Die kreative Philosophie hinter der Lomo'Instant Wide William Klein Edition

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William Klein ist bekannt für seine Abneigung gegen die Regeln der Fotografie, wodurch er bereits zahlreiche Fotogenres revolutionierte. Wir von Lomography haben mit dem Künstler, der für seine Arbeiten mit Weitwinkelobjektiven berühmt ist, und der Polka Factory Paris für die neue Lomo'Instant Wide William Klein Edition zusammengearbeitet. Mit dieser Hommage feiern wir die rohe, kompromisslose und leidenschaftliche Ästhetik des Pioniers. Wir haben mit William Klein selbst gesprochen, um mehr über seine Vision, seine Arbeitsethik und die Philosophie hinter der Lomo'Instant Wide William Klein Edition zu erfahren.

Self-portrait, William Klein, Paris 1993 (Painted c. 1997); Lomo'Instat Wide William Klein Edition

Fotograf, Künstler, Maler, Filmemacher, Autor... aber was passt Deiner Meinung nach am besten zu Dir?

Das kann ich nicht sagen. All dies beschreibt meine Arbeit und all die Dinge, die ich während meiner Karriere ausprobieren durfte.

Als Du mit der Fotografie anfingst, hast Du sie als "hinter den übrigen Künsten zurückgeblieben" beschrieben. Kannst Du uns mehr über Deine Gedanken dazu erzählen?

Da ich in Paris lebte, wollte ich malen. Ich hatte das Glück, im Atelier von Fernand Léger zu arbeiten. Die Fotografie kam erst danach.

Dürfen wir Dich zu Deinem fotografischen Prozess befragen? Gab es einen anderen Ansatz, als Du für die Vogue fotografiert hast, als bei einem persönlichen Fotoessay?

Natürlich war es anders. Für die Vogue wurde ich als Fotograf für eine Auftragsarbeit engagiert, mit einem Vertrag und einer monatlichen Zahlung eines bestimmten Betrags, um im Auftrag des Magazins zu produzieren... Es ist also nicht dasselbe. Meine persönlichere Forschungsarbeit begann mit dem Buch New York: Beyond Shooting, es ist die ganze Arbeit am Layout, am Zusammenleben, an den Beziehungen zwischen den Bildern, die es mir erlaubte, mich auf eine andere Art auszudrücken.

Part of © William Klein's "Painted Contact Sheets" including "Coppertone, Coney Island", New York 1980 (Painted c. 2004) "School's out", Dakar, 1963 (Painted c. 1999)

Eines Deiner bekanntesten Werke sind die "bemalten Kontaktbögen". Könntest Du uns mehr über diese Kombination von Zeichnung/Malerei und Fotografie erzählen?

Die bemalten Kontaktpapiere erlaubten es mir, die Art und Weise zu analysieren, wie ich mich der Fotografie auf einer 36er-Rolle näherte... Was mich faszinierte, war diese spezifische "Geste" des Fotografen, der die Auswahl seiner Fotos auf seinen Kontaktblättern meistens mit Hilfe eines Rotstiftes "markiert". Ich interessierte mich für die Merkmale dieser Linien, dieser Berichte über die Auswahl, dieser Hinweise. Schließlich sind diese nacheinander aufgenommenen Fotos, die wir auf dem Kontaktbogen von links nach rechts lesen, wie ein Text, es ist das Tagebuch des Fotografen. Was er durch den Sucher sieht. Sein Zögern, seine Misserfolge. Seine Wahl. Er wählt einen Moment, einen Bildausschnitt, einen anderen Moment, einen anderen Bildausschnitt. Er verharrt, er bleibt stehen... Wir sehen selten die Kontaktbögen eines Fotografen. Wir sehen nur das ausgewählte Foto. Wir sehen nicht, was davor und danach ist. Warum machen wir ein Foto anstelle eines anderen? Und warum wählen wir dann ein Foto gegenüber einem anderen aus? Das erzählen diese "bemalten Kontaktbögen".

Gleich zu Beginn der vergrößerten Kontaktpapiere hast Du das Foto nicht eingekreist. Du hast lediglich den Akt des Einkreisens der ausgewählten Bilder und des jeweiligen Kreuzes, das es auf dem Kontaktbogen zeigt, wiedergegeben. Aber warum bist Du darüber hinausgegangen, indem Du Farbe statt Bleistift benutzt hast?

