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Die lomographische Dunkelkammer - Teil 2: Vergrößern mit dem Gurkenprinz
geschrieben von gurkenprinz am 21. Dezember 2009 (1 Vote )

So. Jetzt aber. Der Vergrößerer ist aufgebaut und angeschlossen, die Chemie ist angemischt und wartet in drei hübschen Schalen/Backblechen/Auflaufformen auf den Erstkontakt mit einem belichteten Papier. Zangen oder Gummihandschuhe sind auch hergerichtet und der Raum ist halbwegs lichtdicht….

Achtung: Dein Handy wird immer dann läuten, wenn du gerade das frisch belichtete Papier in den Entwickler gegeben hast – laß es in der Hosentasche! Oder besser noch im Wohnzimmer, da stört es nicht. Jetzt kann’s losgehen!

1. Suche dir ein Negativ aus, das du vergrößern möchtest und lege es in die “Negativbühne”. Du findest diese Negativbühne am Kopf des Verstärkers, meistens kann man sie einfach herausziehen. Es gibt Negativbühnen für alle möglichen Formate..

2. Such Dir das Papier aus, auf das Du vergrößern willst. Dreh das Licht ab und nimm ein Blatt Papier aus der Schachtel (wieder GUT zumachen). Dieses Papier ist ein Opfer an den Gott der Lomographie, denn wir werden darauf nicht Printen. Es wird unsere Einstellhilfe. Natürlich könnte man auch ein Papier nehmen, das auf das korrekte Format zugeschnitten ist, aber wer will schon die Götter erzürnen?

3. Jetzt kannst du den Vergrößerer aufdrehen. Achte darauf, dass am Objektiv die größte Blende eingestellt ist (=kleinste Blendenzahl) Stell dann den Kopf des Vergrößerers auf die richtige Höhe, um das Bild auf das Papier zu projizieren. Natürlich kannst Du auch nur Ausschnitte vergrößern! Wenn die Höhe ungefähr passt, wird scharfgestellt. Wenn die Schärfe auch passt: Licht auf, Vergrößerer ab und den eingebauten Rotlichtfilter vor die Linse klappen. Jetzt blenden wir am Objektiv ab, und zwar um ca. 2-3 Stufen. Dadurch fällt’s nicht ganz so auf, wenn das Papier nicht ganz gerade liegt, weil der Schärfebereich größer wird.

4. Ab hier dauert es nur mehr wenige Minuten, bis du deinen ersten selbstentwickelten Print in Händen halten kannst. Du musst jetzt das Licht abdrehen und – wieder in völliger Finsternis – ein weiteres Papier aus der Verpackung befreien (wieder GUT zumachen!) und ungefähr auf der Bodenplatte platzieren. Dann kannst du den Vergrößerer (mit dem Rotfilter vor der Linse) aufdrehen und das Papier genau einrichten. Warum das funktioniert: Schwarzweiß-Papier ist nicht rotempfindlich.. Juhu! Jetzt den Vergrößerer wieder abdrehen und den Rotfilter wegklappen.

5. Nimm einen Karton zur Hand und decke das Papier bis auf einen Streifen ab. Wir machen jetzt einen Test – wie lange müssen wir belichten, damit eine tolle Lomographie entsteht? Grundsätzlich gilt: je weiter das Licht “reisen” muss, desto länger muss man belichten. Vergrößerer einschalten und alle 2 oder 3 Sekunden den Karton ein Stück weiterziehen. Wenn man das 4 oder 5 mal macht, hat man eine Belichtungsreihe von zB 3s,6s,9s,12s,15s. Dann den Vergrößerer abdrehen und das Papier in den Entwickler werfen. Hier ist ein Bild von so einem Test [liebes lomography.com team, leider bin ich kein Formatierungschecker und mein analoges hirn kann nicht digital verlinken, daher bitte hier das bild “reisenonnen teststreifen agfa brovira speed” einfügen].

6. Das Papier ca. 1 1/2 Minuten im Entwickler lassen, Schale immer wieder mal bewegen. Dann mit einer Bildzange rausnehmen und ins Stop-Bad geben. Dort ca. 30sec lassen, Schale ein Bißchen bewegen und mit der ANDEREN Zange ins Fixierbad befördern. Durch diese einfache Maßnahme verlängern wir die Haltbarkeit der Chemie! 2 Minuten Fixierzeit sollte für normale Papiere reichen, Barytpapier (Vorsicht, kann teuer werden, weil’s einfach zu geil ausschaut) braucht länger. Das Licht kannst du übrigens schon aufdrehen, wenn das Papier ca 20-30 sec im Fixierer war.
DISCLAIMER: Diese Zeiten sind natürlich nur geschätzt, die korrekten Zeiten stehen auf der Chemie aber drauf!

