Experimentelle Mehrfachbelichtungen - von Matthias Töpfer

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Dem Naturalismus den Rücken kehren

Auf Youtube gibt es einige Influencer, die sich um das neu erwachsene Interesse an der analogen Fotografie verdient gemacht haben. Ruediger Schestag formulierte in mindestens einem seiner Videos die Auffassung, dass sich die Fotografie heute an einer ähnlichen Schwelle befinden könnte, wie einst die Malerei. Als die Fotografie begann, die realistische Malerei abzulösen, waren Maler gezwungen, sich neu zu definieren. Von ihrem Tagesgeschäft unverhofft befreit, kehrten sie dem Naturalismus den Rücken. Neue, modernere Kunstrichtungen entstanden, Expressionismus beispielsweise, Impressionismus oder Surrealismus.

© Matthias Töpfer

Durch die Digitalisierung wurde in der Fotografie eine Trennung vollzogen. Das Tagesgeschäft der Fotografen wird weitgehend digital erledigt. Wer analog arbeitet, egal ob Profi oder Laie, tut dies, – so nehme ich an – weil es ihr oder ihm Spaß macht und in der Hoffnung, etwas von den Ergebnissen könne sich als Ausdruck von Kunst erweisen. Und die hat nicht nur etwas mit Können zu tun, sondern auch mit einem Aspekt, den man in meinem Studium »mit dem Material arbeiten« nannte. Das ist es, was analog arbeitende Fotografen tun: Sie arbeiten mit Material, das mit Unwägbarkeiten aufwartet und Grenzen setzt. Alte Kameras sind launisch, Film hat Korn und die Chemie in der er entwickelt wird, hält ihre kalkulierbare Wirkung nur dann bei, wenn man sich streng an die Regeln hält.

Dinge einfach geschehen lassen

Auf lomography.de finde ich unfassbar viele beeindruckende Anregungen von Künstlern, die genau das verstanden zu haben scheinen. Sie lassen Dinge schon mal einfach geschehen, und freuen sich darauf überrascht zu werden. Ich selbst experimentiere auch sehr gerne. Doch die Vorstellung, einen Film komplett zu belichten und ihn anschließend ein zweites Mal zu benutzen, um zu sehen, was dabei herauskommt, ist – noch – nicht so ganz mein Ding. Einen Tick mehr Kontrolle hätte ich dann doch ganz gerne.

Das Ende meiner Arroganz

Eigentlich sollte mir das Arbeiten mit analogen Kameras vertraut sein, denn ich begann schon mit vierzehn Jahren zu fotografieren. Doch das Analoge hatte ich zwischenzeitlich verlernt. Zwischen 2000 und 2019 habe ich nur digital fotografiert. Film zu benutzen war in meinen Augen umständlich geworden und ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Die Kameras, die ich aufbewahrte, fristeten ein unwürdiges Dasein, entweder auf dem Dachboden oder als dekorative Staubfänger im Regal. Gottlob ist das jetzt vorbei.

Einer der Flashs, die mich aus meiner grenzenlosen Arroganz erweckt hatten, war ein Artikel auf analoge-fotografie.net mit dem Titel: Malerische Fotografie mit der analogen Mehrfachbelichtung. Nachdem ich das gelesen hatte, begann ich Kameras danach zu beurteilen, inwieweit sie sich für diesen Zweck eigneten. Unter den Digitalkameras können es nur die wirklich richtig teuren. Doch wie sich herausstellte, besaß ich analoge Kameras, die mir erlaubten, auszuprobieren, was mir vorschwebte.

Profiwerkzeug für Doppelbelichtungen?

Meiner Franca Solida aus den fünfziger Jahren beispielsweise, ein Erbstück des Opas meiner Frau, eine 6x6-Sucherkamera ohne jeden Komfort, ist es völlig egal, wie oft man eines ihrer Negative belichtet. Die Achtfachbelichtung einer Friedhofsäule ist damit entstanden. Ich finde, es ist ein Hingucker geworden.