Ich wollte einen Weg finden, dies konkret und auf radikale Weise zu zeigen, wenn ich meine Bilder ausstelle. Ich suchte mehrere Wege: Pastell, Buntstifte... Ich fand schließlich das, was besser geeignet war, es war die Malerei, mit der ich meine Karriere begann. Ich weiss nicht, ob ich es anders begründen kann... Die Kombination der "Geste der Wahl" auf den Kontaktbögen, die Dichte der Farbe, war für mich eine Sache, die "ausgestellt" werden konnte.

Du bist unerschütterlich in deinem Engagement für die Filmfotografie. Glaubst Du, dass die Enthüllung der Bilder vor und nach dem entscheidenden Bild in Deinen Kontaktbögen die Wertschätzung der Menschen für die oft versteckten, handverlesenen Prozesse hinter der analogen Fotografie beeinflusst?

Das Zeigen der Kontaktpapiere ist eine Möglichkeit, Informationen zu geben. Man kann Fotos platzieren. Man kann sie verstehen, man kann sie beurteilen.

Dance in Brooklyn, New York 1954 (Painted 1995)

Du hast schon oft die krasse Farbpalette von Schwarz, Weiß und Rot bevorzugt - was spricht Dich an dieser Ästhetik so an?

Das Rote und das Schwarze. Der Rotstift ist eine Art Klischee... etwas, das von allen Fotografen verwendet wird. Es gab keine besondere Bedeutung außer dieser einen. Das Rot und das Schwarz sind zwei Arten der Kommunikation, die zu mir passten.

Du hast ziemlich viele Polaroids und Sofortbildaufnahmen gemacht, kannst du Deine Gedanken zur Sofortbildfotografie mit uns teilen? Was unterscheidet sie Deiner Meinung nach von anderen Formen der Fotografie?

Als ich anfing, erlaubten mir Sofortbilder die Anfertigung von Mockups, damit ich mir leicht die Bilder vorstellen konnte, die ich kreieren würde, insbesondere die Modefotos, die ich für die Vogue machte. Das war nützlich. Und es gab mir viel Freiheit, zu denken, zu konzipieren und mir etwas vorzustellen. Ich bedauere, dass ich nicht alle meine Sofortbilder aus dieser Zeit behalten habe.

Hast Du vor, Deine Lomo'Instant Wide zu benutzen? Hast Du generell Pläne für ein weiteres Instant-Projekt?

In letzter Zeit habe ich die Lomo'Instant Wide sehr oft benutzt. Meistens, um Fotos von Freunden zu machen, die zu Besuch kommen, oder von ihren spielenden Kindern. Mir ist aufgefallen, dass Sofortbilder besonders Kindern und Jugendlichen sehr gefallen.

Sie haben einmal gesagt: 'Fast alles ist Zufall, Glück und Zufall... die Hälfte von allem, was ich getan habe, ist Zufall.' Die Entdeckung der Unschärfe in der Fotografie ist irgendwie durch einen glücklichen Zufall zustande gekommen. Glaubst Du, dass es wichtig ist, solchen Zufällen in der Kunst Raum zu lassen?

Der Zufall war für mich von großer Bedeutung. Das ultimative Ziel des Fotografierens ist natürlich nicht, verschwommene Bilder zu machen... Aber ich habe diese Art von Zufällen benutzt, ich habe sie angenommen - Wir müssen immer von fotografischen Unfällen ausgehen - um sie zu analysieren, sie zu manipulieren, sie zu vergrößern, wenn nötig. Denn wir entdecken Dinge, die wir beim Fotografieren nicht entdeckt haben.

Dance Happening, Tokyo 1961 (Painted 2003); Student demonstration, Paris 1995 (Painted c. 1999)

Als Du in den 50er Jahren Harlem fotografiert hast, sagtest Du: 'Die Weißen gehen nie nach Harlem, denken nicht einmal daran, denn Harlem ist tabu, irgendwo im schlechten Gewissen der Stadt.' Bist Du der Meinung, dass die Rolle der Kunst/Fotografie darin besteht, den vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Diskurs zu stören?

Die Fotografie war ein recht merkwürdiges Werkzeug. In meinen Anfängen in New York erkannte ich, dass ich mich dank der Fotografie leichter mit den Orten und den Menschen vertraut machen konnte, als wenn ich sie nur mit meinen eigenen Augen anschaute. Die Fotografie war eine wunderbare Ausrede, um mit Menschen und meiner Umgebung zu interagieren. Dank der Fotografie habe ich manchmal Dinge gesehen, die ich sonst nie betrachtet hätte.

In Deinem New Yorker Buch sind Jungen, die Waffen schwingen, stark vertreten, ein Zeichen der Zeit. Welche wiederkehrenden Bilder siehst Du heute auf der Straße, die Deiner Meinung nach die heutige Zeit verkörpern?

