Verborgene Schönheit — Gesichter in Szene setzen mit Fotografin Susannah Alltimes

Von klassischer Kunst über bemerkenswerte Gesichter bis hin zu zufälligen Begegnungen findet die in Bournemouth lebende Fotografin Susannah Alltimes überall Inspiration. Mühelos gelingt es ihr, jedem ihrer Fotos eine einnehmende Geschichte zu verleihen. Ihr Ziel dabei ist es, die besondere Schönheit von einzelnen Momenten, Gesichtern oder Orten zu zeigen. Wir haben sie kontaktiert, um mehr über ihren Schaffensprozess zu erfahren und mit ihr über Kunst, Schönheit und den stetigen Wandel der Fotografie zu reden.

Hallo Susannah! Willkommen im Lomography Magazin. Bitte erzähle uns ein wenig über dich selbst. Wie kamst du zur Fotografie?

Meine erste Erinnerung an die Fotografie ist die, als ich mit sieben eine riesige rot-gelbe Kamera von meinen Eltern geschenkt bekam. Ich weiß noch, dass sie auf jeder Seite einen Griff hatte und ich immer Probleme damit hatte, den Auslöser zu drücken, aus Angst, dass ich sie fallen lassen würde.

Mit 14 trug ich ein Jahr lang die Zeitung aus, um Geld für eine Olympus-Kamera anzusparen. Ich habe Kunst und Fotografie studiert und so gelernt, die kleinen Details im Alltag zu sehen, angefangen bei Spiegelungen und Schatten bis hin zu Texturen und Farben. Und ich habe mir beigebracht, selbst Film zu entwickeln. Bis heute ist mein liebster Ort die Dunkelkammer. Ich liebe es, dass man durch einen Sekundenbruchteil von Licht ausdrucksstarke Kunstwerke kreieren kann.

Als ich die Schule beendet hatte, gaben mir die wunderbaren Menschen von YOUYOU Mentoring – eine wohltätigen Organisation für 18–23-Jährige – die Chance, mit dem kommerziellen Porträtfotografen Adam Lawrence zusammenzuarbeiten. Er brachte mir bei, in einem Studio zu arbeiten, mit verschiedenem Equipment und Lichttechniken zu experimentieren, mit Klienten und Kreativleitern in Kontakt zu treten und noch viel mehr. Ich wurde so viel selbstbewusster in meinem Schaffen und begann dann meine eigene kreative Reise.

Ich glaube, ich fand Fotografie deshalb schon immer so toll, weil ich Menschen und unsere Umwelt so interessant finde — grundsätzlich sind wir uns alle so ähnlich, aber jeder hat seine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Ich liebe es, wie ein kurzer Moment für immer festgehalten werden kann.

Du machst wirklich ausdrucksstarke Porträts. Was muss ein Gesicht an sich haben, dass du beschließt, es festhalten und die Geschichte dieser Person erzählen zu wollen?

Ich liebe Porträts. Die Einzigartigkeit und Tiefe in den Gesichtern von Menschen kommt durch ihren Gesichtsausdruck, ihre Augen, Hautfarbe und Knochenstruktur zustande. Ein Gesicht vermittelt einfach so viel Starkes

Wenn ich ein Gesicht sehe, dann frage ich mich, wo die Person herkommt, wo sie hingeht, was in ihrem Leben passiert. Ich finde, dass jeder Mensch wunderschön ist, und mein größtes Ziel beim Fotografieren ist es, meinem Model eine Facette ihrer Schönheit zu zeigen, die sie selbst noch nie gesehen haben.

Heutzutage ist Schönheit so vorbelastet. Wenn du nicht "klassisch schön" bist, dann gibt man dir das Gefühl, dass du weniger wert bist als andere. Ich sehe das ganz anders — Ich weiß, dass jeder schön ist und dass es das Innere meines Models ist, was ich in meinen Porträts zeigen möchte.

Deine Porträts sind voll von einnehmenden Requisiten und Details — ein Model treibt im Wasser, ein anderes hält Eiscreme, das nächste trägt riesige Perlenohrringe. Was sind deine Gedankengänge, wenn es darum geht, bestimmte Dinge in deine Fotos mit einzubauen oder deine Models vor gewisse Hintergründe zu stellen?

Wenn ich ein Porträt aufnehme, bitte ich mein Model, mich an seinen liebsten Ort mitzunehmen. Meistens kenne ich diese Plätze nicht, also muss ich vor Ort improvisieren und das benutzen, was ich finde. So war das bei dem Wasserporträt — das Model nahm mich mit zu einem privaten Club an der Themse. Wir sind zum Pool gegangen, weil sie es liebt, zu schwimmen. Wir haben für circa eine Stunde im und um das Wasser herum fotografiert. Dieses Porträt ist das Ergebnis davon.