© Matthias Töpfer

Meine gute alte Zenza Bronica SQ-A, eine professionelle Mittelformatkamera mit Wechselmagazinen, ist da schon ein anderes Kaliber. Schwer wie Blei. Solide Technik, mit der ich über viele Jahre meine Arbeit erledigt habe. Sie bietet einen extra Hebel, um mehrfach zu belichten. Die Aufnahme vom Friedhofengel mit sechs Belichtungen ist eine der ersten Mehrfachbelichtungen, die ich damit versucht habe.

© Matthias Töpfer

Zwei meiner fünf analogen Canon-Bodys, beide A-1, habe ich geschenkt bekommen. Wie sich herausstellte, gehören sie zum Profiwerkzeug, wenn man auf Doppelbelichtungen aus ist. Noch toller ist die T-90. Die zählt sogar mit. Und die EOS 3 ist praktisch eine Digitalkamera ohne Display, die statt eines Sensors auf Film belichtet.

In Richtung Surrealismus forschen

Den Ergebnissen sieht man vermutlich an, dass ich noch auf der Suche nach der effektivsten Methode bin. Farbe oder Schwarzweiß? Ist es besser ein Weitwinkel zu benutzen oder ein Tele? Ist ein Zoom nicht zu offensichtlich? Die Antwort ist ja. Aber vorsichtig eingesetzt hilft es dann schon.

© Matthias Töpfer

Die Straßenszene mit den Menschen zwischen den Autos, oder die mit den beiden Kasperköpfen vor dem Motorrad kommen meiner Vorstellung vom fotografischen Surrealismus schon recht nahe. Eine solche Aufnahme verwirrt. Aber man kann sie sich viele Male ansehen und entdeckt doch immer wieder etwas Neues.

© Matthias Töpfer

Die Beschäftigung mit Maschinen führt durch Überlagerung mehrerer Details in einem Bild geradezu ins Abstrakte.

© Matthias Töpfer

An den Aufnahmen von aussteigenden Straßenbahnfahrgästen während des Lockdowns erkennt man, wie gut sich ein Thema durch kombinierte Belichtungen verdichten lässt. Ich forsche weiter.

© Matthias Töpfer

Umgebung wie ein Konfektladen

Die Gegend, in der ich mein morgendliches Nordic Walking absolviere, ist inzwischen völlig frei von Motiven. Ich kenne da jeden einzelnen Stein. Mit dem Vorhaben, Sujets für Doppel- und Mehrfachbelichtungen zu finden, ändert sich das schlagartig. Auf einmal denke ich in anderen Kategorien. Ich suche nach Farben oder Formen, die miteinander korrespondieren könnten. Ich beginne meine Bildausschnitte so zu wählen, dass Platz für Dinge bleibt, die erst mit der nächsten Belichtung zum tragen kommen sollen. Kurz: Im Lichte der Absicht, interessante Mehrfachbelichtungen zu erschaffen, kommt es mir so vor, als sähe auch die langweiligste Umgebung wie ein Konfektladen für neue Bildkombinationen aus.

Von: matthias-toepfer

Vielen Dank an Matthias für die inspirierenden Bilder und Worte! Schaut in seinem LomoHome und auf seiner Website vorbei um keine seiner spannenden Arbeiten zu verpassen!

Teile Deine eigenen Mehrfachbelichtungsexperimente und Dein Lieblingsequipment in Deinem LomoHome oder auf Social Media mit dem #HeyLomography mit uns. Wir sind gespannt!

geschrieben von alinaxeniatroniarsky am 2020-06-28 in

2 Kommentare

  1. lalouve
    lalouve ·

    Ein schöner Artikel, der sich gut liest und inspiriert! Und sehr schöne Arbeiten, wie ich finde! :)

  2. matthias-toepfer
    matthias-toepfer ·

    Danke für den netten und anerkennenden Kommentar, LALOUVE. ;)

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