Wenn ich mir diese Fotografien zehn oder zwanzig Jahre später anschaute und wenn ich sie jetzt noch anschaue, erinnert mich das immer wieder an meine Kindheit. Auch an die Zeit, als ich selbst als kleiner Junge mit Gewehren auf der Straße spielte. In meinen Kindheitserinnerungen gab es immer Geschichten von Gewehren und Schinkenräubern... Bei diesem berühmten Foto mit den Kindern, die mich anstarren und ihre Gewehre auf mein Objektiv richten, erinnere ich mich, dass ich zu ihnen sagte: 'Mach schon, machen wir es auf die harte Tour!' Und ich erinnere mich, dass ich früher auch grob spielte... Aber gleichzeitig war ich der Schüchterne, der Junge neben dem Hauptthema... Ich finde mich in diesen Menschen, den Kindern wieder. Am Ende ist dieses Foto zwei Selbstporträts in einem einzigen Bild. Natürlich war es auch ein Porträt der Straße zu dieser Zeit, was sie verkörperte. Und ich denke, dass sich die Straße nicht so sehr verändert hat... wo auch immer sie ist.

New York, Paris, Rom, Moskau, Tokio - wie einflussreich waren diese internationalen Reisen auf Deinen Stil und Deine Entwicklung als Künstler?

Das Layout meines ersten Buches wurde direkt von einer Zeitschrift inspiriert, einer Boulevardzeitung namens "New York Daily News", die jeden Tag in einer Auflage von 3 Millionen Exemplaren erschien... So habe ich alle meine anderen Bücher konzipiert, als eine Erweiterung einer Fotozeitschrift auf der ganzen Welt.

Constructivist dancers, Paris, 14 juillet 1989 (Painted c. 2000); Salute + Kids, New York 1955 (Painted c. 2003)

Dürfen wir die Geschichte hinter den für diesen Artikel ausgewählten Fotos kennen?

Ein Foto, das ich auf der Lomo'Instant Wide verwendet habe, ist das der Baseballkarten. Es ist ein Teil der Erinnerungen, die ich schätze. Als Kinder liebten wir diese Baseballkarten, die Bilder berühmter Sportler, die wir kauften, die wir aufgrund ihrer Seltenheit eintauschten.

Ich denke auch an das Ende des Schultages 1963 in Dakar. Ich hatte einen Fotoauftrag in Afrika für die britische Zeitschrift "Town" zu erledigen. Es war ein ziemlich innovatives und trendiges Magazin aus London, und ich habe mit ihnen zusammengearbeitet, weil ihnen mein Buch über New York gefallen hat. Sie hatten auch meine Arbeiten über Tokio und Moskau veröffentlicht. Eines Tages kommen wir also genau zu Unterrichtsende in Dakar vorbei. Ich habe dieses Foto improvisiert. Und mir wurde klar, dass die Kinder, die ich fotografierte, und ich eine ganz ähnliche Vorstellung von einem Porträt hatten. Sie mussten so nah wie möglich sein, sie mussten in die Kamera gelangen! Diese kindliche Aggression gefällt mir sehr gut... Aber es ist ein Foto, das aus Versehen aufgenommen wurde. Ich kam zufällig vorbei, ich kam näher, und bumm, das Foto existierte.
Auf dem Kameragehäuse sehen wir oft Fotos von Protesten. Ich habe oft Fotos von diesen Ereignissen gemacht, meistens in Paris. Was mir an diesen Bildern gefiel, war vor allem die Verfügbarkeit der Menschen. Die Leute hatten, wie ich schon sagte, die gleiche Auffassung von Fotografie wie ich, etwas... Aggressives. Sie näherten sich mir von selbst. Ich hatte nie Probleme, Fotos zu machen, wie ich wollte, Fotos aus nächster Nähe, mit einem Weitwinkel. Niemand hat mir je etwas gesagt, niemand hat je etwas dagegen gehabt. Alle akzeptierten es.

Wir wissen, dass Du Dich beim Betrachten Deiner Fotos daran erinnerst, wie Du Dich gefühlt hast, als Du sie aufgenommen hast. Würdest Du uns mit uns teilen, wie Du Dich gefühlt hast, als Du die Fotos gemacht hast, die die Lomo'Instant Wide schmücken?

