Künstlerportrait - Fotografien wie gemalt von Heike Baltruweit

Heike Baltruweit ist Fotokünstlerin und betreibt außerdem ihre eigenen Galerie in Hamburg, wo sie auch Diplom-Pädagogik studiert hat. Außerdem studierte sie an der Universität Duisburg-Essen Educational Media. Bereits seit 2015 arbeitet Heike als künstlerische Fotografin und kreiert Fotografien, die wie Malerei wirken, ganz ohne Nachbearbeitung, und nicht gleich preis geben, was da eigentlich abgebildet ist. Sie sollen zeigen, dass Malerei und Fotografie Art-verwandt sind oder auch »Sisters in Art«. Ihre Galerie nutzt Heike als Gestaltungsraum, in dem sie ihre Werke in verschiedenen Ausstellungskonzepten zeigt und auch mit Werken anderer Künstler kombiniert. Sie stellt ihre Werke aber auch international aus und gewann für ihre außergewöhnlichen Kreationen im September 2020 den Woman Art Award in Rom. "Verknüpft mit Augmented Reality (AR) mache ich den Ursprungsort meiner abstrakten Kompositionen oder deren Bezug zu gemalten Werken sichtbar." In diesem Interview lernst Du Heike und ihre Arbeiten kennen, also lehn Dich zurück und lass Dich inspirieren!

© Heike Baltruweit | Fairytale dreams | Unbearbeitete Fotografie, 2020, Druck auf transparentes Polycarbonat, 80 x 66 cm
"Plakatreste und Grafitti bilden diese märchenhafte Komposition. Bild und Rahmen sind hinter 1 cm starkem Acrylglas gedruckt. Der Rand um den Rahmen und zwischen Bild und Rahmen ist transparent, wobei durch Schatten und Licht eine eigene räumlich-plastische Wirkung des planen Objekts entsteht. Die Art und Präsenz des Rahmens – häufig verwendet bei impressionistischen Gemälden – verstärkt den Gemäldecharakter und ironisiert ihn gleichzeitig, er ist gedruckt und nicht plastisch."

Wie hat Deine Reise mit der Fotografie begonnen? Was bedeutet Fotografie für Dich?

Durch das Fotografieren habe ich mein Interesse an Kompositionen von Farben, Strukturen, Materialien entdeckt und zunehmend begonnen, mich – nicht manuell, sondern visuell – mit der aktuellen Kunst auseinanderzusetzen. Interessant dabei ist für mich besonders, dass bestimmte, oft auch sehr artifizielle Stilmittel in der Malerei oder einzelner Künstler in der realen Welt eine visuelle Entsprechung haben, ganz ohne malerische Aktion.
Ich sehe als Fotografin in meiner Umwelt quasi fertige Kompositionen, Bilder mit interessanten Farb- oder Materialstrukturen, wie gemalt in verwitterten Hauswänden, wie collagiert in Spiegelungen in Fensterscheiben. Farb- und Materialstrukturen, abstrakte und konkrete Bildmotive, Collage und Decollage, künstlerische Themen, Stilmittel und Techniken, all das finde ich mit Malerei oder Grafik zum Verwechseln ähnlich in der realen Umgebung als Fotomotive. Die von mir wahrgenommenen Kunstwerke zeige ich, wie ich sie erlebt und vorgefunden habe, weder arrangiert oder künstlich beleuchtet, nicht im Ausschnitt verändert oder nachträglich bearbeitet. Sie sind "Pure Photography".
Die Kompositionen meiner Fotografien rufen oft Assoziationen zu malenden Künstlern hervor: Spiegelungen von Menschen auf einer Plastikplane wecken Assoziationen zu Rakelbildern von Gerhard Richter; Reflektionen im Wasser erinnern an Schwimmbadbilder von David Hockney.

