Die vielen Namen und Gesichter der Diana: Ein Interview mit John Neel

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Die Diana-Kamera war eine einfache Spielzeugkamera, die in den 60er Jahren zu einer Sensation wurde. Die Diana war bekannt für ihre weichgezeichneten und impressionistischen, piktografischen Ergebnisse und war ein künstlerisches Werkzeug für experimentelle Fotografen und Fotografinnen. John Neel, ein amerikanischer Fotokünstler und Autor von Fotobüchern, hat eine lange Geschichte mit der Diana sowie ihren vielen Persönlichkeiten und Namen.

In diesem Interview teilt John seine Erfahrung mit der originalen Königin und vergleicht diese mit ihren Diana-Klonen.

Originale Diana-Kamera, Bild von Jim Newberry mit freundlicher Genehmigung von Wikimedia Commons

Hi John! Wilkommen im Lomography-Magazin! Zuerst, wie war dein Leben als Fotograf bisher, also bis zum Jahr 2018? Wann bist du das erste Mal mit der originalen Diana in Berührung gekommen?

Die Diana ist eine charmante kleine Kamera, die auch mit einigen nicht so charmanten Eigenschaften gesegnet ist. Um ehrlich zu sein, es ist schon eine Weile her, seit ich eine Diana benutzt habe, um ein Foto zu machen. In letzter Zeit hat das Digitale das meiste meiner kreativen Zeit beansprucht. Es gab jedoch eine Zeit, in der die Diana eine von vielen analogen Kameras war, die ich für meine Arbeit verwendet habe. Ich vermisse die Diana. Sie war in Hinblick darauf, "Sehen" zu lernen, eine wichtige Kamera. Sie brachte mir bei, wie man die Welt betrachtet. Sie hat mir gezeigt, wie man mit Fotografie spielt. Ich glaube, dass die Diana die Kamera war, die meine Arbeit mit jeder anderen Art von Kamera entspannter machte. Auf jeden Fall hat sie mir beigebracht, gegenüber der Welt offener zu sein.

Als ich eine Student an der University of South Florida war, wurde mir die Diana von meinem ersten Fotografie-Lehrer vorgestellt. Dieser großartige Lehrer war Oscar Bailey. Die Anmeldung für seine Klasse war der Beginn meiner fotografischen Reise. Er stellte mir und meinen Kommilitonen und Kommilitoninnen nicht nur die Fotografie vor, sondern machte uns auch mit verschiedensten fotografischen Größen vertraut — wie Robert Frank, Garry Winogrand, Nathan Lyons, Walker Evans, Jerry Uelsmann, Robert Rauschenberg, Bea Nettles, Betty Hahn, Diane Arbus, Sally Mann und Lee Friedlander. Also alle Fotokünstler und -künstlerinnen der Geschichte, die wichtige künstlerische Arbeiten kreiert haben. Oscar hat einige der besten gekannt. Ich hatte Glück, Oscar als Lehrer zu haben. Er hat uns die guten Dinge gezeigt, lange bevor die künstlerische Fotografie zu dem wurde, was sie heute ist. Oscar hat uns gelehrt, aufgeschlossen zu sein. Es war das Bild, das ihm wichtig war.

Nancy Rexroth, war eine der Fotografen und Fotografinnen, die mir näher gebracht wurden. Ihr Buch — Iowa inspirierte unzählige Fotografen und Fotografinnen, einfache Kameras zu verwenden. Ihr Buch wurde vor Kurzem von der University of Texas Press neu aufgelegt.

Diana als Windsor, Bild von @domo-guy

Du warst unglaublich vertraut mit den Diana-Klonen! Welche waren deine liebsten und welche waren die schlimmsten? Könntest du uns etwas über die die guten und schlechten Seiten von jedem Klon berichten?

Ich glaube nicht, dass ich über wirklich alle Klone etwas sagen kann. Es waren einfach zu viele. Außerdem war ich immer mehr daran interessiert, sie zum Fotografieren zu benutzen als sie zu sammeln. Die originale Diana war die, die ich benutzt habe. Es war die Kamera, die all die Abnormalitäten aufwies, die diese Kamera so populär machten. Sie war immer meine erste Wahl. Obwohl ich fast genauso oft mit der Debonair fotografiert habe.

