Reimund Bellings Streetfotografie auf Babylon Kino ISO 13

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Jahrgang 1953, machte ich ab 1970 zunächst eine Lehre als Schriftsetzer. In diesem leider ausgestorbenen Beruf arbeitete ich dann zunächst 15 Jahre, bevor ich Mitte der 80er-Jahre nach Abitur am Abendgymnasium und Zeitungsvolontariat Journalist wurde. Etwa zu dieser Zeit fand ich Spaß am Fotografieren und leistete mir eine Nikon F3. Die kam dann auch in meinem neuen Beruf als Lokal- und Regionalreporter häufig zum Einsatz. Zu vielen Berichten und Reportagen machte ich die Fotos selber, obwohl das damals noch nicht von schreibenden Journalisten verlangt wurde.
1996 wechselte ich dann das Medium. Für den Norddeutschen Rundfunk arbeitete ich zunächst als freier Fernsehautor und realisierte aus dem Studio Oldenburg aktuelle Beiträge, Reportagen und Features für das NDR-Landesprogramm und ARD-Tagesschau/Tagesthemen. 1999 wurde ich dann fest angestellt. Bis 2016 arbeitete ich dann überwiegend als Redakteur im Aktuellen, war aber immer wieder auch mit Kamerateams unterwegs.
Seit 2016 bin ich nun Rentner und kann mich ganz meiner großen Leidenschaft widmen: Der Straßenfotografie.

Ich glaube, mein Beruf als Journalist hat meinen fotografischen Stil geprägt. Ein szenischer Einstieg hat mir die Arbeit an längeren Zeitungstexten immer erleichtert und auch in Fernsehseminaren lernt man, einen Beitrag möglichst mit einem starken Bild zu beginnen. Das hat mich wohl zu einem guten und genauen Beobachter gemacht.

© Reimund Belling

Warum ich analog fotografiere und was diese Art der Fotografie für mich bedeutet:

Fotografie ist für mich Magie. Was mich bewegt, erfreut, ärgert oder staunen lässt, kann ich auf einem Stück Film konservieren und später mit ein paar Chemikalien wieder lebendig machen. Bis heute habe ich dieses Kribbeln in der Magengegend, wenn ich einen frisch entwickelten Film aus dem Tank nehme und ihn noch nass gegen das Licht halte und prüfe, „ob was drauf ist“. Mir geht es nicht allein um das fertige Bild – zum Fotografieren gehört für mich der gesamte Vorgang bis zum getrockneten Abzug. Auch in der Fotografie kann der Weg das Ziel sein.

Als Straßenfotograf bilde ich das Leben ab. Und das Leben ist analog! Es ist zu schön und zu aufregend, um es als Nullen und Einsen in elektronischen Schaltkreisen zu verschlüsseln. Den Grundstein für diese Sichtweise hat wohl schon mein erster Beruf in Druckereien gelegt. Die Symbiose von oft schwerer handwerklicher Arbeit und Kreativität hat mich von Anfang inspiriert und wohl mein Faible für haptisches Erleben begründet

© Reimund Belling

Meine Erfahrungen mit dem B&W ISO 13 :

Natürlich ist so ein niedrigempfindlicher Film nicht die erste Wahl für einen Straßenfotografen, der ja meistens ganz spontan reagieren muss. Normalerweise arbeite ich mit ISO 125 oder ISO 400. Insofern war dieser Filmtest schon ein kleines Abenteuer und ich war sehr gespannt auf die Ergebnisse. Die entwickelten Filmstreifen haben gleich auf dem Leuchttisch einen guten Eindruck gemacht. Sehr kontrastreich, aber unter der Lupe konnte ich gut durchzeichnete Negative sehen. Die Prints auf Barytpapier haben das dann bestätigt. Von sattem Schwarz über ausgeglichenes Grau bis in die Hauttöne – ich bin voll zufrieden.

© Reimund Belling

Etwas zum Entstehungsprozess:

Mir war klar, dass das mit meiner üblichen Arbeitsweise eines Straßenfotograf mit diesem „langsamen“ Film nichts werden würde. Stills oder Landschaft zu fotografieren, wäre mir aber zu langweilig gewesen. Mein „Model“ Noa – eine sehr engagierte „Analoge“ ohne eigenes Labor - hatte kürzlich in meiner Dunkelkammer ihren ersten SW-Film entwickelt und war gerne bereit, mit mir durch Oldenburg zu ziehen. Nicht nur, dass ich mit ISO 13 klarkommen musste. An diesem Sonntagmorgen herrschte zudem ekliges Schmuddelwetter und eine fiese Kälte. Da ich also auf ein Stativ – nutze ich eigentlich nie – angewiesen war, wurde unser Projekt dann auch noch richtig Arbeit. Die aber sehr viel Spaß gemacht hat. Wohl auch, weil ich mal auf einem völlig anderen Gebiet tätig sein musste.