7. Jetzt siehst du deine ersten Teststreifen und der könnte dann in Etwa so ausschauen:

8. Wenn die Fixierzeit um ist (eh nur geschätzt), Papier aus dem Fixierer nehmen (mit der 2. Zange…) und waschen! Fließendes Wasser wäscht natürlich am besten, ist aber wirklich nicht umweltfreundlich. Ich wasche kurz unter fließendem Wasser und sammle dann alle Prints in einem Wasserbecken, wo sie teilweise stundenlang schwimmen, bevor ich sie trockne.

9. Beim ersten Mal liegt man manchmal auch ganz daneben mit der Belichtung, aber das hat man schnell heraus. Als Beispiel: das obere Bild ist zu hell, also macht man einen neuen Teststreifen mit längerer Belichtung.

WICHTIGE VERBRAUCHERINFORMATION DES GURKENPRINZLICHEN DIENSTES FÜR ENTWICKLUNGSHILFE: im Positivprozess ist – Überraschung – alles genau andersrum als beim Negativ. Wenn Du länger belichtest, wird das Bild dunkler!

10. Jetzt kannst du schon sehr genau einschätzen, wie lange du belichten musst, um einen Print nach deinen Vorstellungen zu machen. Und das machst du jetzt einfach!

11. Wenn du ein Papier mit fixer Gradiaton verwendest (Gradiation steuert den Kontrast), hast du jetzt einen fertigen Abzug. Die meisten alten Papiere, die man bei Verwandten und Bekannten in der Dunkelkammer findet, haben eine fixe Gradiation. Witzigerweise halten alte Papiere fast ewig (also 20-30 Jahre). Ich verwende zum Beispiel wirklich gerne dieses Agfa Brovira Speed, das sicher schon über 20 Jahre alt is und wunderschön cremige Bilder zeichnet:

Ein Abzug auf diesem Papier schaut dann so aus:

12. Wenn Du ein Papier mit variabler Gradiation (VC, Multigrade, etc.) verwendest, kannst du den Kontrast deines Prints mit Filtern steuern. Wie das gemacht wird, erfährst du in Teil 3 der “lomographischen Dunkelkammer”

Tipps und Tricks:

Zeitmanagement: In kompletter Finsternis die Zeit richtig zu schätzen, ist gar nicht so leicht. Fürs Vergrößern kann man ja noch mitzählen (einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig,…), oder der musikbegeisterten Schwester das Metronom entführen, aber beim Entwickeln kann man sich schon mal um eine gute Minute verschätzen. Woher ich das weiß: leidvolle Erfahrung :-) Ein guter Trick: Ein oder mehrere Lieder mit ca. 2 Minuten Länge auf einen mp3-player spielen, Kopfhörer rein und dann den Player in der Hosentasche aufdrehen, sobald das Papier in der Chemie ist. Den Player aber bitte nicht aus der Tasche nehmen, sonst ist das Papier hinüber. Woher ich das weiß: leidvolle Erfahrung :-)

Papiermanagement: Gerade in vollkommener Dunkelheit muss man relativ gut organisiert sein. Ich lege also das Papier immer an dieselbe Stelle und nehme auch immer nur ein Blatt heraus, verschließe dann gleich die lichtdichte Folie und mach auch den Karton wieder zu. Wenn man das nämlich nicht macht, vergißt man’s garantiert irgendwann und das ganze schöne Papier ist kaputt! Woher ich das weiß: Leidvolle Erfahrung :-)

Chemiemanagement: Entwickler schütte ich meistens nach einer Session weg, der hält sich auch nicht gut. Woher ich das weiß: Leidvolle Erfahrung :-) Stop und Fix kann man in Flaschen umfüllen und erstaunlich lange weiterverwenden (um so länger, je weniger Luft in den Flaschen ist: Der Gurkenprinz empfiehlt daher die Umfüllung in hochwertige leere Mineralwasserflaschen, die lassen sich nämlich so zusammendrücken, dass fast keine Luft mehr drinnen ist). In einem der nächsten Beiträge werden wir uns auch auf ur-lomographisches Terrain vorwagen und alternative Chemie erforschen: Kaffee, Essig, aber auch Lith-Entwicklung und ähnliche Späße.

Beziehungsmanagement: Während man in völliger Dunkelheit herumstolpert und nur das Licht sieht, wenn man andächtig seine ersten Prints bestaunt, fällt einem gar nicht auf, was für eine furchtbare Sauerei man in der Küche angerichtet hat. Daher sollte der gewiefte Dunkelkammerprofi immer genügend Fetzen (österr. für “Lappen”) und Putzmitteln bereit haben, um Verunreinigungen der Küche noch VOR der Rückkehr der Freundin/des Freundes zu beseitigen. Woher ich das weiß: Dreimal darfst du raten….

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