Bilder für die Ewigkeit - Das Central Valley Project in Berlin

Wer kann eigentlich auf Anhieb genau erklären was Kollodium-Nassplatten-Fotografie ist? Na…? Keiner? Nicht so schlimm, man kann dafür ruhig mal jemanden fragen, der sich damit auskennt. Ich war zu Besuch bei David Puntel, Initiator des Central Valley Project in Berlin.

Es ist mächtig kalt, als ich mich mit David Puntel, dem Gründer des Central Valley Project in Berlin/Neukölln treffe. Der herzliche und sympathische, in Berlin lebende US-Amerikaner hat mich für ein Interview in sein Tageslichtstudio am Rande Neuköllns eingeladen. Nach kurzer Autofahrt und einem kleinen Fußweg stehen wir vor seinem Fotostudio. Eigentlich nur eine kleines Häuschen. Das Entscheidende ist aber das Dach! Das besteht komplett aus durchsichtigen Kunststoffplatten, die für mehr Licht im Inneren sorgen und gerade Licht wird hier dringend gebraucht (später dazu mehr).

Das Tageslichtstudio des Central Valley Projects

Im Studio bollert schon fleißig der kleine Holzofen und sorgt für angenehm, wohlige Wärme.

In der Mitte des Raumes steht die stattliche Kamera auf einem Stativ. Dahinter ein Stuhl mit einem merkwürdigen Anbau und hinter dem Vorhang ein rot-beleuchteter Raum.

Das Angebot von David Puntel, einfach mal eine Aufnahme von mir zu machen und nebenbei das Interview zu führen nehme ich natürlich mit Vergnügen an!

David Puntel und “Das Arbeitspferd”

David, wie kam es eigentlich zu der Idee des Central Valley Projects?

Vor dem CVP habe ich als Dokumentarfotograf gearbeitet. Alles in 35mm-S/W-Film. Das war schon toll! Aber meine Schwester ist Künstlerin und jedes Mal wenn ich sie besuchte, saßen wir in einem großen, hellen Zimmer, unterhielten uns bei einem Bier und hatten viel Spaß. Nur mein Gedanke war jedes Mal: “Hmm naja, jetzt muss ich wieder nach Hause und in meiner Dunkelkammer arbeiten.” Da ist es immer dunkel und feucht und ich wollte einfach mal in einer helleren Umgebung arbeiten. Zufällig war auch grad das Jahr 1999 und in San Francisco kam es zur großen “Dotcom-Explosion”. Jeder sagte dass die Analogfotografie tot sei und keine Zukunft habe. Digital ist das nächste große Ding! Ich habe aber gesagt: “Wartet! Das ist einfach nur ein anderes Medium.”
Außerdem wollte ich auch mehr mit meinen Händen arbeiten und Digital- bzw. S/W-Fotografie war mir einfach zu wenig. Also hab ich mich nach Alternativen umgesehen. Einziges Problem war, ich kann weder gut zeichnen, noch malen. Also dachte ich mir dass ich mal in der Vergangenheit stöbere und bin dabei auf Daguerreotypien gestoßen. Ich habe dann mit einem Doktor der Fotografie zusammengearbeitet und der sagte mir gleich dass das eine schlechte Idee sei, da die Belichtung so lange dauert und die Chemikalien, unter anderem Quecksilber, so giftig sind. Er sagte mir dann dass er ein Paar kennt, die Kollodium-Nassplatten-Fotografie in Montana unterrichten. Also ging ich im Herbst 1999 für einen Workshop dorthin.

Warum gerade Central Valley Project?

Das „Central Valley“ ist ein Landstrich in Kalifornien und während der großen Depression, begann man dort aufwendig, Wasser in das Tal zu leiten. Für das Tal war das wirklich ein Desaster und eine große Umweltkatastrophe. Deswegen habe ich mir gedacht, dass ich ein viel besseres Projekt, für das Central Valley habe und daher kommt der Name.
Das Central Valley liegt in der Nähe von San Francisco, wo ich 18 Jahre gewohnt habe und ist wirklich wunderschön.

Wie funktioniert eigentlich der Kollodium-Nassplatten-Prozess?

Zunächst einmal, kaufe ich Glas ein und schneide es in Form. Oftmal findet man auch Fensterglas in Berlin, dass man noch verwenden kann. Ein Problem ist es aber die Chemikalien in Deutschland zu bekommen. Hier kann man kein Cadmiumbromid kaufen also bring ich dass immer mit, wenn ich mal in den USA bin. Die Mischung der Chemikalien muss man dann auch allein machen. Das Kollodium dass durch Oberflächenspannung an dem Glas anhaftet kommt in ein Silberbad und ist somit lichtsensitiv. Die Platte kommt dann in eine lichtdichte Halterung und wird, wenn das Motiv eingerichtet ist, in der Kamera belichtet. Dann zurück damit, in die Dunkelkammer, in der es dann in ein Entwicklungsbad aus Eisen, Essigsäure und Wasser kommt und das Ganze entwickelt dann die Aufnahme. Zum Schluss wird die Aufnahme dann über einer offenen Flamme getrocknet und erhält ein Finish mit einem Gemisch aus Alkohol, Baumharz und Lavendelöl welches dann aushärtet und das Bild perfekt schützt. Das Tolle ist, dass das wirklich ziemlich einfach ist und alles zusammen ergibt dann dieses magische Bild!

Der gute Ofen und das Fotostudio von Innen.

Wie lange braucht es, für so eine Aufnahme?

Alles zusammen, vielleicht 10 Minuten.

Und nur die Belichtung?

