Leben auf dem Mars — Cassandra Klos' analoge Weltraum-Odyssee

Wie viele andere Reisende von der Erde ist auch die Fotografin Cassandra Klos aus Boston von der Erforschung des Weltraums fasziniert. Letztes Jahr kehrte sie als Residenz-Künstlerin zur Mars Desert Research Station zurück und leitete als Kommandantin die erste Mission der aus Kreativen bestehenden Crew 181.

Neugierig, mehr über potentiell bewohnbare Planeten zu erfahren, erhielten Cassandra und einige andere Auserwählte Zugang zu analogen Testgeländen – Gebieten, die dem Mars geologisch ähnlich sind, um wichtige Feldforschung durchzuführen und zu dokumentieren. Das Ergebnis ist eine atemberaubende Fotoserie. Cassandras Serie Mars on Earth zeigt uns nicht nur den innigen Forscherdrang des Menschen, sondern auch, dass der ferne Rote Planet uns näher ist, als man vielleicht denkt.

Willkommen im Lomography-Magazin, Cassandra! Bitte erzähle unseren Lesern etwas von dir und deinen Gründen, dich zu diesem ehrgeizigen Fotoprojekt zu entschließen.

Hallo Lomography! Ich bin eine Kunstfotografin aus Boston, Massachusetts (USA) und bin zur Zeit im amerikanischen Süden heimisch. Mein Interesse für Raumfahrt und Science-Fiction stammt aus jungen Jahren. Ich war schon immer an Wissenschaft und Kunst interessiert, aber ich entschied mich am College für eine Karriere in der Kunst.

Ich habe einfach festgestellt, dass es einem Künstler möglich ist, all seine Interessen weit und breit zu erforschen.

Im Jahr 2015 begann ich mit der Erforschung des Mars und der Weltraumforschung, um eine Inspiration für ein neues Projekt zu finden. Ich stieß auf das Hawaii Space Exploration Analog and Simulation (HI-SEAS) und hatte das Gefühl, als müsste ich es einfach besuchen und fotografieren. Der Rest hat sich einfach ergeben!

Es ist bestimmt eine Untertreibung, deine Erfahrungen als "surreal" zu bezeichnen. Wie würdest du also deine Shootings am Fuße eines schlafenden Vulkans auf Hawaii und in der abgelegenen Wüste Utahs beschreiben?

Es fühlt sich wirklich an, als wäre man auf einem anderen Planeten. Man ist weit weg von der Zivilisation, mit Meilen von felsigem Gelände, das einen rundum umgibt; weit weg von medizinischer Versorgung, Freunden, der Familie - einfach allem. Man fühlt sich überwältigt davon, wie klein man sich neben diesen alten Felsbrocken und dem weiten Himmel fühlt. Das macht diese Orte ziemlich schwer zugänglich (was die Forscher wollen – so können keine Touristen vorbeikommen!). Und auch das Fotografieren kann besonders schwierig werden.

Man braucht ein gutes Paar Wanderschuhe (Moonboots, vielleicht?) und die Sicherheit hat immer Vorrang. Ein falscher Schritt und meine Wista 4x5-Kamera fällt eine 12 tiefe Schlucht hinunter! Davon abgesehen sind diese Orte einfach wunderschön und außergewöhnlich. Es ist immer aufregend, "auf dem Mars" zu sein und es ist sehr Erfurcht erregend dort zu fotografieren.

Warum hast du dich für die Serie für 4x5-Film entschieden? Und was ist es, das in unserer digitalen Zeit Film für dich so interessant macht?

Ich finde, ich bin eine Fotografin, die wirklich davon profitiert, wenn sie sich Zeit lässt. Der besonders unspontane Prozess von 4x5-Film spricht mich wirklich an. Ebenso die Tatsache, dass ich nur 10 Blatt Film haben, um die Aufnahme in den Kasten zu bekommen. Es macht mich sehr vorsichtig und präzise bei dem, was ich fotografieren möchte. Ich finde, es gibt mir ein Vertrauen in das, was ich fotografiere, viel mehr als es digital oder auch 35mm tun. Und vielleicht geht es mir auch nur speziell bei diesem Projekt so. Ich verstehe ja auch die Ironie, dass ich während einer Mars-Simulation eine der ältesten Foto-Techniken verwende, aber vielleicht passen sie aus einem bestimmten Grund besonders gut zusammen?

Die Verwendung von 4x5-Film finde ich auch für Ausstellungszwecke besonders nützlich (obwohl das eher ein glücklicher Zufall und keine Absicht war, als ich mit dem Projekt anfing). Die Möglichkeit, von ihnen große und scharfe Abzüge anzufertigen, lässt sie fast zu "Portalen" in eine andere Welt werden. Ich mochte diesen Aspekt des Großformats immer schon.

Wir möchten unbedingt mehr über die außergewöhnliche Erfahrung wissen, welche die wenigen Auserwählten während dieser Missionen gesammelt haben: hast du mit den Besatzungsmitgliedern gesprochen, die Feldforschung betrieben haben?