© Heike Baltruweit | Diptychon: Silhouettes 1-2 | Unbearbeitete Fotografie, 2019, echter Foto-Abzug auf Alu-Dibond, 76 x 51 cm inkl. Rahmen
"Die durch und durch grafische Anmutung dieser beiden zu einem Diptychon zusammengefassten Fotografien wird gefördert durch die architektonische Situation mit den Blick durch einen Glasfußboden, bedruckt mit weißen Rasterpunkten, die eigenwillige Fenstergestaltung und die fotografisch geschickt genutzte Gegenlichtsituation."

Du fotografierst hauptsächlich urbane Strukturen, vieles davon könnte man als ‚kaputt‘ bezeichnen, aber Du verwandelst es in abstrakte Kunstwerke – wie kamst Du auf die Idee und wie suchst Du Deine Motive aus?

Die unabsichtlich entstandenen Spuren menschlichen Lebens sichtbar zu machen ist für mich ein zentrales Thema. Paul Klee hat über die Kunst gesagt: „Kunst zeigt nicht das Sichtbare, sondern macht sichtbar“. Das trifft unter anderem auch auf meine Arbeiten zu. Ich gehe mit „offenem Blick“ durch die Welt und sehe das Ästhetische in der Zerstörung, den Spuren der Verwitterung, des Verfalls und im Alltäglichen. Meine Kunstwerke entdecke ich an ungewöhnlichen Orten: an Elektrokästen, an Müllcontainern, in U-Bahnhöfen, auf Briefkästen. Das sind oft kleine Details im öffentlichen Raum, an denen wir Tag für Tag achtlos vorübergehen, da sie unscheinbar, winzig oder häufig einfach zufällig und unbeabsichtigt entstanden sind. Momentaufnahmen der durch Wetter und Menschen geschaffenen und sich ständig verändernden städtischen Natur. Das Bildhafte ihrer Erscheinung ist dabei losgelöst von den eigentlichen Gegenständen, ihren Funktionen und ihrem Zustand. Durch die überlegte Setzung des Ausschnitts werden sie zu originalen eigenständigen Werken, zu einer eigenen StreetArt.

© Heike Baltruweit | Portrait der Künstlerin

Du hast Deine Kunstwerke auch in Teller und ein Kleid verwandelt – was gab den Anstoß dazu?

Ganz praktisch: Leben mit Kunst und Auseinandersetzung mit Ästhetik muss sich nicht auf Bilder an der Wand beschränken, da ist auch häufig gar kein Platz mehr. Das Bild auf dem Teller kann sich in den alltäglichen Ablauf integrieren und so eine ganz neue und eigene Präsenz entwickeln.
Es geht mir vor allem darum, Kunst mit verschiedenen Medien zu kombinieren und einen Mehrwert durch Kooperationen zu schaffen. Kunst auf Porzellan-Teller gebrannt und auf Stoff gedruckt sind interessante Präsentationsformen, die zudem Kunst und Handwerk miteinander verbinden.
Darüber hinaus sind für mich besonders auch virtuelle Medien, wie Augmented Reality und 360-Grad-Videos im Zusammenspiel mit Kunst interessant. Ich bin fasziniert von den Möglichkeiten, die Realität meiner Bilder mit einer erweiterten virtuellen Realität zu verschmelzen und mit einer App in Bewegung zu bringen. Durch Erweiterung meiner Bilder mit Augmented Reality und 360-Grad-Videos eröffnen sich neue Präsentationsmöglichkeiten und ich kann zeigen, wie ich „die Welt“ sehe, wo ich Kunstwerke in meiner natürlichen Umgebung finde und welchen z. B. gemalten Kunstwerken sie ähneln.

© Heike Baltruweit | Abendkleid "Composition in blue"

Du wirst zwei Deiner Arbeiten im Rahmen des Woman‘s Essence 2021 in Wien ausstellen – was bedeutet Dir diese Ausstellung (und der damit verbunden Woman Art Award)?

