Helen Levitt in New York: Eine Retrospektive

Wenn es eine weibliche Fotografin gab, die ihre Zeitgenossen in Staunen versetzte, dann war es wohl die Amerikanerin Helen Levitt. Ihre atemberaubendes Archiv wird ab dem 12. Oktober in der Ausstellung Helen Levitt des Wiener Albertina-Museum neu aufgegriffen.

Helen Levitt New York, 1940 Silber-Gelatine-Abzug Albertina-Museum, Wien. Dauerleihgabe der Österreichische Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Film Documents LLC / Mit freundlicher Genehmigung der Thomas Zander Galerie, Köln; Anonymous Helen Levitt, ca. 1940 Silber-Gelatine-Abzug © Film Documents LLC / Mit freundlicher Genehmigung der Thomas Zander Galerie, Köln

Levitt war eine Meisterin in den Straßen von New Yorker. Sie konzentrierte sich auf die armen und vernachlässigten Viertel wie die Lower East Side, die Bronx und Harlem. Sie verbrachte ihre Tage damit, eine Chronik des Big Apple festzuhalten. Ihr Werk reicht von Kindern, die auf der Straße spielten, Passanten, die sich in Konversation vertiefen, und von Fremden, die ihrem Alltag nachgingen. Doch Levitt fügte ihrer scheinbar gradlinigen Fotografie oft eine Wendung hinzu. Sie schätzte die Dynamik ihrer Bildelemente, die in jedem Bild sorgfältig und präzise komponiert wurden. Dadurch hatten ihre Bilder oft eine surrealistisch geprägte Ästhetik. Chefkurator Walter Moser beschrieb ihre Arbeit als "poetisch und lyrisch - eine übermäßig vereinfachte Lektüre, die ihre enorme Komplexität seit langem verdeckt".

"Zum Beispiel zeigen ihre Figuren, die durch Masken oder rätselhafte Gesten verfremdet sind, den Einfluss des Surrealismus. Menschliche Interaktionen, die sie als eine Art außergewöhnlich dynamische Bühnenperformance darstellte, zeigten ihr Interesse am Performativen, einschließlich der expressiven Aktionen und Themen, die zu jener Zeit im Kino intensiv erprobt wurden. Schließlich kann Levitts Fokus auf die armen Viertel New Yorks als eine kritische Antwort auf die hochindustrialisierte und profitorientierte Moderne verstanden werden, die in den zeitgenössischen populären Darstellungen klinischer und technoider Wolkenkratzer verkörpert wurde."
Helen Levitt New York, 1940 Silber-Gelatine-Abzug Albertina-Museum, Wien. Dauerleihgabe der Österreichische Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Film Documents LLC / Mit freundlicher Genehmigung der Thomas Zander Galerie, Köln

Durch die Verwendung von Farbfilm in der Kunstfotografie wurde schließlich auch die Street-Fotografie revolutioniert. Levitt gehörte zu den ersten Pionieren der neuen Farbfoto-Bewegung, nachdem sie 1959 anfing Farbfilm zu verwenden. Levitt war damals die allererste, deren Farbfotos im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurden. Moser erklärte die Bedeutung ihrer Werke für die Farbfotografie:

"Helen Levitts Bilder verbinden den Alltag mit dem Politischen, das Theatralische mit dem Authentischen und das Humoristische mit dem Abgründigen. Diese Elemente ihrer späteren Werke finden sich erstmals 1948 und tauchen dann später wieder auf, als sie 1959 – in Farbe – zur Fotografie zurückkehrte. Levitt erfand mit ihren Werken in Farbe eine neue Bildsprache, die tatsächlich das selbe Interesse am Straßenleben teilt, das in ihren Schwarz-/Weiß-Werken zu finden ist, die Menschen aber oft als Nebenräume abstrakter Farbfelder darstellt."
Helen Levitt New York, 1973 Reliefdruck Köln, Thomas Zander Galerie (Marvin Hoshino) © Film Documents LLC; Helen Levitt New York, 1980 Reliefdruck aus privater Sammlung © Film Documents LLC / Mit freundlicher Genehmigung der Thomas Zander Galerie, Köln

Die Ausstellung läuft vom 12. Oktober 2018 bis zum 27. Januar 2019.

2018-10-07
übersetzt von dopa

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