Ich habe Pseudoastronauten der Missionen HI-SEAS III und IV, sowie der Human Exploration Research Analog (HERA) XIII Mission getroffen und fotografiert. Ich nahm an der 155. und 181. Missionen in der Mars Desert Research Station teil, wo ich von 2015 bis 2017 Residenz.Künstlerin war. Sagen wir also, ich habe in den letzten Jahren einige Teilnehmer kennengelernt!

Ich glaube, der allgemeine Konsens ist, dass Menschen extrem belastbar sind. Wir neigen dazu, uns ziemlich schnell auf unsere Umgebung anzupassen. Eine alltägliche Routine auf der Erde kann leicht zu einer täglichen Routine auf dem Mars werden, wenn man bestimmte Dinge wie Bücher, Forschung, Videospiele, oder die Möglichkeiten zum Kochen zur Verfügung hat. Wir sind aber auch schon mit grundlegenden "Erdbedürfnissen" zufrieden. Die Besatzung von HI-SEAS IV war nach ihrer einjährigen Mission so blass, weil sie so lange keine Sonnenstrahlen auf ihren Gesichtern gespürt hatten. Die meisten Crews wünschen sich nach ihren Missionen vor allem frisches Obst und Gemüse, weil das gefriergetrocknete Essen einfach nicht das gleiche ist (obwohl es reichlich gibt und die Auswahl groß ist).

Und während Forscher alles unternommen haben, um diese irdischen Bedürfnisse zu befriedigen, ist das größte Problem, das sie noch nicht lösen konnten, dass man seine Lieben vermisst. In gewisser Weise wird die Crew zu einer neuen Familie. Ein Großteil der aktuellen Forschungen bei den Mars-Simulationen betrifft die Crewdynamik und die Charaktereigenschaften, die während einer zwei- bis dreijährigen Mission vorhanden sein müssen.

Vor Beginn der Mission der 181. Mars Desert Research Station Crew (einer zweiwöchige Mission) erbaten meine Crew und ich uns einige Videos von unseren Lieben. Dann warteten wir bis kurz vor dem Ende der Mission, als wir langsam anfingen reizbar zu sein und uns miserabel zu fühlen und schauten uns dann gemeinsam alle Videos an. Da ich zu der Zeit an einer Schule gearbeitet hatte, erhielt ich von meinen Schülern ermutigende Botschaften! Ein anderes Besatzungsmitglied erhielt eine gemeinsame Nachricht von seiner gesamten Großfamilie. Eine anderer von ihrem Ehemann und ihren Katzen! Es sind kleine Dinge wie diese, von denen ich glaube, dass sie der Moral helfen werden, aber wir sind noch weit davon entfernt, den irdischen Alltag auf dem Weg zum Mars vollständig nachahmen zu können.

Was meinst du ist die vorherrschende Stimmung, die deine Bilder beim Betrachter hervorrufen?

Ich kann nicht für mein Publikum sprechen, aber ich hoffen, dass dieser Mars auf Erden das angeborene Interesse der Menschen an der Erforschung anspricht. Auch wenn die Leute, Geräte und Lebensräume von so schierer Weite umgeben sind, ist es doch aufregend, der Erste an einem so neuen Ort zu sein.

Wisst ihr, eine der Inspirationen, auf die ich bei diesem Projekt zurückblicke, sind die Fotografien von Frank Hurley und die ersten Antarktisexpeditionen. Als seine Fotos auf dem Festland ankamen, erlaubten sie eine tiefgründige neue Perspektive auf einen Ort, der kaum erforscht war. Ich hoffe, dieses Mars-Projekt kann etwas Ähnliches bewirken.

Wir haben über die zufällige Hintergrundgeschichte deiner atemberaubenden Langzeitbelichtungen gelesen. Kannst du unseren Lesern erzählen, wie es dazu kam und was sie für dich so besonders macht?
  
Hah! Ja, das ist eine gute Geschichte. Mein Bild - Nightly Patrol - wurde während meiner letzten Nacht der 155. Mission in der Mars Desert Research Station aufgenommen. Es liegt eine Nacht zwischen dem Einzug einer Crew in das Habitat und dem Auszug der vorherigen. Das ganze nennt sich "Switchover Day" und gibt beiden Teams die Möglichkeit, Informationen über das Habitat zu teilen. An diesem Tag sind die Simulationsregeln nicht besonders streng. Ich entschloss mich, eine Langzeitbelichtung des MDRS-Habitat zu versuchen, bevor ich gehen musste. Also stellte ich meine 4x5-Kamera mit geöffnetem Verschluss auf und ging für ungefähr 30 Minuten zurück ins Hab.

Um meine Kamera in der Dunkelheit zurückzuholen, bat ich meine Vorgesetzte Jackelynne Silva-Martinez, mitzukommen. Mit Taschenlampen in der Hand gingen wir los, um mein Stativ zu finden, als wir plötzlich Stimmen hörten. Nach zwei Wochen in der einsamen Wüste Utahs sind andere Menschen das Letzte, was man erwarten würde. Die Stimmen haben uns so sehr erschreckt, dass wir Zeter und Mordio schreiend zurück zum Habitat rannten! Wir fanden später dann heraus, dass es ein paar Mitglieder von Crew 156 waren, die uns nicht erzählt hatten, dass sie draußen campieren und Sternenbeobachtungen machen würden.

