Sexualität gemischt mit Verspieltheit: Die Fotografien von Eylül Aslan

Eylül Aslan’s Arbeit ist der perfekte Mix aus geladener Spontanität und unverfrorenem Mut. Ihre Fotos sind ungewöhnlich aufgebaut. Sie schätzt echte Selbstdarstellung, ungeachtet gesellschaftlicher Normen. Die Berliner Fotografin scheint Trost im Absurden zu finden und zeigt das in ihrer Arbeit. In diesem Interview spricht sie über ihr Handwerk und für was es steht.

Foto von Eylül Aslan

Wie hat deine Erziehung deinen Blick auf Frauen und später deine fotografische Arbeit beeinflusst?

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich ungefähr drei Jahre alt war, und ich lebte dann bei meiner Mutter, die eine Politikerin ist. Sie hat ihr ganzes Leben lang für die Rechte der Frauen in der Türkei gekämpft, was sehr schwierig ist in solch einer patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen immer zu wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden, denen es nicht erlaubt ist, zur Schule zu gehen oder einen Job zu haben oder ihre Meinung zu sagen. Ich wuchs in einem liberalen Haushalt auf, aber ich war umgeben von den Ungerechtigkeiten, denen die Frauen jeden Tag begegnen. Ich kenne viele Mädchen, die ein Leben wie im Gefängnis leben. Und sie werden gezwungen in Schubladen zu passen, die ihnen die Gesellschaft aufzwingt. Ich kenne kaum Leute, die ganz sie selbst sind, es ist fast so, als würde jeder ständig eine Maske tragen. Ich habe das gehasst und wollte immer frei sein und mich frei ausdrücken dürfen. Das konnte ich durch die Fotografie. Ich glaube, ich habe angefangen zu fotografieren, um eine Art zweites geheimes Leben zu haben. In meinen Selbstportraits konnte ich die sein, die ich wirklich bin, und meine Verwandten und Nachbarn bekamen nichts davon mit, weil sie meine Fotos nicht sehen konnten. Mein weiterer Familienkreis weiß noch nicht einmal, dass ich Fotografin bin, sie denken ich wäre eine Hausfrau. Weil mein Vater nicht wirklich akzeptiert, was ich als Fotografin tue. Er versucht noch nicht einmal es zu verstehen. Das treibt mich immer weiter an, eine Art Rebellion gegen all die Normen, die uns türkischen Mädchen aufgezwungen werden.

Alle deine Bilder erzählen eine Geschichte, wenn auch nicht gerade offensichtlich. Denkst du darüber nach, wenn du ein Foto machst? Ist es wichtig, dass der Betrachter deine Fotos von seiner eigenen Perspektive aus versteht?

Ja, manchmal denke ich darüber nach und manchmal nicht. Aber natürlich versteht der Betrachter oft etwas völlig anderes, als ich erwartet hab, und das ist das Tolle daran. Es ist schön, dass jeder es auf verschiedene Arten interpretieren kann. Meine Fotografien sind (wie ich immer sage) über mich, meine Geschichten, Erfahrungen, Gefühle, Träume, Fantasien. Das ist einfach selbstsüchtig. Aber wenn Leute Dinge für sich selbst darin entdecken, dann macht mich das glücklich.

Foto von Eylül Aslan

Was am weiblichen Körper fasziniert dich so?

Ich denke mein Interesse daran liegt darin begründet, dass ich aus einer Kultur komme, in der das Weibliche (nicht nur der Körper, sondern das ganze Wesen) so ein Tabu ist. Alles, was verboten oder geheim ist, ist automatisch interessant (zumindest für mich). Es liegt vielleicht auch daran, dass ich mit Selbstportraits anfing und ich meine erste eigene Muse war und ich nunmal eine Frau bin, also hab ich von da an weitergemacht und bin da angekommen, wo ich heute bin.

Deine Fotos wirken wie ein ständiges Spiel zwischen Sexualität und Verspieltheit. Ist es schwer, da eine Balance zu finden?

Nein, für mich fühlt sich das ganz natürlich an.

Glaubst du die Grenze zwischen Übersexualisierung und der Macht des weiblichen Körpers ist dünn, oder eher nicht?

Ja, natürlich ist die Grenze da dünn. Aber diese Eindrücke sind subjektiv und hängen allein von der Perspektive des Betrachters ab. Ich bin ganz und gar gegen die Vorstellung, dass Leute Angst davor haben sollten, nackt zu sein. Ich verstehe immer noch nicht, warum es so ein großer Skandal ist, wenn eine berühmte Person Nacktfotos online stellt oder ein Poltiker eine Affäre hat etc. Wir haben solche Angst davor, unsere Privatsphäre zu entblößen. Ich persönlich denke das Leben wäre für uns alle viel leichter, wenn das keinen kümmern würde. Es ist eine Schande, dass wir uns für das Natürlichste aller Dinge im Leben schämen.

Foto von Eylül Aslan

Worauf achtest du besonders, wenn du ein Foto machst?

