Eine Unterhaltung über den weiblichen Blick in der Fotografie und seine Dekonstruktion.

Der weibliche Blick variiert zwischen einzelnen Personen, aber dabei, um es kurz zu fassen, handelt es sich um den Begriff, der den Blickwinkel der weiblichen Betrachterin widerspiegelt. Die darstellenden Künste sind zu einem großen Teil dafür verantwortlich, Perspektiven herausgebracht zu haben, die den Zuschauern geläufig sind. Über den weiblichen Blick zu sprechen, heißt ein großes Fass aufzumachen, wir aber haben anlässlich zum Weltfrauentag unsere Fotografinnen Starla Little, Solène Ballesta und Caroline Dare gefragt, wie sie den 'weiblichen Blick' in ihrer Fotografie interpretieren.

Von: mephisto19 & buckshot

Eine vermisste Perspektive und Bildsprache

In einer patriarchischen und heteronormativen Welt ist der traditionelle männliche Blick der Ausgangspunkt in den Medien und der Kunst und war für eine sehr lang Zeit im Zentrum. Es gab viele Fälle, in denen er ein anderes Geschlecht verletzt und entmenschlicht hat. Das ist besonders im Film sichtbar. The Conversation führt Rear Window (1954), She's All That (2000) und die Transformers Serie (2006-2014) als Beispiele für den traditionellen männlichen Blick aus verschiedenen Epochen auf. Man sucht jedoch nach Veränderung und dabei stellt der weibliche Blick eine neue Perspektive, die es zu erkunden gilt, dar.

Wie sieht es in der Fotografie aus? Der weibliche Blick, laut der Porträtistin Starla Little, ist oft eine ausgelassene Perspektive. Starla teilt mit uns: "Als Künstlerin sehe ich viele Perspektiven, die uns verborgen bleiben. Zu sagen, es gäbe keinen weiblichen Blick, wäre wie, wenn man behaupten würde, es gäbe keine weibliche Perspektive. Ich weiß, dass der Begriff des männlichen Blicks von einer hetero-maskulinen Perspektive stammt und dabei bildet der weibliche einen Gegenpol."

Indes ist Caroline Dares Auffassung vom weiblichen Blick eine besonderer. Sie gibt zu, ein schwieriges Verhältnis damit gehabt zu haben während ihres Lebens als Künstlerin und Fotografin. Was den weiblichen Blick angeht, findet Caroline, dass es kein Problem mit dem Begriff an sich gibt, sondern mit der Sprache, die ihn umgibt. Frauen sind untereinander betrachtet komplex und einzigartig und genauso verhält es sich mit den Ansichten zum 'weiblichen Blick'. Caroline sagt:

"Es kann unnötigerweise spaltend sein, meiner Meinung nach. Heute definiere ich ihn sehr einfach. Jeder kann Sachen zum weiblichen Blick interpretieren und kreieren. Das ist eine sehr offene Interpretation des weiblichen Blicks und lässt sich nicht einfach mit seinem traditionellen Pendant vergleichen, aber es fühlt sich für mich angebrachter an. Alles andere wirkt zu definiert und zu einschränkend."
Von: damianhovhannisyan & davidgrdm

Komplexität der Vergegenständlichung und der weibliche Blick in der Fotografie

Für einem bestimmten Blick gibt es mehrere Komponenten: die Person hinter der Kamera, die Charaktere, das Motiv innerhalb der Repräsentation im Film oder Bild und den Zuschauer. Mit dem männlichen Blick als Standard in den geläufigen Medien führt der weibliche Blick oft zur Thematisierung der Vergegenständlichung. Wer also, wenn keine Frau, ist besser geeignet, um dieses Thema anzupacken?