In Bezug auf Benutzerfreundlichkeit waren die Diana und ihre Klone nicht das, wonach Personen suchten, die eine einfach Point-and-Shoot-Kamera wollten. Von all den Spielzeug-Kameras, die ich besessen habe, war die Diana diejenige, in die ich mich am meisten verliebt habe. Wenn irgendeine Kamera über die Diana zu stellen ist, ist es die Debonair – nur weil sie eine etwas bessere Verarbeitungsqualität zu haben schien. Das bedeutete auch, dass man ihr gegenüber ein wenig andere Erwartungshaltungen hatte als gegenüber der Diana. Sie war darum wohl ein wenig zu perfekt für echte Diana-Nutzer und -Nutzerinnen.

Diana als Debonair

Viele Klone wurden mit nur einer Verschlusszeit oder mit fehlender Fokusfähigkeit hergestellt. Einige, einschließlich der Diana, hatten unterschiedliche Blendengrößen, andere dagegen nicht. Die Schlimmsten waren anfälliger für Lichtlecks als die Diana. Viele hatten außerdem schreckliche Trageriemen und beschissene Sucher. Aus diesem Grund habe ich die meisten Aufnahmen aus der Hüfte geschossen. Der Kleber, der die Chrom-Blenden hielt, wurde im Allgemeinen bald locker und fiel ab und bei den meisten Modellen fehlte eine "B"-Einstellung für lange Belichtungszeiten. Die Antwort auf diese Probleme war, sich einfach nicht darum zu kümmern. Die einzige wichtige Sache war, die Teile zu benutzen, die funktionierten. Viele Benutzer und Benutzerinnen haben darum den Objektivdeckel, den Riemen und das Handbuch keine große Bedeutung beigemessen.

Die Diana-Klone hatten eine Reihe interessanter und etwas merkwürdiger Eigenarten. Eine der häufigsten Charakteristika war, Licht durchzulassen, also Lichtlecks aufzuweisen. Damals habe ich versucht, die Lichtlecks einzudämmen. Sie haben mich nicht wirklich interessiert, obwohl sie oftmals — im richten Kontext, beim richtigen Motiv und an der richtigen Stelle im Bild — zu angenehmen Überraschungen führten. Für mich persönlich erzeugte das Objektiv selbst genug Flair und Aberrationen. Ich brauchte nicht mehr. Ich wollte das Licht aufnehmen, das durch die Linse kam. Das war für mich die Magie.

Diana als Anny

Sobald die Kamera sorgfältig abgeklebt war, steckte ich sie für das an diesem Tag anstehende Fotoshooting zusammen mit fünf oder sechs anderen Kameras in eine schwarze Plastiktüte. Sobald ich mit den 16 Aufnahmen einer Kamera fertig war, griff ich in diese Tüte hinein, nahm mir eine andere Kamera heraus und fuhr mit dem Fotografieren fort. Diese Tüte diente natürlich ebenfalls dem Lichtschutz. Am Ende des Tages wurden die Kameras zur Verarbeitung in der Dunkelkammer vorsichtig geöffnet.

Wegen der Lichtleck-Gefahr habe ich den Rollfilm immer in einem abgedunkelten Raum eingelegt. Um auch danach potentielle Licktlecks zu vermeiden, habe ich außerdem schwarzes Foto-Tape dazu benutzt, alle Kamera-Ränder zu versiegeln. Dieselbe Art von Tape habe ich dazu verwendet, das rote Filmzählfenster auf der Rückseite abzudecken. Dies waren wichtige Vorkehrungen, um sicherzustellen, dass kein Licht durch die undichten "Lichtfallen" der Kamera oder durch das rote Fenster zum Trägerpapier des Films dringt. Schwarzes Tape war darum ein wesentlicher Teil des Aufnahme-Prozesses mit der Diana.

Die Schönheit der Diana wurde auf ihre Eigenschaften, die Blende einstellen zu können, spielzeughaft einfach bedienbar zu sein, über eine wunderbar fehlerhafte Meniskus-Linse zu verfügen und auf die kleinen Qualitäts-Unterschieden zwischen einzelnen Kameras zurückgeführt und als glückliche Zufallsergebnisse einer mangelnden Qualitäts-Kontrolle bei der Herstellung betrachtet. Für User und Userinnen waren diese Inkonsistenzen Teil ihres Charmes. Jede Kamera hatte ihre eigene Handschrift, die auf den durch glückliche Zufälle entstandenen Bildern erkennbar war. Zufall war etwas Gutes. Zufall ist eine gute Gelegenheit, um zu lernen.

Wo hast du die Klone herbekommen? Wo konnte man sie sich für gewöhnlich ergattern?

Die meisten meiner frühen Dianas wurden einfach an mich weitergegeben. Andere habe ich bei Garagenverkäufen gekauft oder in alten Drogerien, Gemischtwarenläden oder auf Wochenendbasaren gefunden. Heutzutage ist es vielleicht am besten, auf eBay zu schauen oder vielleicht bei einem Fotoflohmarkt nach ihnen zu suchen.

