Ehrlichkeit und Zerbrechlichkeit in der Fotografie: Ein Interview mit Pernille Sandberg

Pernille Sandberg, eine 25-jährige Fotografin aus Dänemark, die in Berlin und Kopenhagen beheimatet ist und in der Modefotografie, Porträts und Kunstfotografie macht. Momentan arbeitet sie in ihrem Studio in Oslo. Ihr letztes Projekt, aufgenommen mit dem Berlin Kino Film und dem Earl Grey, versucht, die Emotionen, die ihr Leben beherrschen, und die Frauen in ihrem Leben einzufangen

© Pernille Sandberg

Dein Lebenslauf und Portfolio sind sehr beeindrucken mit vielen, diversen Arbeiten, verstreut über ein breites Spektrum. Wie bist du dazu gekommen, dich für so vieles in der Fotografie und dem Film zu interessieren?

Für mich ist die Fotografie nicht an eine bestimmte Industrie oder einem Aspekt der Welt gebunden. Fotografieren war schon immer für mich ein Weg, um meine Gefühle und Fantasien zu erforschen und Menschen, die mich interessieren, kennenzulernen oder von ihnen inspiriert zu werden. Leute zu porträtieren oder einem anderen zu helfen, deren Vision zu verwirklichen, hat mir viel über mich selbst beigebracht. In anderen Worten, wenn ich anderen Menschen entdecke, entdecke ich dabei Teile von mir selbst.

Ich glaube, dass, wenn sich jemand für Ästhetik interessiert und die Fähigkeit hat, in Tagträumen zu schwelgen, sich diese Eigenschaften in Alltag übertragen lassen. Deshalb hab ich wohl in so vielen Feldern der Fotografie gearbeitet.

Deine Bilder erscheinen emotional, ehrlich und poetisch, unabhängig davon, ob es sich um ein privates oder Modeprojekt handelt. Gibt es bei dir einen Unterschied zwischen deiner eigenen und der Auftragsarbeit?

Danke sehr – ich gebe mir immer Mühe, Ehrlichkeit in meiner Arbeit auszudrücken. Es gab sogar den Fall, dass Leute Angst hatten oder verärgert waren, weil ein Porträt zu ehrlich war und sie das nicht in der Öffentlichkeit sehen wollten. Massimo Leardini, für den ich für ein Jahr vor einigen Jahren gearbeitet habe, meinte immer zu mir, das beste Modefoto sei kein Modefoto. Ich glaub daran. Mein Ziel ist es, ein Portfolio zu erschaffen, das untrennbar verbunden ist mit meiner eigenen Arbeit.

Vivianne Sassen ist eine Meisterin in genau dem und ich bewundere ihre Arbeit und die Art das, was sie liebt, auszudrücken. Sich auf jeden Auftrag oder Kunstprojekt einzustellen, ist meiner Meinung nach unabdingbar, besonders wenn du ein junger Fotograf oder junge Fotografin bist, wie ich, und versuchst, mit deiner kreativen Vision Geld zu verdienen – es kann schmerzvoll sein, seine Lieblinge loszulassen, aber zuzuhören ist ein schöner Weg, um was zu lernen. Indem man aber diese Anpassungen so gering wie möglich hält, können Kunst und Kommerz besser werden und dadurch nuancierter und vielseitiger werden.

© Pernille Sandberg

Was war bisher in deiner Karriere dein wichtigstes oder herausfordernde Projekt oder Zusammenarbeit?

Nur eins auszusuchen, ist schwierig, da mir viele Projekte wichtig sind aus unterschiedlichen Gründen. Meine Zusammenarbeit mit der norwegischen Kunst- und Designagentur Void für eine Ausstellung in Tokyo muss erwähnt werden, weil ich durch dieses Projekt eine der wichtigsten Personen in meinem Leben kennengelernt habe. Die größte Herausforderung war die Serie über die anstehende Reformierung zur Dekriminalisierung von Drogen in Norwegen. Ich wollte alle, die der Thematik der Drogensucht sind, integrieren – Verwandte, die Süchtigen, staatliche Akteure, Organisationen, Freiwillige, die Exekutive. Es wurde schnell ein düsterer aber sehr wichtiger Sommer und ich bin froh, alle diese Leute getroffen zu haben.

Was gefällt dir am meisten bei gemeinsamen Projekten mit anderen Künstlern?

Es ist eine solch schöne Art, neue Leute kennenzulernen, sich überraschen zu lassen und etwas neues zu kreieren. Durch ein solches Projekt, habe ich den 85-jährige Künstler Eugéne von Lamsweerde kennengelernt, die eine Stunde von Paris entfernt wohnt. Er erstellt noch jeden Tag Zeichnungen, Skulpturen und Malereien. Er hat mir beigebracht die Leere zu würdigen und zu reflektieren und nicht nur das Objekt, das dir präsentiert wird. Es war sehr inspirierend.

© Pernille Sandberg

Gibt es etwas Bestimmtes, das du durch deine Fotografie suchst?

Das frage ich mich noch selber fast jeden Tag. Warum mache ich das? Woher stammt dieser Eifer? Als ich 16 war und mit der Fotografie in Nachtclubs anfing, war ich froh, alle coolen Partys mit der Kamera um den Hals zu besuchen, obwohl ich noch nicht alt genug war, um mir einen Drink an der Bar zu kaufen. Als ich dann mit der Modefotografie anfing, wollte ich von den angesagten Leuten akzeptiert werden. Als ich die Natur Afrikas fotografierte, wollte ich nur meinen Vater stolz machen. Nichts davon stellte sich als korrekt heraus – es war, und ist vielleicht noch, eine fundamentale Unsicherheit über die Welt.