© Reimund Belling

Mein Equipment:

Eigentlich wollte ich die Serie mit meinem Nikkor 50 mm 1.4 realisieren. Ich hatte leider verdrängt, dass ich diese hochlichtstarke Linse zusammen mit meiner ehemaligen Reporter-F3 an eine andere Analog-Novizin verliehen hatte und dass diese Kamera zur Zeit in München ausprobiert wird. So fiel die Wahl auf das AF-S Nikkor 28 mm mit immerhin Lichtstärke 1.8 an einer Nikon F5. Natürlich kein Portraitobjektiv, aber ich brauchte halt eine möglichst große Blende.

© Reimund Belling

Habe ich mit verschiedenen Belichtungen experimentiert?

Die Wetterlage ließ nicht viel Spielraum für großartige Experimente. Ehrlich gesagt, war es mir auch wichtiger, auf dem einen Testfilm möglichst viele brauchbare Bilder zu bekommen. Zum Ende der Session hin wollte ich eigentlich noch einige Bewegungsstudien mit Blitz auf den zweiten Vorhang machen. Da war der Film aber bereits am Ende (Bei Bild 34 war Schluss.)

© Reimund Belling

Hatte ich schon vorher Erfahrungen mit ähnlich niedrigen ISO-Werten und inwiefern hat der niedrige ISO-Wert meine Herangehensweise und Motivwahl beeinflusst?

Die Untergrenze lag bisher bei ISO 50, mit so geringempfindlichem Film wie dem Babylon hatte ich noch keinerlei Erfahrungen. Deshalb entschied ich mich für die „inszenierte Fotografie“ mit dem Model. Bei einigen Lichtsituationen konnte ich bei offener Blende immerhin mit 1/60 sec oder 1/30 sec aus der Hand belichten. Meistens musste ich aber das Stativ einsetzen. Obwohl ich der Nikon-Belichtungsmessung fast immer vertrauen kann, habe ich zur Sicherheit mit dem Gossen Starlite 2 eine Lichtmessung in Richtung Kamera vorgenommen.

Mein Lieblingsbild aus der Serie und warum es mir besonders gefällt:

Mein Favorit ist die „verzerrte Noa“ in Bewegungsunschärfe vor der Plastik, weil es gut zu der bedrohlichen Figur im Hintergrund passt und eine Stimmung erzeugt. Mehr als ein Portrait.

© Reimund Belling

Die Entwicklung:

Für meinen Standardentwickler Kodak D76 in der Verdünnung 1:1 habe ich keine Entwicklungszeiten gefunden, und bei nur einem Film wollte ich kein Risiko eingehen. Also habe ich den Babylon nach der Lomography-Empfehlung in Ilfosol 3 Verdünnung 1+9 in entwickelt. Nach 12 Minuten im 30-Sekunden-Kipprhythmus (die erste Minute wie üblich komplett bewegt), einem kurzen Stoppbad und nach ca. 5 Minuten Fixage bekam ich Negative, die sich problemlos printen ließen. Bei Abziehen mit dem Heiland Splitgrade-System waren nur ganz minimale Korrekturen bei Zeit nötig, bei der Gradation überhaupt nicht. Ich will nicht verschweigen, dass der Film im Handling etwas Geschick erfordert, da er sich stark aufrollt.

Tipps und Tricks für zukünftige Nutzer und wofür ich den Film empfehlen würde:

Auch wenn die Verarbeitung absolut problemlos war, würde diesen Film nicht unbedingt Analog-Neulingen empfehlen. Es ist eher die extrem geringe Empfindlichkeit, die die Einsatzmöglichkeiten doch sehr einschränkt. Stativ oder/und Blitz sind fast immer unverzichtbar. Wer das in Kauf nimmt, wird mit Negativen belohnt, von denen sich ohne Probleme großformatige Abzüge nahezu ohne Korn und mit schönen Kontrasten printen lassen.

© Reimund Belling

Vielen Dank an Reimund Belling für die wundervollen Fotografien und die Einblicke in seine Arbeit! Schau auf seiner Website www.analogunterwegs.de vorbei und lass Dich inspirieren!
Vielen Dank außerdem an Model Noa!
Du bist nun voller Inspirationen und möchtest den Babylon Kino ISO 13 gleich selbst ausprobieren? Dann schau gleich HIER im Shop vorbei ;)

geschrieben von alinaxeniatroniarsky am 2020-12-12 in #Ausrüstung

Ein Kommentar

  1. peterpan61
    peterpan61 ·

    Sehr guter Bericht. Macht Spaß beim Lesen und Schauen. Gute Anregungen.

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