Für meine persönlichen Projekte modeln meistens meine engen Freunde. Wenn ich ein Shooting vorbereite, liebe ich es, den Charakter des Models fürs Foto zu betonen. Dazu muss ich das, was ich vom Charakter des Models weiß, extra unterstreichen. Das gelingt beispielsweise mit riesigen Ohrringen oder besonders bunten Klamotten. Die meisten meiner Fotos haben eine symbolische Bedeutung — jedes Detail hat seinen Sinn, angefangen bei der Location bis hin zur Wahl der Socken. Ich liebe das, weil es dem fertigen Bild/Projekt so viel Tiefe verleiht.

Die Fotos in deinen Space & Time - Projekten sind wunderbar ungestellt. Wir lieben das von den kleinen Unruhestiftern, die durch den Kühlschrank wühlen. Wie entscheidest du, was du in den jeweiligen Fotos zeigst?

Meistens denke ich "Komm ins Bild, komm ins Bild!!!" Ich habe schon so oft versagt, weil der Moment zu schnell vorbei war oder die Qualität des Bildes einfach nicht passte. Ich fotografiere aus der Hüfte heraus, also sehe ich in der Regel nicht, was im Bild sein wird. Ich verbringe viel Zeit damit, das Foto später zurecht zu schneiden oder gerade zu rücken!

Meine Space & Time - Projekte entstehen dadurch, dass ich stundenlang durch Städte schlendere, um sie zu erkunden und hoffentlich etwas gutes vor die Linse zu bekommen. Ich bin immer ganz aufgeregt, wenn ich etwas finde, von dem ich glaube, dass es etwas besonderes ist, oder wenn es etwas ist, was ich nie zuvor gesehen habe. Ich freue mich, das dann mit der Welt teilen zu können. Dass die Menschen etwas zu sehen bekommen, was nur für den Bruchteil einer Sekunde existiert hat und sie dazu anregt, sich Gedanken zu machen.

Bis jetzt warst du mit dem Space & Time - Projekt in New York und Berlin. Wo geht es als nächstes hin?

Ich würde gerne nach Äthiopien reisen, denn mich interessiert das Kulturerbe und die alte Zivilisation. Ich weiß nicht all zu viel über das Land, aber was ich über das Essen, die Landschaften, die Sprache, die Gemeinschaft und den Lebensstil dort gehört habe, finde ich faszinierend. Es scheint so anders als alles, was ich bisher kennen gelernt habe. Ich würde gerne mehr über Äthiopien erfahren und dann über ungestellte Straßenfotografien teilen.

Dein aktuelles Projekt DYNAMIS wurde von einem Renaissance-Gemälde von Peter Paul Rubens inspiriert. Lässt du dich oft von Kunst inspirieren?

Ich habe mich schon früh mit Kunst beschäftigt und oft Galerien besucht, um Inspirationen zu bekommen. Die National Portrait Gallery in London ist mein Favorit. Ich liebe es, die Geschichten über die Kunstwerke dort zu lesen — Kunst spielt so eine wichtige Rolle bei der Dokumentation unserer alltäglichen Kultur. Wenn sich Kunst als eine Mischung aus Ausdrucksform, Fähigkeit und Vorstellungskraft vereint, um schöne Gemälde, Skulpturen, traditionelle oder digitale Bilder zu kreieren, dann ist das für mich das schönste Gefühl

Bei dem Gemälde handelt es sich um Das Massaker der Unschuldigen von Bethlehem (1611-1612), welches von Matthäus Kapitel 2. Vers 13-18 inspiriert wurde. Ich finde die Energie dieses Gemäldes so einnehmend. Besonders gut gefällt mir die Dynamik, die durch die scheinbar endlose Menge von Seide erzeugt wird, die über den nackten und leidenden Menschen hängt. Das verleiht dieser ganzen Szene Leben. Die dunkle und furchtbare Geschichte hinter diesem Massenmord von Kindern hat mich sehr getroffen, deshalb wollte ich ein ähnlich episches Szenario kreieren, welches eine gegenteilige Geschichte zeigt. Durch die Nutzung von natürlichem Licht, einer Kirche, lebhaften Materialen, Models mit verschiedenen ethnischen Hintergründen und die Platzierung von Symbolik in den jeweiligen Fotos schaffte ich göttliche Szenarien. Ich hoffe, dass sie Hoffnung, Leben, Reinheit und Frieden vermitteln.

Dein Projekt #TravelTraits ist eine einfallsreiche Art um das alltägliche Leben in London festzuhalten. Kannst du uns ein wenig mehr über das Projekt und die Idee dahinter erzählen?

