Mein Vater und seine Praktika

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Als ich meinem Vater vor ca zehn Jahren erzählt habe, was ich mir zu Weihnachten wünschte, platzte es aus ihm heraus: „Ja, das ist eine gute Idee. Da kann ich dir gleich mal eine Geschichte zu erzählen.“

Wie der Vater, so die Tochter

Um was es ging? Ich wünschte mir meine erste Kamera. Eine Holga sollte es werden, lange habe ich auf der Lomography-Seite (die damals noch ganz anders aufgebaut war!) nach der Kamera gesucht, die mir am besten gefällt. Die Holga hatte alles: Sie ist leicht und robust, macht tolle Lightleaks und ich bin frei in der Filmwahl. So habe ich mittlerweile bestimmt mindestens genauso viele 35mm Filme wie 120er verschossen und liebe beide Filmvarianten gleichermaßen.

Doch darum soll es hier nicht gehen. Denn mein Vater erzählte mir eine Geschichte, die nichts mit der Holga zu tun hatte, sehr wohl jedoch mit analoger Fotografie. Schon damals hingen bei uns zuhause viele Fotos an den Wänden. Genau erinnern kann ich mich noch an eine kleine Reihe, die einen Karnevalsumzug zeigte. Oft machte mir der Clown auf den Bildern als ich noch ganz klein war Angst. Aber was ich besonders an den Aufnahmen mochte, waren ihre Ruhe. Zwar zeigten die Bilder stets eine verkleidete Menschenmasse, immer jedoch war alles stimmig und harmonisch. Wer diese Aufnahmen machte und wieso sie da hingen – darüber machte ich mir kaum Gedanken.

Mein Papa heute. Übrigens eine Doppelbelichtung: Wenn man genau hinsieht, sieht man auch noch meine Mutter!

Und so fing mein Vater an zu erzählen. Er hatte sich von seinem ersten Geld eine alte Praktika geleistet. Welches Model wusste er leider nicht mehr. Woran er sich aber gerne erinnerte, war die Qualität der Ergebnisse und zu welchen Feiern sie noch im Einsatz war. Ihr müsst wissen, mein Vater feiert gerne und somit wurde sie häufig benutzt. Doch nicht nur als Partybegleitung war sie dabei. Auch beim Osterangeln schoss er tolle Bilder vom Sonnenaufgang über dem See. Lange hing dieses Bild bei uns im Hausflur. Den Karnevalsumzug hat natürlich auch er fotografiert, damals Mitte der 80er in Essen. Übrigens wurde mit der Kamera auch dieses tolle Bild gemacht, bei dem meine Mama wohl den Auslöser drückte. Es zeigt meine Schwester und mich bei einem Theaterstück. Mein Papa hat offensichtlich auch mitgespielt.

Als er mir also so von seiner Kamera vorschwärmte, wuchs in mir natürlich das Bedürfnis, welches sich in jedem von euch mit Sicherheit auch gerührt hätte: Wo ist diese offensichtlich so tolle Kamera jetzt? Ehrlich gesagt sah ich mich schon dabei, wie ich mit ihr die gute Tradition weiterführte und einen Film nach dem Anderen verschoss. Also fragte ich ihn danach.

Und dann wurde es traurig. Er lächelte mich an und erzählte mir, dass es die Kamera nicht mehr gibt. Wieso fragte ich und er wurde ein wenig rot. Es stellte sich heraus, dass (bestimmt nach einer zu langen oder ausgearteten Feier) der Verschluss oder der Transport, das konnte er nicht mehr genau sagen, defekt war und er aus einer Laune heraus dachte, dass es bestimmt nicht so schwer wäre eine Kamera zu öffnen und selbst zu reparieren. Nachdem er über die vielen Einzelteile den Überblick verlor und verzweifelt alles zusammenpackte und zum Fotografen brauchte, sagte dieser nur: “Das kannst du ja wohl vergessen!”

Und das war das Ende seiner geliebten Praktika.

Umso mehr jedoch konnte er sich für meine Idee mit der analogen Fotografie zu beginnen begeistern und so fand ich unterm Weihnachtsbaum meine geliebte Holga und sie begleitet mich treu bis heute.
Irgendwann steckte mir mein Vater dann mal ein Foto zu. Es zeigt ihn, wie er gerade ein Foto mit seiner Praktika macht und bis heute möchte ich das Bild mit mir gerne einmal nachstellen, inklusive Spielautomat. Vielleicht liegt die analoge Fotografie bei uns ja einfach im Blut?

Übrigens: Vor ein paar Wochen steckte mir meine Mutter mal einen Film zu. Sie meinte ich könnte den ja mal entwickeln, sie wüsste nicht mehr was drauf ist und ich mache sowas doch jetzt. Tja, was soll ich sagen? Die Partys meiner Eltern waren wirklich, nunja, wild.

geschrieben von stellastellar am 2014-07-06 in #lifestyle #analog #alt #geschichte #familie #fotografie #praktika #vater #vatertag

6 Kommentare

  1. poepel
    poepel ·

    Tolle Geschichte und neugierig auf die Bilder der wilden Partynacht bin ich jetzt auch. ;)

  2. marlonmosh
    marlonmosh ·

    Echt klasse! Ich will auch wilde Partys!

  3. an4
    an4 ·

    Schöne Geschichte.

  4. freakoftheweek
    freakoftheweek ·

    Sehr schöne und mit viel Liebe erzählte Geschichte.
    Ich will noch mehr von den alten Fotos sehen und pack Deinem Papa doch mal ne alte Praktica untern Weihnachtsbaum ;-)

  5. candeeland
    candeeland ·

    Genau das habe ich auch gedacht @freakoftheweek, du musst deinem Papa eine "neue" Kamera zustecken. :) Schöne Story und ich glaube, wir wollen alle die wilden Partyfotos deiner Eltern sehen! ;)

  6. stellastellar
    stellastellar ·

    @poeple @marlonmosh @an4 @freakoftheweek @candee2104 Vielen Dank! Die Praktica unterm Weihnachtsbaum klingt super!

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