Die ursprünglichen Kameras wurden nur für einen Dollar oder so verkauft. Heute werden sie auf eBay ab etwa dreißig bis über hundert US-Dollar verkauft. Die Preise sind proportional zum wiedererwachten, steigenden Interesse und zu der jeweiligen Seltenheit, dem Zustand und dem Grad der Verliebtheit in diese Kamera gewachsen.

Diana als Conforma von " Ericd, Professorgoat, AnitolaNova

Worin bestanden für dich der größte Unterschied zur originalen Diana?

Es ist wahrscheinlich am besten, ein paar aufzuführen. Es gibt eine Reihe von Unterschieden. Wie ich bereits erwähnt habe, unterlagen die meisten Diana-Klone einer noch geringeren Qualitätskontrolle als die originale Diana. Viele verfügten außerdem nicht einmal über bestimmte Kontrollelemente, die sich viele wünschten und Teil der Diana und der Diana F waren – wie verschiedene Blendengrößen, Fokussierungen oder ein Langzeitbelichtungsmodus. Mit einer etwas besseren Haptik und einem, meiner Meinung nach, etwas robusteren und qualitativ besseren Gehäuse. Alles in allem schien die originale Diana also eine höhere Gesamtqualität zu haben. Ich erinnere mich nicht daran, dass sie dieselben Probleme mit Lichtlecks und Filmstaus gehabt hätte, die mit ihren Klonen assoziiert wurden.

Obwohl die Diana oder die Diana F (das F steht für Flash oder Blitz) leicht wie eine Feder war, war sie robust genug, um sie auf eine Art verwenden zu können, die nicht für sie gedacht war. Alle Kameras des Herstellers Great Wall bestanden hauptsächlich aus Plastik, die durch einige wenige Metallteile ergänzt waren - wie dem Verschluss, den Blenden und die Beschriftung. Die Plastikgehäuse aller Klone fühlten sich sehr billig produziert an — und waren es auch. Ein Teil ihres Charmes bestand darin, dass sie trotzdem funktionierten. — Auch wenn man scharfe Bilder in einem klassischen Sinn von ihnen nicht erwarten konnte.

Was ist für dich so großartig daran, mit einer Plastikkamera wie der Diana mit Rollfilm zu fotografieren?

Für mich war es das Objektiv. Diese Kombination aus einer einfachen Kunststofflinse und einem 4 x 4 cm großen Aufnahmeformat erzeugte für mich den größten Teil der Magie. Die gleiche Art von Bild auf einem 35-mm-Film zu schießen hätte nicht funktioniert. Die Bilder, die dabei entstanden wären, wären nicht rechteckig gewesen und die Perforationslöcher wären nur dem quadratischen Rahmen in die Quere gekommen. Die Größe des Negatives in Kombination mit der Linse war also zu einem großen Teil für das besondere Aussehen der endgültigen Arbeit verantwortlich. Es empfahl sich außerdem, das Negativbild als Quadrat auf ein kleinformatiges Papier zu belichten.

Früher verwendete ich für meine Abzüge gerne ein Agfa-Papier namens Portriga Rapid. 1d23f03ba0ed. Für mich war es ein wunderschönes Papier, das einen schönen Sepia-Ton mit einer sehr leichten grünlichen Färbung erzeugte. Es zeichnete sich durch einen angenehmen Kontrast aus und etwas, das man heute eine glänzende Oberfläche nennen könnte. Es wurde aus Zufall zu meinem Lieblingspapier bei all meinen frühen Schwarz-Weiß-Arbeiten. Es war echtes Fotopapier, das echtes Silber verwendete, um magische Bilder zu erzeugen.

Diana-Aufnahmen von John Neel

Die Diana und ihre Cousinen haben ein Aussehen und eine Haptik, die sie in die einzigartige Lage versetzt, traumhafte Bilder zu produzieren. Würde man sie weniger fehlerhaft herstellen, würde man ihr damit all die inhärenten Eigenschaften nehmen, die wir lieben.