Ich fahre jeden Tag mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln in London. Da das sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und ich es liebe, Menschen zu beobachten, dachte ich, dass es Zeit wird, daraus ein produktives Fotoprojekt zu machen. Ich mache mit meiner Handykamera heimlich ein Foto und lade es dann auf meine Instagram Story hoch, damit es meine Follower sehen können.

Die Idee zu diesem Projekt bekam ich durch die Fotografin Vivian Maier. Sie hat in den 50ern und 60ern ungestellte Straßenfotos von Fremden in Downtown Chicago und New York gemacht. Ihre ausdrucksstarken Fotos sind eine Mischung aus den von Armut geplagten Kindern und dem neuen Wohlstand der Amerikaner. Ihre Fotos sind Anhaltspunkte der Zeit, haben Gewicht und vermitteln Emotionen, aber sie zeigen auch – wie ich es heute sehe – die Geschichte des romantisierten "American Dream". Das hat mich dazu gebracht, müde, überarbeitete und beschäftigte Pendler in London zu fotografieren.

Jetzt wo Handykameras so eine hohe Auflösung haben, gibt es ja immer mehr Fotos, die einfach nur damit aufgenommen werden. Glaubst du, das ist etwas, womit du auch mehr experimentieren wirst? Was hältst du von dieser Art der Fotografie?

Auf jeden Fall! Ich würde gerne mal ein komplettes Fashion-Shooting nur mit dem Handy fotografieren. Das wäre zwar eine Herausforderung, aber die Qualität der Kameras, die für Handys entwickelt wurden, ist großartig — manchmal sogar besser als die von DSLRs! Ich liebe es, Dinge zu fotografieren und direkt danach zu bearbeiten und auf meine Social-Media-Kanäle hochladen zu können, und das alles innerhalb nur weniger Minuten. Das klingt jetzt vielleicht super "millenial" von mir, aber ich finde es toll, dass ich alles in Echtzeit teilen kann.

Einer meiner liebsten Instagram-Accounts ist @rainbow_is_underestimated. Der Account wird von Piero Percoco betrieben, der sein Handy benutzt, um das Leben älterer Einwohner in Apulien, Italien zu dokumentieren. Die Bilder sind lebhaft, intim und dynamisch. Solltet ihr euch mal anschauen!

Wie geht es dir damit, Menschen in den Straßen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zu fotografieren? Werden sie gerne fotografiert?

Menschen in den Straßen zu fotografieren ist eine Herausforderung, besonders, wenn man nicht möchte, dass sie das mitbekommen. Sobald Leute die Kamera sehen, ändern sie ihr Verhalten und ihr Charakter zeigt sich, was meist eigentlich nicht das ist, was ich einfangen wollte.

Aber wenn mir jemand ins Auge sticht, den ich unbedingt fotografieren möchte, dann gehe ich hin und mache ihnen ein Kompliment für das, was mir an ihnen gefallen hat. Das freut die Menschen und trägt meist dazu bei, dass sie selbstbewusster werden. So kann ich dann einfacher nach einem Porträt fragen und meistens sagen sie dann auch Ja zu Fotos.

Was steht als nächstes für Susannah Alltimes an? Gibt es neue interessante Projekte?

Einer meiner Träume ist es, mit einem Verlag zusammen zu arbeiten, um #TravelTraits in Buchform veröffentlichen zu können. Ich bin gerade für ein Jahr von meiner Heimat London nach Bournemouth gezogen, wo ich mich darauf vorbereite, eine Kunstgalerie an der Südküste aufzubauen. Das ist aufregend, aber auch eine große Herausforderung, da ich so etwas noch nie gemacht habe. Ich freue mich darauf, mit Künstlern verschiedenen Alters und mit verschiedenen Vorgeschichten zu arbeiten, welche inspirierende und wunderschöne Werke schaffen.

Ich möchte außerdem einen Road Trip durch die südlichen Staaten Nordamerikas unternehmen. Ich möchte die Pfarrer und die Gemeinden von Kirchen in kleineren Städten kennen lernen und mehr über den Einfluss großer Kirchen erfahren. Ich liebe Gemeinschaften. Deshalb möchte ich verstehen und zeigen, wie viel Hoffnung die Christengemeinde ihren Anhängern auch unter schwierigen Umständen geben kann. Ich möchte die Geschichten vom Glauben der Menschen in einer ehrlichen Fotoreihe zeigen.


Du willst mehr von Susannahs Kunstwerken sehen? Dann schau dir ihre Website an und folge ihr auf Instagram.

geschrieben von Martha Reed am 2018-10-12 in #culture #News #people

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