Die Unterhaltung über die Vergegenständlichung kann sich schwierig gestalten. Die französische Fotografin Solène Ballesta hält dies für unvermeidlich, unabhängig vom Geschlecht und dem Empfinden der Zugehörigkeit:

"Ich gehe an meine Arbeit nicht von einer 'weiblichen Position' heran. Natürlich kann ich es nicht leugnen, dass ich als Mädchen aufgewachsen bin und ich diesem Geschlecht auch entspreche, aber bei der Fotografie formuliere ich meine unbewussten Ideen, also kann es vorkommen, dass ich darin beeinflusst werde, aber darum geht es bei den meisten Bildern nicht. Ich denke, dass die Vergegenständlichung von weiblichen Motiven nicht vom männlichen oder weiblichen Blick abhängig ist. Viele Fotografinnen tun genau das, was den Männern vorgeworfen wird; und viele andere Männer stellen ihre Motive stark und menschlich dar. Bei meiner Arbeit ist es mir wichtig, die Person, deren Gefühle und Empfindungsvermögen zu zeigen. Besonders wenn ich Aktaufnahmen mache, möchte ich, dass mein Modell nicht als Objekt dient, männlich oder weiblich, sondern als Mensch, welcher es ist."

Starla macht viel Burlesque, nackt, halbnackt oder angezogen, alles abwechselnd. Ihr ist jedoch aufgefallen, dass sich Frauen bei ihr wohler fühlen. Anders als der männliche Blick, fetischisiert der weibliche Blick den weiblichen Körper nicht.

"Aus meiner Perspektive erscheinen die Frauen, mit denen ich arbeite, nicht als sexuelle Objekte, wobei ich weiterhin ihre sexy Seiten zeige. Ich zelebriere eher ihren Charakter und ihr Schaffen. Als Frau besitze ich, was andere als unfairen Vorteil sehen; meine weiblichen Modelle fühlen sich bei mir wohler und können offener sein. Sie haben nicht die Befürchtung, ich werde ihnen etwas antun. Zudem war ich selber Modell, bevor ich Fotografin wurde und als solches, weiß ich, dass meine Modelle nicht mehr preisgeben würden, als ich bereit war zu tun. Ich finde, dass diese grundsätzliche Empathie sehr wichtig ist."
Von: lomography

Für Caroline geht es hauptsächlich um das Einverständnis zwischen Fotografin und Modell. Das Thema der Zustimmung ist für sie sehr wichtig. Vergegenständlichung, egal ob Mann oder Frau, kommt vor und ist nicht zwangsläufig negativ.

"Wir müssen uns von der Idee befreien, dass Frauen, wenn sie sexuell dargestellt werden, auch zum Objekt werden. Das soll nicht bedeuten, dass es nicht stattfinden und nicht wahrgenommen und hinterfragt werden sollte. Aber ich denke, es ist erforderlich, etwas tiefer zu graben und die wahre Bedeutung zu ergründen. Einige wollen so dargestellt werden, unabhängig davon, wie sie sich selbst identifizieren. Manchmal wir es als Mittel verwendet, um einer Arbeit eine andere Identität zu verleihen. Manchmal wollen die Leute, als sexuelles Objekt im Leben und der Kunst dargestellt werden. Dabei handelt es sich um eine komplett andere Seite dieser Diskussion, es kommt schließlich auf die jeweilige Einwilligung und Bereitschaft von beiden Seiten zu tun. Also handelt es sich nicht um eine rein duale Sache – es ist sehr facettenreich."

In Hinblick auf Starla und Carolines Aussagen, was die Darstellung von Frauen als sexuelle Objekte angeht, hat es in der Vergangenheit Fotografinnen gegeben, die dieses Thema im Kontext einer auf den männlichen Blick bezogenen Gesellschaft betrachtet haben. Das Oevre der Fotografin Marianna Rothens hat einzigartige Erzählungen über den weiblichen Blick durch weibliche Ausdrucksweisen geliefert – die Klassische Hollywood Schauspielerin und die femme fatale. Brittany Markerts In Rooms dekonstruiert seit jeher die Beziehung zwischen weiblichem Künstler und Betrachter.

Von: dayatla & goettia

Die Zukunft ist inklusiv und fluide

Viele Wissenschaftler und Kritiker haben versucht, Gleichberechtigung durch die Zerstörung des männlichen Blicks zu erzwingen. Für Starla und Caroline jedoch sollte es keinen Wettbewerb zwischen männlichen und weiblichen Blick geben. Beide finden, dass das Thema des 'Blicks' erweitert werden sollte. Starla sagt:

"Ich bin mir nicht sicher, ob man den männlichen Blick komplett ändern oder verlieren könnte.Ich als hetero Frau genieße es, zu sehen, wie [vermeintliche] hetero Männer Frauen betrachten. Ich will auch Frauen von der Pespektive von queeren Frauen, Männern, usw. sehen. Mir ist bewusst, dass diese Themen kompliziert und facettenreich sind. Ich denke, dass der beste Weg, um Vergegenständlichung zu umgehen, die Darstellung der Person als solche ist – Charakter und Persönlichkeit zu zeigen."

