Die Magie des Lichts: Ein Gespräch mit Li Hui.

Fotografie ist nicht nur eine Art zu dokumentieren und zu kommunizieren, sondern auch eine Möglichkeit, eine bestimmte Sichtweise auf die Welt zu eröffnen. Wenn wir eine Kamera in den Händen halten, so blicken wir hinter Fassaden, hinter das Offensichtliche, und sehen Dinge als potentielle Motive für unsere Fotos. Jeder Light Leak kann von einem talentierten Fotografen in ein Kunstwerk verwandelt werden. Li Hui ist eine dieser Künstlerinnen, denen das gelingt. Sie schafft gefühlvolle Fotografien, die eine zarte Verletzbarkeit offen legen. Wir haben mit ihr über ihre Arbeiten gesprochen.

Was ist im Februar 2009 passiert, dass du dich dazu entschlossen hast, dich mehr auf die Fotografie zu konzentrieren? Wie würdest du deine Entwicklung seitdem beschreiben?

Ich hatte Asperger, also hatte ich Probleme damit, mit anderen zu kommunizieren. Ich habe Zusammentreffen von Menschen gemieden, nicht beim Schulsport mitgemacht. Es war so schlimm, dass ich nicht mal selbst ohne Hilfe einkaufen gehen konnte, weil ich dort mit Menschen hätte reden müssen. Ich habe immer alleine gespielt und Selbstgespräche geführt. Wie ein einsamer Ballon, der in eine andere Richtung schwebt als die restlichen. Aber ich habe immer diesen Druck gespürt, dass ich mit Menschen kommunizieren muss.

Dann habe ich 2009 meine erste Filmkamera bekommen und beschlossen, alleine nach Berlin zu fahren, um dort einen Freund zu treffen, der die gleichen Interessen hatte wie ich (Filme und Musik). Ich hatte plötzlich eine Möglichkeit gefunden, das festzuhalten, was ich mag und merkte, dass Filmkameras das auf eine viel interessantere Art und Weise tun als Digitalkameras. Mir wurde bewusst, dass die Welt mehr ist als das, wofür ich sie bis dahin gehalten hatte; plötzlich schien alles so lebendig. Ich konnte eigene Welten erschaffen. Fotografie öffnete mir die Augen für Dinge, die um mich herum geschahen und erlaubte es mir, die Welt öfter auf meine Art zu erkunden. Ich fühle mich mutiger.

Ab da habe ich regelmäßig Fotos auf meine Website geladen und mehr und mehr Menschen wurden auf mich aufmerksam. Es freut mich, dass es da draußen Leute gibt, die mögen, was ich mache.

Du hast dir das Handwerk der Fotografie selbst beigebracht. Was war das wichtigste, was du über Fotografie gelernt hast und wie hat es deine Arbeiten beeinflusst?

Fotografie ist ein wenig wie Filme oder Musik. Diese Dinge drücken eine bestimmte Stimmung aus und sie erzählen Geschichten. Du musst deiner Vorstellungskraft freien Lauf lassen und die Gedanken dabei genauer ergründen. Dann wirst du zu Ideen finden, die dich berühren. Da ich mir die Fotografie selbst beigebracht habe, sind mir grundlegende Regeln egal. Ich mache, was mir gefällt und experimentiere viel.

Du sagst, dass du gerne fotografierst, ohne groß darüber nachzudenken. Du lernst also aus Fehlern. Wenn du an fertig entwickelte Fotos zurückdenkst – was war die größte unerwartete Enttäuschung und was der größte unverhoffte Erfolg?

Ich würde es nicht wirklich Enttäuschungen nennen. Für mich hängt ein gelungenes Bild davon ab, ob das, was darauf zu sehen ist, irgendwie interessant ist oder mich auf eine bestimmte Art emotional berührt. Die größten Überraschungen sind natürliche, ungeplante Light Leaks, welche dem Foto einen neuen und gänzlich unerwarteten Effekt verleihen.

Beim Betrachten deiner Fotos mussten wir an Marina Richter und Rinko Kawauchi denken. Kennst du sie? Und wenn ja, inspirieren sie dich?

Ein Freund hat mir mal gesagt, dass meine Arbeiten an die von Rinko Kawauchi erinnern. Ich mag, wie sie Geschichten erzählt. Marina Richter sagt mir jedoch nichts. Mich inspirieren vor allem natürliche Dinge, wie die Muster von Blumen, die Formen von Bäumen nach starkem Wind, schwere Wolken am Himmel vor einem Sturm, prasselnder Regen, die Sonne und wie ihre Strahlen auf meinen Händen meine Handfläche erhellen. Es sind diese kleinen Dinge, die mich berühren. Meine Liebe zur Musik, Filme und Malerei inspirieren mich ebenfalls.