Als sich alle Besatzungsmitglieder zurückgemeldet hatten, ging ich wieder raus, fanden meine Kamera und beendete die Aufnahme. Als ich meinen Film zurückbekam, wurde mir klar, dass ich das ganze Geschehen eingefangen hatte - Lichtspuren von unseren Taschenlampen tanzten um das Habitat herum, während die Mitglieder der Crew 156 das (damalige) Wissenschaftslabor beleuchteten.

Wegen dieser Geschichte, ist das eine meiner Lieblingsaufnahmen aus dem Projekt

Wir sind neugierig, was du von Leuten hältst, die sich bei Mars One - der Organisation, die eine dauerhafte menschliche Siedlung auf dem Mars etablieren will - angemeldet haben? Es gibt ja bereits hunderttausende Bewerber für ein One-Way-Ticket.

Das ist eine gute Frage. Ich kann nicht sagen, dass ich zur Zeit eine besonders gute Meinung über diese Organisation habe. Obwohl es ein interessantes Konzept ist, hat Mars One in den letzten Jahren nicht viel an Zugkraft dazu gewonnen und ich bin mir nicht sicher, wie bedeutend die Anstrengungen des Projekts in Zukunft sein werden. Die Idee, dass Menschen sich für eine Reise ohne Wiederkehr anmelden, ist ziemlich faszinierend, aber die logische Konsequenz, die Erde für immer hinter sich zu lassen, erscheint mir etwas entmutigend! Ich finde aber, Mars One zeigt ndas angeborene Bedürfnis der Menschen nach Erforschung!

Wie fühlst du dich beim Gedanken, dass die NASA in den 2030ern Menschen zum Mars schicken will?

Ich bin so begeistert von der Idee und ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie sich alles in den nächsten 10, 20, 30 Jahren entfaltet! Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass dieses Projekt nicht vollständig abgeschlossen wird, bis jemand seinen Fuß auf die Oberfläche des Mars gesetzt hat. Ich hoffe das noch erleben zu dürfen. Ich würde es auf jeden Fall in Erwägung ziehen, zum Mars zu reisen, aber ich werde wohl auf eine Express-Route warten müssen! Momentan rechnet man noch damit, dass bemannte Mars-Missionen mindestens 3 Jahre dauern (9 Monate pro Richtung, bei der besten Planetenkonstellation und dann ein weiteres Jahr für Gewöhnung und Erkundung).

Ich glaube, dass meine Forschung und die Teilnahme an Simulationen und Mars-Analogien mir eine viel bessere Vorstellung davon gegeben hat, was ich mitnehmen müsste – vielleicht einen großen Stapel Bücher, einen endlosen Netflix-Katalog, Fotos meiner Familie, meinen Hund und einiges an Kameraausrüstung. ;)
Wie fühlst du dich, wenn du auf dein Mars on Earth-Archiv zurückschaust? Und was glaubst du wie bedeutend es ist: Glaubst du, dein Projekt ermutigt mehr Menschen dazu, die Grenzen der menschlichen Erforschung zu hinterfragen?

Nun, ich wäre kein echte Künstlerin, wenn ich nicht ständig meine Arbeit hinterfragen würde! Ich würde sagen, dass es noch so viel mehr zu sagen gibt. Ich bin übersättigt mit Informationen über den Mars aus den Nachrichten - wann er der Erde am nächsten ist, ob es dort Wasser gibt, was es mit diesem Staubsturm auf sich hat - daher hoffe ich, ich beschreibe akkurat die Bemühungen, zu denen wir Menschen entschlossen sind. Ich hoffe wirklich, dass die Bilder etwas in den Menschen auslösen, das ein Interesse an der menschlichen Erforschung entfacht.

Erzähl uns zu guter Letzt bitte noch, was als nächstes für dich ansteht. Hast du irgendwelche spannenden Projekte, von denen wir wissen sollten?

In diesem Herbst werde ich mit "Mars on Earth" zum Lagos International Photo Festival nach nach Lago (Nigeria) reisen! Einen Teil davon kann man auch beim New England FENCE, der größten öffentlichen Fotoausstellung in Nordamerika, sehen.

Was mich betrifft, werde ich in den nächsten zwei Jahren in North Carolina sein, während ich meinen Master of Fine Arts im Programm für experimentelle und dokumentarische Kunst an der Duke University mache. Ich kann es kaum erwarten, neue Fotos zu machen, neue Medien und Themen zu erforschen, während ich dort bin.


Besuche ihre Website, wenn du mehr von Cassandras unglaublichen Arbeiten sehen möchtest.

geschrieben von genevievedoyle931 am 2018-10-02 in #people #places
übersetzt von dopa

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