Caroline führt die Idee fort, dass es mehr als nur eine Möglichkeit gibt, Frauen zu porträtieren. Es sollte keine einseitige Repräsentation von Frauen geben:

"...Was ist denn wirklich weiblich? Und welche ist ihre Perspektive? Ist sie weich und pink und voller Blumen? Oder eher hart, düster, aufreibend und befähigend? Es scheint, als ob selbst innerhalb des weiblichen Blicks eine Zweiteilung stattfindet. Also sollten wir nicht nach den spezifischen Bestandteilen dieses Blicks fragen, denn es gibt keine.Siehst du, was ich meine? Es gibt keine klaren Linien, keine Regeln. Ich denke, es ist viel komplexer als die Ideen, die in unseren Köpfen schwirren. Der weibliche Blick hat keine Pflichtelemente, er nimmt jegliche Gestalt an."
Von: leanlui, wearejustamomentintime, p3667 & bonnie0103

Darüber hinaus meinte Caroline, dass der männliche Blick auch dekonstruiert werden sollte, da es auch Männer gibt, die nicht dem traditionellen Bild entsprechen – solche die Randgruppen angehören, nicht-heterosexuelle und mehr. Ihre Perspektive sollte auch berücksichtigt und gezeigt werden. Fotografen wie Joseph Barrett und Joseph Wolfgang Ohlert haben das Bild von Männlichkeit ungewohnten Porträtierungen aufgemischt. Für Caroline sollten solche unkonventionellen Perspektiven auch Teil der Debatte über den 'Blick' werden. Inklusivität und Offenheit sollten praktiziert werden:

"Es ist unsere Aufgabe als Künstler, ständig Sachen zu hinterfragen und nach etwas Progressiven zu suchen, oder nicht? Wir sollten den männlichen Blick überwinden und uns von negativen Assoziationen damit trennen, weil er nicht im traditionellen Sinne aufgefasst werden sollte. Ich meine, dass es mehr darin zu entdecken gibt, als was bereits in der Gesellschaft bekannt ist und somit kann er sich mit dem weiblichen Blick vergleichen. Der männliche Blick ist schwul und queer, er ist schwarz und braun, behindert und komplex, fett und pummelig und athletisch und fit, weich und floral und auch aggressiv und wütend. Er ist enorm – beide sind es. Sie sind so komplex, dass sie nicht zu vergleichen sind. Sie sind voller Kultur, Farben und Energie, die es verdient haben, präsentiert zu werden."

Verantwortung für einen selber ist, was praktiziert werden sollte, unabhängig vom Geschlecht. Solène beschreibt weiter: "Die meisten denken, dass es sich um eine 'verweichlichte und empfindliche' Weltanschauung handelt, das ist aber komplett falsch. Ich finde, dass es sich immer um den Blick des Fotografen oder der Fotografin handelt, nicht mehr."

Hass erzeugt Hass und Gleichberechtigung für eine Sache, die die Freiheit einer anderen beeinträchtigt, wäre ein Rückschritt. Der weibliche Blick ist weiterhin etwas, das gefördert werden muss, aber mit ausgeklügelteren, reiferen und menschlicheren Ansichten. Der einzige Weg zum Besseren führt nach vorn – er beinhaltet Inklusivität und Empathie gegenüber anderen, das Bewusstsein des eigenen Blicks und einem Plan, wie man zu wahrer Gleichberechtigung kommt.

Von: leanlui, nathalierichard, anttihoo & piggy_wiggy

Wir wollen unsere Dankbarkeit an Starla Little, Solène Ballesta und Caroline Dare ausdrücken dafür, dass sie mit uns ihre innersten Gedanken geteilt haben, um somit einen Denkanstoß zu betreiben und die Debatte über dieses wichtige Thema voranzutreiben. Teilt eure Gedanken darüber in den Kommentaren unten.

2019-03-12 #people

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