KUMMER: Von künstlicher Überhöhung und der hoffnungslosen Suche nach Glück

2017-09-08

KUMMER ist ein Projekt der Musiker, Schauspieler und Autoren Samira El Ouassil, Danja Mathari, Tilman Ezra Mühlenberg und Martin Martin Schlesinger. Die im Kontext des Kollektivs Institut für Zeitgenossenschaft IFZ entstandene Band ist wie der unbestimmte Affekt KUMMER, schwer auf ein klares Gefühl zu begrenzen. Traurigkeit und Lamento, die der Bandname annehmen lässt, werden hier zu einem sehnsüchtigen Versprechen, zu einer hoffnungsvollen Suche nach Glück, die immer unerfüllt bleiben muss.

Erfahrt im folgenden Artikel mehr über die Band und die Botschaften, die ihren Songs zugrunde liegen:

Inspiriert von Kino, Crooning, US-Slowcore und Dreampop erscheint die Debüt-EP “Someone Like Me” als Vinyl und CD am 8. September 2017. Ihre erste Single ATLANTIC CITY (siehe unten), die am 14. April 2017 mit Video veröffentlicht wurde, trägt den Namen der amerikanischen Glücksspielstadt im Bundesstaat New Jersey, die ihre besten Jahre längst hinter sich hat. Der Song, gesungen von Samira El Ouassil (2009 Bundeskanzlerkandidatin der Partei DIE PARTEI), erzählt im gemächlichen Shaker-Tempo mit sehnsuchtsvollen Gitarren-Delays und langen Hallfahnen von einem ewigen Roadtrip zu den grünen Casino-Tischen, der im Video mit einer überblendungsreichen Fahrt an der Ostküste mit goldenem Sonnenuntergang und sich überlagernden Neon-Lichtern bebildert wird. „Let’s drive forever, to Atlantic City! Drinks, smoke and fortune, in neon dreams“.

Musikvideo zu ATLANTIC CITY

Man fragt sich, weshalb eine deutsche Band mit diesem melancholisch anmutenden Namen in einer schwelgerischen Hymne ausgerechnet dieser untergehenden Metropole
hoffnungsvoll entgegen singt und sich dabei deutlich von amerikanischem Pop beeinflussen lässt. Bei allem Eklektizismus ist es genau diese eigenwillige Hybridität, die die Songs auszeichnet: künstliche Überhöhung ist hier Programm. Am 8. September 2017 erscheint die Debüt-EP mit fünf Titeln, die Ende 2016 und Anfang 2017 von Tilman Ezra Mühlenberg aufgenommen und produziert wurde. Sie trägt den doppeldeutigen Slogan SOMEONE LIKE ME, was als „Jemand wie ich“, aber auch als bittender Imperativ im Zeitalter Sozialer Medien verstanden werden könnte: „Jemand like mich!“ Aufmerksamkeit und Liebe erwünscht.

Cover der Debüt-EP “Someone Like Me”

Auf dem Cover der EP ist in einem rosafarbenen Raum ein goldenes Feuerzeug der Marke S.T. Dupont aus den 1960er Jahren abgebildet. Es erscheint zu groß, zu ästhetisch aufgeladen, zugleich fehl am Platz, wie ein deplatziertes Werbebild, das auf eine vergangene Konsumkultur und auf bekennenden Hedonismus verweist, das hier jedoch nur noch grafisch wirkt. In seiner reduzierten Inszenierung hat es einen Camp-Charakter.

Musikvideo zu SOMEONE LIKE ME

Der gleichlautende Titelsong SOMEONE LIKE ME (siehe oben) klingt mit seinem perkussiven Rhythmus und seiner gleitend-hallenden Westerngitarre ebenfalls nach Prärie, Land und Straße. Die markante tiefe Stimme des Sängers Martin Martin Schlesinger (der Doppelname gehört zur Kunst) haucht verraucht die Einsicht ins Mikrofon, dass er zum Lieben jemanden wie sich selbst benötige: “I need someone like me”. Diese Suche wird im Duett begehrlich und bereit von der Sängerin Danja Mathari gespiegelt, die ebenfalls jemanden wie sich selbst finden möchte.

Auch im zweiten Song der beiden, SADNESS SUITS YOU, in dem der knarrende Kerl der fragilen Frau eine Trennung nahelegt und ihr mitteilt, dass er die bessere Partie für den gemeinsamen Schwermut wäre, werden klangliche Vorbilder geweckt, mit denen man dieses selbstbewusste Rollenspiel mit seinen nahen, rauen, hauchenden Stimmfarben als ein deutsches Crooning oder als “German Country” bezeichnen möchte.

Im finalen Track DRINK KISS FUCK mutiert diese sich annähernde Zweisamkeit zu einem treibend scheppernden Chanson, das auf Serge Gainsbourgs Motto “Je fume, je bois, je baise. Triangle équilatéral” basiert. Nach der gemeinsamen Bekenntnis, dass man lieber weiterziehen sollte, wenn der Nervenkitzel vorbei ist, kulminiert die mantrahafte Trias repetitiv und ekstatisch in einem Trommel- und Becken-Gewitter. “When I feel the thrill is gone, I hit the road my way. I drink, I kiss, I fuck.” In CINEMA ist Samira El Ouassil ein zweites Mal in einer filmischen Soundkulisse zu hören, die insbesondere im orchestralen Refrain opulent wie Hollywood und das Gegenteil von bekümmert ist. Mit verhallten Gitarrentönen und einem Ein-Frau-Choral wird der Wunsch nach einem kinematografischen Schärfen der Sinne, nach einem anderen Wahrnehmen und Fühlen zum Gedanken des Glamours. Ein Klangkosmos so atmosphärisch wie ein Film, der nach seinem Ende einfach weiterläuft.


Wenn ihr mehr von KUMMER sehen und hören wollt, schaut doch auf ihrem YouTube-Kanal, ihrer Facebook-Seite, ihrem Instagram-Feed oder ihrer Website vorbei! Ihre neue EP Someone like me könnt ihr euch auf Spotify anhören!

geschrieben von hannagerstacker am 2017-09-08 in #culture #people #Videos

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