Die Einfachheit der gesamten Kamera ermöglicht dem Fotografen sehr unterschiedliche Erfahrungen zu machen. Da es sich im Grunde um eine "Point-and-Pray-Kamera" handelt, lernt der Benutzer die Ergebnisse zu antizipieren. Der Fotograf ist frei, einfach spontan auf sein Motiv zu reagieren mit einer Kamera, welche die Welt auf eine einzigartige Weise sieht. Die Bilder tendieren dazu, einen Zen-artigen Blick auf die Objekte zu zeigen, die festgehalten wurden. Die originalen Kameras sollten eher ein Spielzug oder eine (alberne) Neuheit sein. Es war ein Werbegeschenk auf Partys. Da gab es Versionen der Kamera, die für Restaurants produziert wurden. Ich erinnere mich an eine rote, die mit dem Shakey’s Pizza-Logo versehen war. Ganz zu schweigen von all den Variationen, die auf der ganzen Welt produziert wurden und mit Namen in vielen Sprachen betitelt wurden und in vielen Ländern verkauft wurden.

Wem würdest du eine Diana-Kamera empfehlen?

Wie jede andere Kamera, wird sie eine bestimmte Anziehungskraft auf spezielle Arten von Kameranutzern und -nutzerinnen haben. Früher wurde sie von vielen verschiedenen Bildkünstlern und -künstlerinnen, inklusive Grafikern, Designern und Kunstfotografen, benutzt. Sie übte Anziehung auf eine große Anzahl kreativer Menschen aus. In den letzten Jahren, während dem Übergang zum Digitalen, verwendeten einige Hochzeitsfotografen und -fotografinnen die Diana zusätzlich, um der Hochzeitsgesellschaft auch "Kunstbilder" liefern zu können.

Die Diana war wahrscheinlich die erste "experimentelle" Kamera, die ich je verwendet habe. Mit experimentell meine ich, dass sie einen eigenen Look, eine eigene Handschrift hatte. Damit meine ich auch, dass ich angefangen habe, mit ihr zu spielen. Ich habe mit Mehrfachbelichtungen und mit überlappenden Belichtungen experimentiert. Ich habe Stereo-Frames für 3D-Eindrücke kreiert oder habe mehrere Aufnahme zu einer einzige Panorama-Aufnahme zusammengefasst. Neben Pinhole-Kameras war es die Diana, die mein Denken über das Konzept des Spiels als Arbeitsweise geprägt hat. Auch heute noch ist diese Verspieltheit bei der Arbeit mit den verschiedensten Geräten eine Obsession für mich. Als ich bei Kodak arbeitete, inspirierte mich dieser verspielte Umgang mit Kameras wie der Diana und der Holga zu einer Reihe von Erfindungen und vielen digitalen Kamerakonzepten. Während dieser Zeit erforschte ich viele einzigartige Kameras — sowohl analoge als auch digitale — um einzigartige Bilder zu schaffen.

Lomography Diana F+ camera

Die Diana war kein Schnappschussgerät wie die Kodak Brownie, die nach dem Point-and-Shot-Prinzip einfach zu bedienen war, oder wie die Polaroid-Kameras. Diese Art von Kamera funktionierte normalerweise mit Filmen, die in der örtlichen Drogerie zur Entwicklung abgegeben, in ein Fotolabor geschickt oder von einem selbst entwickelt werden konnten.

Die durchschnittliche Person interessierte sich einfach nicht dafür, einen Film in eine Kamera einlegen zu müssen, die weichgezeichnete Bilder mit unvorhersehbaren Lichtflecken und all den Abnormalitäten produzierte, welche die Diana-Benutzer und -Benutzerinnen liebten. Diese wollten den Film sicher nicht gar selbst entwickeln oder in einer Dunkelkammer Abzüge erstellen müssen.

Die Diana war eine Kamera, die dem Benutzer erlaubte, in einem Moment des Zufalls mit dem Motiv in Beziehung zu treten. Sie zwang den Benutzer dazu, die gesamte Welt vor ihm zu betrachten. Sie regte den Benutzer zum Spielen an. Der Fotograf musste die Realität auf neue Weise entdecken. Die Schnappschüsse, die die Diana hervorbrachte, hatten eine oft seltsame, traumähnliche Präsenz — waren fast surreal. Bei all ihren "Fehler" ist sie ein erstaunliches Werkzeug.

Die Diana war für viele ein ernstzunehmendes Werkzeug, für ernstzunehmende Spielerein. Sie ist es noch immer.


Lies Johns umfassender Leitartikel über die Diana ist in Lens Garden nachzulesen. John ist der Autor von Focus In Photography und Rethinking Digital Photography. Diese sind auf Amazon, Barnes and Noble und dutzenden großartigen Buchhandlungen weltweit erhältlich. Hol dir deine eigene Diana F+ im Online-Shop oder in einem unserer Gallery-Stores weltweit.

2018-06-24 #gear #people

Ein Kommentar

  1. freakoftheweek
    freakoftheweek ·

    Sehr schöner Artikel und das Foto von meiner Anny <3

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