Heute ist es recht dunkel also wird es so um die 20 Sekunden dauern. Aber im Sommer braucht man nur um die 4 Sekunden. Einige geraten da auch leicht in Panik, selbst für 5 Sekunden mal stillzuhalten. Aber dafür habe ich meinen Prototyp hier. Eine Klammer, montiert an einem Stuhl. Diese Konstruktion hab ich in einem alten französischen Magazin aus 1800 gesehen. Damals waren das noch große Eisenklammern. Aber das hier ist einfach eleganter und hilft dein Portraitierten dabei, den Kopf für diese Zeit abzustützen.

Ist es dann eigentlich sehr kompliziert Aufnahmen von Kindern, oder einfach sehr nervösen Personen zu machen?

Wenn man sich die alten Fotografien mal anschaut, sieht man oft die Eltern scharf und die Kinder sind immer etwas verschwommen. Aber beispielsweise meine Tochter die bald 7 Jahre alt wird, von der ich Bilder seit sie 5 ist mache, ist das perfekte Model! Es kommt einfach auf die Person an. Das ist aber auch das Interessante daran. Ich hab mal ein Paar, mit einen Kind auf dem Schoß, fotografiert. Das Kind war etwas nervös und deswegen nicht wirklich im Fokus. Also sagte ich zu den Eltern: „Haltet einfach den Kopf von hinten etwas fest.“ Aber die Eltern wollten das nicht so wirklich, also hab ich ihnen eine alte Fotografie von 1870 gezeigt. Darauf sitzt ein Kind auf einem Stuhl und man sieht eine Hand an der Seite die den Kopf festhält. Das Bild ist wunderschön aber schon etwas verrückt. Aber so muss es halt manchmal auch sein!

Wie ich sehe, ist an der Kamera ein Petzvalobjektiv.

Die Petzval ist eine „Vogtländer & Sohn“ aus Wien, um 1860 gebaut. Die habe ich in den USA gekauft und ist meine Lieblings-Linse. Hier ist nur ein Punkt scharf, also der typische Petzvaleffekt. Heutzutage lieben das die Leute, aber um 1800 war das nicht sehr beliebt, weil man alles im Bild scharf gestellt haben wollte. Diese Linse ist aber superschnell. Zusammen hab ich 8 Linsen, darunter ein paar Aplanat-Linsen Die Aplanat ist eigentlich die bessere Linse aber eben nicht so schnell wie die Petzval. Der Kamera-Body ist von Kodak, gebaut um 1910. Ein typisches Arbeitspferd. Sie war nicht wirklich billig aber auch nicht zu teuer. Einfach nur robust und gut gebaut und wurde deswegen auch als “Das Arbeitspferd” bezeichnet. Sie ist nicht sonderlich hübsch, arbeitet aber unter jeglichen Bedingungen.

Die Petzval “Vogtländer & Sohn” von 1860

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Gibt es noch andere Techniken die du unbedingt ausprobieren willst?

Ja, ich hab angefangen mich mit einer sehr alten Technik, noch vor Daguerre zu beschäftigen. Nicéphore Niépce, hat mal herausgefunden, dass Pflanzen natürlich auch lichtsensitiv sind. Also ist es möglich mit Lavendelöl, wenn man es ziemlich herunter kocht, eine lichtsensitive Substanz zu erhalten. Die ist aber ziemlich schwach also braucht es schon 8 Stunden Belichtung. Ich will das unbedingt mal ausprobieren! Aber momentan bin ich so fasziniert vom Kollodium-Prozess. Ich kann Negative erstellen und beispielsweise auf Albuminpapier drucken. Es gibt noch so viel Möglichkeiten mit Kollodium!
Die Fotografien von 1860 sehen heute noch perfekt aus und ich weiß, dass die Aufnahmen die ich heute mache, mein Erbe sind und diese Fotos werden 3 Generationen später immer noch perfekt aussehen, außer jemand zerbricht das Glas.

Die Ergebnisse
Die Magie der Ambrotypie – Negativ und Positiv in einem Bild

Ihr wollt auch ein großartiges Portrait von euch oder sucht noch nach dem perfekten Geschenk für jemand Besonderen und die kommende Generation und die Generation danach…?

“1/6 Format” (2 3/4 × 3 1/4 Zoll; 7 × 8.25 cm) – 60,-€ (zusätzliche Kopie des gleichen Portraits: 55,-€)
“1/4 Format” (3 1/4 × 4 1/4 Zoll; 8.25 × 11 cm) – 75,-€ (zusätzliche Kopie des gleichen Portraits: 65,-€)
“1/2 Format” (4 1/4 × 5 1/2 Zoll; 11 × 14 cm) – 100,-€ (zusätzliche Kopie des gleichen Portraits: 85,-€)
“Vollformat” (6 1/2 × 8 1/2 Zoll; 16.5 × 21.5 cm) – 150,-€ (zusätzliche Kopie des gleichen Portraits: 130,-€)
Weitere Preise auf Anfrage. Neben Portraitarbeiten bietet das Central Valley Project regelmäßig Workshops an. Da die Plätze limitiert und heiß begehrt sind, sollte man frühzeitig buchen.

Weitere Bilder und mehr Hintergrundwissen rund um den Kollodium-Nassplatten-Prozess, Albumin und Salted Paper findet ihr hier: Central Valley Project und auf Facebook.

Ich bedanke mich bei David Puntel, für die großartige Möglichkeit hinter den Vorhang des Kollodium-Nassplatten-Prozess zu blicken.

geschrieben von herrjensen am 2014-02-16 in #lifestyle #vintage #ambrotypie #central-valley-project #glas-negativ #nassplatten-kollodium-fotografie

Mehr interessante Artikel