Du zeigst die Gesichter deiner Models nicht, weil du möchtest, dass der Betrachter sich und seine Gefühle in deinen Bildern wieder entdeckt und empfindet. Kannst du uns ein wenig mehr über diese Herangehensweise erzählen? Willst du mit deinen Fotos Geschichten erzählen oder hängt die erzählte Geschichte von der Vorstellungskraft des Betrachters ab?

Die Menschen sagen immer, dass gute Bilder Geschichten erzählen. Der Gedanke gefällt mir. Es ist interessant, sich die unterschiedlichen Meinungen der Menschen anzuhören und zu sehen, wie sich die Interpretationen von Mensch zu Mensch unterscheiden. Ich bevorzuge es, die Geschichte den Betrachtern zu überlassen. Was jemand in meinen Fotos entdeckt, hängt von der jeweiligen Persönlichkeit und der Hintergrundgeschichte ab. Ich will einfach nur ein bestimmtes Gefühl, eine bestimmte Stimmung, teilen.

Licht ist eine der wichtigsten Komponenten von Fotos und deine Fotos spiegeln das großartig wieder. Wie denkst du über den Faktor Licht was deine Arbeiten betrifft?

Licht ist etwas magisches. Ich kann damit unterschiedliche Gesichter, Formen, Stimmungen und Farben kreieren. Licht ist der wichtigste Aspekt meiner Arbeiten.

Wie gelingen dir dieses ruhigen, entsättigten und harmonischen Ergebnisse?

Ich glaube, das hängt vor allem mit meinen gewählten Motiven zusammen. Dieser besondere Look scheint zu meinem Markenzeichen geworden zu sein. Das liebe ich! Ich glaube, er spiegelt meine Persönlichkeit wieder.

Wie hat sich dein Leben verändert, nachdem du begonnen hast, die Welt durch den Kamerasucher zu sehen?

Ich bin mutiger geworden. Ich möchte mich gerne mit Menschen anfreunden, welche, sagen wir mal, ein kindliches Herz haben. Ich mag keine verwirrten Erwachsenen.

Einige deiner Fotos sind fast schon surreal. Planst du sie vorab und weißt genau, was du erreichen möchtest, oder sind sie vielmehr ein Ergebnis verschiedener Experimente, über die du nicht viel nachdenkst?

Teile meiner Arbeiten zeigen eine Welt, welche meiner Phantasie entspringt. Ich stelle das Bild vor meinem inneren Auge zusammen, bevor ich es aufnehme. Es ist, als würde man einen Film aufnehmen: die Leute wissen, dass es eine erfundene Geschichte ist, die von der echten Welt inspiriert wurde. Der Welt, die wir kennen (oder auch nicht). Wenn der Film keine Gefühle in einem hervorruft, so werden die Zuschauer emotional nicht berührt. Das gilt auch für Fotos.

Du sagtest mal in einem Interview, dass es nicht die Persönlichkeit des Fotografen, sondern seine Arbeit ist, die zählt. Aber sagen uns die Fotos nicht sowieso viel über die Persönlichkeit des Fotografen?

Ich schätze schon. Die Persönlichkeit des Fotografen ist es, was das Werk einzigartig macht. Aber es geht letztendlich nur um das Ergebnis. Und sobald jemand anders das Foto anschaut, hat es schon nichts mehr mit dem Fotografen zu tun.

Was macht Fotografie deiner Meinung nach zu Kunst?

Die Magie des Lichts. Ein kreativer Versand. Das innere Auge. Kindliche Neugierde.

Wohin möchtest du für die Fotografie reisen? Gibt es einen Ort, den du unbedingt sehen möchtest?

Island.

Wenn du keine Fotografin wärst, wärst du Autorin. Welche Geschichten würdest du erzählen? Glaubst du, deine Leidenschaft fürs Schreiben beeinflusst deine Fotografie?

Ich habe schon einen Roman geschrieben, aber hatte nie das Bedürfnis, ihn zu veröffentlichen. Es ist eine eher dunkle Geschichte.

Der Protagonist L. ist ein Hermaphrodit, der sich in vier verschiedene Menschen verliebt. Nachdem sie L. kennen gelernt haben, verändern sich ihre Leben drastisch. L. lebt wie ein Nomade auf der Straße. Große Teile des Buches sind Beschreibungen von ungewöhnlichen und surrealen Szenen. Ich glaube, sie erinnern an meine Fotos.

Wie geht es bei dir weiter? Hast du bestimmte Projekte, die anstehen?

Ich werde mein zweites Fotobuch im April veröffentlichen, aber dieses mal werde ich es selbst veröffentlichen.


Schau dir Li Huis Website an und folge ihrem Tumblr und Flickr.

geschrieben von jennifer_pos am 2018-11-29 in #News #people

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