Ich habe den Woman Art Award im September 2020 in Rom für ungewöhnliche Art der Fotografie verliehen bekommen, die zeigt, dass Malerei und Fotografie „Art“-verwandt sind. Deswegen freut es mich besonders, dass ich eingeladen worden bin, in diesem Jahr mit zwei Bildern an der Woman‘s Essence 2021 (WE 2021) teilzunehmen, die vom 19. bis 21. Juni in Wien, in der Salmgasse, in einem historischen Gründerzeitpalais nahe dem Rochusmarkt stattfindet. Das Projekt WE Contemporary 2021 wird unterstützt von Musa International Art Space (Italien) und Salmgasse Foundation (Österreich).

Hast Du ein Lieblingsfoto? Warum gefällt es Dir besonders gut?

Meine Lieblingsfotos variieren, beeinflusst von der Stimmung oder der Aktualität. Am Interessantesten finde ich aber immer die Fotografien, die vielschichtig und komplex sind, in denen ich immer wieder neue Details entdecke, die Geschichten erzählen. Interessant ist für mich auch, was Betrachter mit meinen Bildern verbinden oder welche Geschichten sie zu den ausgestellten Bildern erzählen. Durch die Geschichten – es gibt dafür ein eigenes Format, die ArtStories – werden in den Bildern Akteure, Handlung oder Stimmung lebendig. Auch diese Geschichten beeinflussen meine jeweiligen Lieblingsfotos.
Mein derzeitiger Favorit ist die Serie Subway spotting. Die Fahrgäste spiegeln sich in den Deckenplatten eines U-Bahnhofes. Die kräftigen Farben wirken wie mit dicken Pinselstrichen gemalt. Beim genaueren Hinsehen sind in den hellblauen Farbflächen Masken erkennbar, die die Fahrgäste tragen, ein Gesicht – durch die unebenen Metallplatten fratzenhaft verzerrt. Die Serie ist ein Statement unser aktuellen Pandemie-erschütterten Lebenswelt, ohne allzu deutlichen Fingerzeig. Wer sich mit den Bildern dieser Serie auseinandersetzt, findet dort die Monster der Gegenwart aber auch das Hineinfügen in die Situation und eine gewisse Komik. Deswegen mag ich die Serie Subway spotting im Moment besonders.

© Heike Baltruweit | Subway spotting 9 | Unbearbeitete Fotografie, 2020, Druck auf Leinen, 65 x 85 cm inkl. Rahmen
"Wie gemalt erscheint diese Fotografie auf dem Bahnsteig Jungfernstieg in Hamburg. Formen und Farben entstehen durch die Bewegung der Fahrgäste, deren Masken und Kleidung, sich verzerrt in den Deckenplatten des Bahnhofs spiegeln. Die Fotografie hat eine starke Affinität zu einem Plakat von Milton Glaser für Bob Dylan."

Zu guter Letzt: Hast Du ein paar inspirierende Worte/Tipps für unsere Leser?

Unser Sehen und unsere Wahrnehmung werden ja in großen Teilen davon bestimmt und eingeschränkt, dass wir genau zu wissen glauben, was das ist, was wir wahrnehmen: eine Straße, ein Schild, eine Wand, was sonst? Ich möchte mit meiner Art der Fotografie einladen und ermutigen, die Dinge unvoreingenommen zu sehen, zu abstrahieren, was es – abgesehen von dem Offensichtlichen – sonst noch alles bedeuten kann.
Mir ist es wichtig, mit meinen Fotografien anzuregen, die Welt mit „anderen Augen“ zu sehen, sich mit den komplexen Kompositionen in der natürlichen Umgebung auseinanderzusetzen, Bekanntes zu entdecken, Raum für Interpretationen und Assoziationen zu der eigenen Geschichte zu ermöglichen und "Kunstwerke" auch selbst in der natürlichen Umgebung zu entdecken.


Vielen Dank an Heike, dass sie ihre Arbeiten und Gedanken dazu mit uns geteilt hat. Schau auf ihrer Website , Instagram- und Facebookseite vorbei und lass Dich von Heikes einzigartigen Fotografien inspirieren!

geschrieben von alinaxeniatroniarsky am 2021-04-21 in #Menschen #kunst #fotokunst

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