Sofortbilder sind für mich und für die Menschen, die ich fotografiere, ein besonderes Erlebnis. Mir gefallen die Möglichkeiten, diesen Moment dank der Unmittelbarkeit zu teilen. Es ist nicht mehr nur persönlich. Es gibt nichts, was ich mehr mag, als ein Foto auf Papier auf diese Weise zu machen: das Foto machen und es sofort zeigen. Außerdem ist das, was lustig ist, das Lachen. Dieses manchmal spöttische, manchmal ärgerliche Lachen des Betrachters in einer Ausstellung, wenn er ein Bild sieht und versteht, dass es dem Fotografen gelungen ist... Die Sofortfotografie erlaubt uns, die Reaktion direkt zu entdecken. Der Betrachter ist in seinem eigenen Spiel gefangen.

Baseball Cards, New York 1955 (Painted c. 1999)

Du hast von der Weitwinkelfotografie gesagt, dass sie es erlaubt, einer Person das Gefühl zu geben, dass sie der Mittelpunkt deines Universums ist, während Du gleichzeitig auch alles um sie herum einfangen kann. Was gefällt Dir noch besonders an der Weitwinkel-Fotografie?

Als ich anfing, hatte ich nur zwei Objektive: ein 50mm und ein 135mm. Ich war sehr frustriert über das 50 mm und das Teleobjektiv. Ich konnte nicht genug Dinge, nicht genug Leute auf das Foto bringen. Also ging ich in ein Geschäft, und der Verkäufer zwang mich, es mit einem 28mm zu versuchen. Ich ging sofort nach draußen und fing an zu fotografieren, und ich konnte so nah an die Dinge und Menschen herankommen, wie ich wollte, während ich alles, was ich wollte, in den Rahmen bannte und dabei blieb alles scharf. Es waren meine Anfänge mit einem 28mm, genau richtig. Ich weiß nicht, ob es das noch gibt.

Du hast einige Fotos mit einer Kamera gemacht, die du von Henri Cartier-Bresson gekauft hast. Eure Stile sind deutlich verschieden. Wie viel macht Deiner Meinung nach die Ausrüstung und wie viel der Fotograf aus?

Zu Beginn meiner Karriere arbeitete ich mit einer Rolleiflex, die ich beim Pokern in der Armee gewonnen habe. Aber ich stellte fest, dass diese Kamera nicht meinen Erwartungen entsprach, mir gefiel es besser, in Kopfhöhe durch den Sucher schauen zu können. Also kaufte ich tatsächlich eine Kamera von Cartier-Bresson. Tatsache bleibt, dass jede Ausrüstung nützlich ist. Manches können wir leicht mit einem 6x6, manches mit einem 35mm bekommen. Der Rest gehört dem Fotografen.

Pigeons + Unchained, New York 1955 (Painted c. 2006)

Wir alle teilen die Leidenschaft für die Fotografie und genießen verschiedene Aspekte davon am meisten. Für einige bedeutet es, draußen zu sein und für sich selbst zu fotografieren, als eine Form der Meditation, andere tun es für den Moment, in dem sie ihre Fotos aus dem Labor zurückbekommen. Was ist es für Dich?

Ich wollte "besitzen", was ich sah. Indem ich Dokumente über Menschen sammelte, denen ich auf der Straße begegnete, oder indem ich Menschen, Gegenstände um sie herum, Orte kombinierte... Ich hatte den Eindruck, dass ich all das besaß, dass es mir gehörte. Später erlaubte mir die Dunkelkammer, diesen Besitz auf einem Blatt lichtempfindlichen Fotopapiers auszudrücken. Es gab also diese Beziehung und diese "fotografische Aufnahme"-Seite, die nicht unangenehm war. Wir sehen, wir spannen, wir schießen... Und das ist es, bis zu einem gewissen Grad ist es so, als ob man das Subjekt tötet, indem man es besitzt, indem man das Subjekt in Zeit und Raum einfriert. Sagen wir nicht "ein Foto schießen" auf Englisch (und auch auf deutsch)?

Die 10 Goldenen Regeln der Lomographie drücken das Wesen unseres Spaßes und unserer experimentellen Herangehensweise an die Fotografie aus. Was denkst Du über den Ansatz der lomografischen Fotografie und wie unterscheidet er sich von Deinem Ansatz?

Ich denke, dass "mach Dir keine Sorgen über irgendwelche Regeln" eine ist, die man im Kopf behalten sollte.


Nimm Deinen Mut zusammen und schaffe Deine Kunst mit der Lomo'Instant Wide William Klein Edition, die jetzt im Online-Shop und in den Galerie-Shops erhältlich ist.

geschrieben von cielsan am 2020-12-14 in #Menschen

Ein Kommentar

  1. peterpan61
    peterpan61 ·

    Very good interview

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