Den Auslöser nicht zu früh zu drücken, bevor ich nicht sicher bin, dass es das richtige Foto ist.

Du hast an den unterschiedlichsten Orten und Ländern fotografiert. Wie beeinflussen die verschiedenen Städte deine Arbeit?

Ich höre oft, dass Leute nicht wirklich unterscheiden können, wo welches Foto aufgenommen wurde. Sie sagen, die Fotos sähen aus als wären sie alle am selben Ort geschossen worden. Was wiederum ein nettes Kompliment ist, denn es bedeutet, dass meine Fotos eine Sprache haben und dass die Leute meine Arbeit erkennen. Meine Antwort ist also wahrscheinlich, dass es egal ist, wohin ich gehe, solange ich mir selbst treu bleibe, mache ich auch gute Fotos. Es ist immer inspirierend zu reisen, weil es mir neue Sinneseindrücke verschafft und ich mich anders fühle als zuhause und so neue, andere Ideen bekomme.

In der heutigen Zeit, in der vom Großteil der Fotografen die digitale Fotografie bevorzugt wird, was lässt dich da an der analogen Fotografie festhalten?

Eigentlich arbeite ich nicht nur mit Film. Ich liebe auch die digitale Fotografie und bevorzuge diese sogar manchmal aus unterschiedlichen Gründen. Es geht schneller, ist weniger riskant (du weißt immer wie das Ergebnis aussehen wird und kannst mit Photoshop nachbearbeiten, auch wenn ich – noch – nicht gut genug darin bin), man kann auch während des Fotoshootings den Kunden zeigen, welche Fotos man schon geschossen hat. Es sind einfach unterschiedliche Erfahrungen, es ist eine Wahl, eine Entscheidung. Ich fühle mich der Filmfotografie mehr emotional verbunden. Denn als ich anfing zu fotografieren, habe ich die alte Kamera meiner Mutter benutzt. Und ich liebe auch die Aufregung, wenn man auf das Ergebnis wartet. Aber letzten Endes geht es darum Fotos zu machen und mir ist es egal, ob man dafür eine digitale Kamera oder ein Handy oder was auch immer benutzt.

Foto von Eylül Aslan

Zwei deiner Arbeiten wurden veröffentlicht. Was ist der größte Unterschied zwischen dem ersten Trauerweide und dem neuen, Dear Slut?

Trauerweide wurde 2013 von Editions du LIC veröffentlicht und ist mein erstes Buch. Der Titel, Trauerweide weist indirekt auf ein traditionelles islamisches Kleid hin. Die verschleierte Gestalt des Baums ist ein Symbol für die Zerbrechlichkeit und Traurigkeit der Frauen, während sie zur gleichen Zeit auch Hoffnung transportiert durch ihre traditionellen Assoziationen mit Flexibilität, Freiheit und Geduld. Diese Dualität veranschaulicht den Konflikt, der im Zentrum meiner Arbeit steht; einem fesselnden Zwiespalt verursacht durch den Zwang sich hinter einer Maske oder Schleier zu verstecken (ohne die Freiheit der Selbstdarstellung), und aber auch dem Wunsch, Kunst als kreatives Fahrzeug für die Befürwortung zu verwenden. Dear Slut wurde 2015 von Editions Bessard veröffentlicht und ist die Nummer 25 einer Magazinsammlung. Der Titel ist der Anfang meines Briefes, den ich an alle Frauen gerichtet habe, die von anderen dafür kritisiert werden, dass sie ein freies, unabhängiges Leben führen. Beide Arbeiten handeln von Frauen in unterschiedlicher Form. Ich habe das Layout der Fotos in Dear Slut bestimmt und auch der Text wurde von mir geschrieben, ich würde deshalb sagen, dass ich in die Entstehung dieses Buches involvierter war. Mein drittes Buch würde ich gerne selbst veröffentlichen und dann an ein paar anderen Ideen arbeiten.

Auf was bist du am meisten stolz, wenn du dir deine Arbeit anschaust?

Dass meine Fotos mich glücklch machen und dass die Leute meine Fotos genauso lieben wie ich sie.

Fotos von Eylül Aslan

Glaubst du, dass Fotografie die Macht hat, die Gesellschaft zu verändern?

Ja, denn Sehen ist stärker als jeder andere Sinn. Manchmal sind Worte nicht genug, aber wenn du jemandem ein Foto zeigst, kann er es meistens besser verstehen.

Was ist, ganz allgemein, die Botschaft, die du durch deine Fotos vermitteln möchtest?

Das liegt immer ganz beim Betrachter!

Foto von Eylül Aslan

Wenn du mehr von Eylül Aslan’s Arbeit sehen möchtest, wirf einen Blick auf ihre Webseite , Facebook und Flickr.

geschrieben von anamartaml am 2015-08-27 in #people #lifestyle #religion #kultur #spiel #frauen #sexualitaet #menschenrechte
übersetzt von petit_loir

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