Wie der Kalte Krieg langsam dahin schwindet

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Was passiert mit einer geschäftigen Gemeinde, wenn sie nicht länger für nötig gehalten wird? Der kanadische Fotograf Keith Walsh sucht nach Antworten in den verfallenen Überresten eines ehemaligen Marinestützpunkts der Vereinigten Staaten in Neufundland (Argentinien).


Ich habe meine Mühe aufrecht stehen zu bleiben, während der stürmische Wind über die verlassene Landebahn weht. Ich schaue direkt geradeaus durch dichten grauen Nebel, auf die markanten Zwillingshügel, über das aufgebrachte Wintermeer, das den Punkt markiert, an dem sich im Sommer 1941 Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt auf dem amerikanischen Kriegsschiff USS Augusta trafen. In den dunklen Tagen des Zweiten Weltkriegs, bevor Amerika offiziell beteiligt war, hatten die beiden Staatsmänner ein Abkommen über militärische Zusammenarbeit und die Rahmenbedingungen für eine Welt nach dem Krieg ausgearbeitet, das heute als Atlantische Charta bekannt ist und im Allgemeinen als Inspiration der Vereinten Nationen gilt.

Von: keithtwalsh

Diese Welt scheint von hier aus so unwirklich. Der massive amerikanische Marinestützpunkt, der an dieser Stelle gebaut wurde, blieb nach dem Krieg bestehen, um sich an der Überwachung sowjetischer Atom-U-Boote im Nordatlantik zu beteiligen. In Phasen schrumpfte die Basis über die Jahrzehnte jedoch langsam. Im Jahr 1975 wurde der Luftwaffenstützpunkt schließlich geschlossen und hinterließ eine Geisterstadt aus Flugzeugen, Türmen, Hallen, Bunkern, Gebäuden und diversen militärischen Überbleibseln, die im Wesentlichen intakt waren, aber in den folgenden Jahrzehnten einfach nicht mehr gebraucht wurden. Der Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 führte 1994 zur endgültigen Schließung der verbliebenen United States Naval Facility in Argentinien und damit eines der größten Arbeitgeber der Region. Ist man in den 70er und 80er Jahren in der Gegend aufgewachsen, war es ganz normal, zivile Fahrzeuge mit Aufklebern des US-Verteidigungsministeriums an ihren Stoßstangen und die weißen Autos der US-Navy auf den Straßen zu sehen.

Von: keithtwalsh

All diese Geschichte, all die Beziehungen, die sich damals gebildet haben, sind längst vorbei. Aus dem Blickwinkel von mehr als zwei Jahrzehnten seit der endgültigen Schließung wird deutlich, dass die Geschichte langsam verblasst. Beim Erkunden der ehemaligen Basis ist es bemerkenswert zu sehen, wie viele Gebäude und Strukturen verschwunden sind. Türme, Kraftwerksblöcke, der massive Wohnblock mit den Wohnungen der Familien. Andererseits besteht auch vieles fort. Einige bekamen einen neuen Anstrich und werden heute für zivile und kommerzielle Zwecke genutzt, während das raue Meeresklima die andere langsam zerfallen, abplatzen, knacken und bröckeln lässt. Wenn man in den ersten Wintertagen durch die ehemalige Basis läuft, fühlt man sich wie in einer verlassenen, verlorenen Welt. Die meisten Geschäfte, die es hier gibt, sind in den Ferien geschlossen und ich kann frei herumlaufen, beinahe allein zwischen den Ruinen.

Von: keithtwalsh

Entlang der riesigen, zerbröckelnden Start- und Landebahnen wird die Oberflächen langsamer zu Staub, aus dem sich kleine Pflanzen erheben. Die Natur, die das Land zurückfordert. Der Weg führt einen weiter, vorbei an Flugzeughallen, die gerade so noch stehen bleiben. Durchlöcherte Stahlträger drohen in jedem Moment alles einstürzen zu lassen. Schilder warnen vor der akuten Gefahr. Ich wandere vorbei an vertrockneten Hydranten, deren leuchtende Farbe noch immer durch den Rost und Sand zu sehen ist. Einst lebhafte Gebäude zieren jetzt zersprungene Scheiben und abblätternde Farbe. Abgetragener Asphalt und Erde sind wie Schlacken aufgeschichtet und erinnern an mehr als 100 Millionen Dollar, die in die Säuberung der jahrzehntealten militärischen Abfälle investiert werden musste. Flugbenzin, PCB, Schwermetalle und Asbest, um nur einige zu nennen. Ich gehe ein Stück, bis ich ein weiteres Schild bemerke, das einen anstehenden Abriss ankündigen.

Von: keithtwalsh

Ich folge noch etwas der Straßen, die jetzt nirgends mehr hin zu führen scheint, nur zu einer leeren Stelle, wo einst ein Gebäude stand. Dennoch sind einige große Militärgebäude erhalten geblieben und werden von unterschiedlichen Handwerksfirmen und Fabriken genutzt, die der Gegend in den letzten Jahren zu neuem Wohlstand verholfen haben. Ich überlege mir, was ihr ursprünglicher militärischer Zweck gewesen ist. Es scheint, als wäre das eine Art Werkstatt gewesen, während mich ein anderes völlig verwirrt. Es erinnert an die großen Kühlhäuser in Washington State, in denen Äpfel verpackt werden. Ich stoße ständig auf irgendwelche Kuriositäten. Einen ehemaliger Wagen der Marine zum Enteisen von Flugzeugen, wahrscheinlich aus den 60er Jahren, ein paar verrostete Kanonen, die gut ein Jahrhundert älter sind als der Rest des Stützpunktes und moderne Schiffscontainer, die durch die Stürme der vergangenen Tage wie Bauklötze umgestürzt sind.

Von: keithtwalsh

Was bleibt, ist ein schleichendes Gefühl, dass die Vergangenheit Stück für Stück verfällt. Neue industrielle Strukturen, Trockendocks und Lagerhöfe radieren die militärische Vergangenheit des Ortes einfach aus. Eines Tages wird die physische Realität dieser Geschichte einfach, wenn auch unmerklich, verschwunden sein.


Um noch mehr Bilder von Keith Walsh zu sehen, besuche seine Website und sein LomoHome

geschrieben von Keith Walsh am 2018-08-28 in #places
übersetzt von dopa

Ein Kommentar

  1. brouillard23
    brouillard23 ·

    Argentia nicht Argentinien - Buchstabendreher mit Überssetzungsfolgefehler.

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