Ich suche immer noch nach einem emotionalen System, dem ich vertrauen kann. Die Fotografie ist ein solch intuitiver Prozess, so persönlich, weich und emotional – zumindest für mich. Ich fotografiere, um Gefühle, Ehrlichkeit und Zerbrechlichkeit zu entdecken – in mir und in anderen. Ich kann mich in eine Emotion, ein Treffen, eine Farbe, Textur, Berührung hineinsteigern. Die konzeptuelle Arbeit in der Kunstschaffung funktioniert für mich nicht, zumindest nicht momentan. Wenn ich dieses Thema reflektiere, wird mir klar, dass ich durch meine Fotografie nicht nur meinen Geist beruhigen will aber auch das geteilte Bewusstsein, ich möchte andere selber zum Reflektieren anregen.

Du hast auch einen Blog, Everything. Was bedeutet 'Alles' für dich?

Mein privates Fototagebuch nennt sich 'Everything', da es nicht meine Projekt- oder Auftragsfotografie ist, im Vergleich zu meiner professionellen Webseite. Es ist ein Mix von analogen Fotos aus überall und den Leuten, denen ich begegne – eine visuelle Aufnahme, die ich regelmäßig aktualisiere. So stellt das eine andere Seite von mir dar, ungeschliffener und weniger durchdacht.

Du fotografierst beides, analog und digital. Was macht den Unterschied für dich aus? Farbe und Schwarz-Weiß?

Meistens fotografiere ich in monochrom. Dadurch entferne ich das Offensichtliche und erstelle einen Raum für Interpretation des Betrachters. Schwarz-Weiß lässt dich Texturen, Oberflächen und Tiefe, aber am wichtigsten, Emotionen betrachten. Die prätentiöse Übermacht der Farbe ist verschunden und die Schwarz-Weiß-Fotografie sprüht vor Authentizität. Für mich ist es wie, wenn ich die Schutzhülle entferne und die Realität entdecke, auch wenn das sehr nostalgisch klingt. Ich fotografiere analog, um den Prozess zu vergessen und die Analyse dessen, während ich die Fotos mache. Es lässt Platz für Intuition frei. Die Auswahl zwischen analog und digital hängt von der Art des Auftrags und der verfügbaren Zeit ab.

© Pernille Sandberg

Wir lieben die Fotos, die du mit uns gemacht hast. Kannst du uns von deiner Idee dahinter erzählen?

Die Fotografien sind zu begreifen als Studie der körperlichen und emotionalen Regungen von Menschen. Mit der Choreographin Aurora Itand werde ich gemeinsam Objekte aus dem Design Studio O-F-C auf den Körper einer Schauspielerin und einer Tänzerin platzieren. Tatjana Weddegjerde, die von der Pudder Agentur repräsentiert wird, macht Haare und Make-Up. Die Objekte sind übergroß und grafisch interessant in ihren kubistischen Formen und rohen Materialien wie Leder und Metall. Das Ziel ist es, meine und die Emotionen der Frauen um mich einzufangen – Verwirrung, Zerbrechlichkeit, dennoch eine starke Motivation nach unseren eigenen Regeln zu Leben. Wir wollen die Zukunft auf unseren Schultern tragen, verantwortlich zu sein. Es ist aufregend und beleben, aber auch einsam und hart manchmal. Die Tänzerin wird mit ihrem Körper spielen, um die Herausforderungen zu visualisieren – elegant, anspruchsvoll, dennoch ungemütlich, sogar ängstlich.

Was findest du an der Arbeit als Fotografin am inspirierendsten?

Nur das – das Aufeinandertreffen auf andere Leute und Lebensweisen. Die Auseinandersetzung mit mir selbst und was ich als Wahr betrachte. Meine Wahrnehmung und mein glaube, die Welt, alles verändert sich und ich versuche, es anzunehmen.

Hast du je Probleme als Fotografin gehabt?

Die letzten Monate von 2018 hatte ich eine starke Sehnenscheidenentzündung in beiden Händen, Ober- und Unterarmen. Ich arbeitete jahrelang zu viel und hatte mich nicht um mich selbst gekümmert. Plötzlich konnte ich nicht mehr die Kamera aufheben – es fiel mir sogar schwer, die Zähne zu putzen. Ich lernte, dass mich meine Arbeit und meine Fotografien mich nicht definieren als Person. In anderen Worten, lernte ich, an mich selbst zu glauben und mich nicht nur innerhalb einer Gruppe, einer Zusammenarbeit, eines Projekts oder durch jemand anderes, einen Klienten zu akzeptieren.

© Pernille Sandberg

Wie war es, mit dem Berlin Kino Film & Earl Grey 100 zu fotografieren? Welchen bevorzugst du und warum?

Es war großartig, mit den Schwarz-Weiß-Filmen zu fotografieren – sie waren beide scharf und voller Kontrast, etwas, was ich an Analogfilmen sehr mag. Für mich passt der ISO von 400 besser in meinen Workflow aufgrund von praktischen Gründen. Der Fakt, dass ich nicht viel in der Sonne fotografiere, sollte nicht nur metaphorisch betrachtet werden.

geschrieben von idatangeraas am 2019-04-17 in #culture #people

Mehr interessante Artikel