 1878, wo er mithilfe von Kameras bewies, dass es beim Galopp eines Pferdes einen Moment gibt, bei dem alle Hufe vom Boden abheben, hat mich fasziniert.

Warum hast du dich für den LomoChrome Metropolis entschieden und was war das Konzept hinter den Fotos?

Grundsätzlich wollte ich das Konzept des Films brechen indem ich ihn nicht in einer Großstadt, sondern in einer ländlichen Umgebung verwende. Der Ort, den ich dafür gewählt hab, ist mein Heimatdorf. Tatsächlich hab ich hier noch sehr wenig fotografiert, was wohl daran liegt, dass ich ihn immer als selbstverständlich empfand. Er fühlte sich lang nicht speziell an. Erst nachdem es mich in die Großstadt gezogen hat, hab ich begonnen den Ort auf eine andere Art wertzuschätzen.
Das Konzept hat also auch Parallelen zu meiner persönlichen Entwicklung. Ich wollte den Heimatort mit den gereiften Augen der Großstadt begutachten. Grundsätzlich experimentiere ich auch gern und lass mich von meiner Intuition leiten. Mich hat es auch interessiert, wie sich die Filmeigenschaften bei nicht dafür vorgesehenen Begebenheiten verhalten. Über Motive hab ich mir kaum Gedanken gemacht, bevor ich den Film zu schießen begann. Ziel war es vorrangig, intuitiv Eindrücke und Gefühle in sehr vertrauter Umgebung festzuhalten.

Mit welcher Ausrüstung hast du die Fotos gemacht?

Kamera: Olympus OM-4
Objektive: 1:2,8 f = 24 mm / 1:1,8 f = 50 mm

©Stephan Wiesinger + Color Negative 800 120

Warum hast du dich für den Color Negative 800 entschieden? Was war das Konzept hinter den Fotos?

Die Bildserie zeigt Makroaufnahmen von Artefakten meiner Kindheit - also Dinge von denen sich meine Großeltern, meine Eltern - oder später ich - nicht trennen konnten. Dabei wollte ich nicht den gesamten Gegenstand, sondern nur Teile davon fotografieren. Da ich dafür sehr nah an die Objekte ran musste, hab ich hier mit insgesamt 3 Zwischenringen gearbeitet, um bei meiner Hasselblad mehr Abstand vom Gehäuse zum Objektiv zu schaffen. Beim Film hab ich daher einen mit hoher Lichtempfindlichkeit benötigt.
Konzeptuell wollte ich beide Bildserien verknüpfen. Während ich mit dem Metropolis Film meine eigene Entwicklung und einen nostalgischen Blick zurück visualisieren wollte, war es beim Color Negative 800 das Ziel, Details sehr persönlicher Dinge von damals zu zeigen. Es sollten bewusst nur Ausschnitte sein, da ich einerseits einen Interpretationsspielraum offen lassen und andererseits meine persönlichsten Gegenstände nicht zur Gänze zeigen wollte.
Durch die Verwendung von 3 Zwischenringen gibt es in manchen Fotos einen Belichtungsfehler, was wahrscheinlich auf einen Lichteinfall bei den Zwischenringen zurückzuführen ist. Ich finde diese zufällig entstandene, leichte Imperfektion aber sehr stimmig.

Mit welcher Ausrüstung hast du die Fotos gemacht?

Kamera: Hasselblad 500 C/M
Objektiv: Zeiss Planar T✻ 80 mm f/2.8
3 x Hasselblad Zwischenringe (21 mm, 55 mm & 55 mm)

Gibt es zukünftige Projekte oder Ausstellungen von dir von denen du uns erzählen möchtest?

Im September findet die Ausstellung "Fotografie am Brillantengrund" im Hotel am Brillantengrund statt. Es ist eine Gruppenausstellung mit StudienkollegInnen der Klasse Kunst+Fotografie. Genaues Datum tbd.

©Stephan Wiesinger + Color Negative 800 120

Vielen Dank Stephan für das schöne Interview! Mehr von ihm findest du auf seiner Website oder seinem Instagram.

geschrieben von anna_attar am 2022-06-24 in #Kultur #kunstfotografie #bildende-kunst #kunstuni

LomoChrome Metropolis 35 mm ISO 100–400

Dieser Film ist ausgestattet mit einer einzigartigen chemischen Mischung die speziell in unserer Lomography Manufaktur hergestellt wird um Farben zu entsättigen, Töne zu dämpfen und Kontraste zu stärken.

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