Petzval_header_october_2014_de
Hast du ein Konto? Anmelden | Bist du neu bei Lomography? Registrieren | Lab | Aktuelle Seite:

Triff einen Petzval Pionier: Ein Interview mit Geoffrey Berliner

Geoffrey Berliner ist der Executive Director der Penumbra Foundation und des Zentrums für Alternative Fotografie in New York City. Er hat eine erstaunliche Sammlung von über 2.000 alten Petzval-Objektiven und es war uns eine Ehre, ihn darüber zu interviewen und zu fragen, warum diese Objektive so viel für ihn bedeuten. Lest das Interview mit diesem wahren Petzval Pionier!

Ein Portrait von Geoffrey Berliner mit dem Lomography x Zenit Petzval Objektiv – © Coco Alexander

Wie bist du auf die Petzval Fotografie aufmerksam geworden?

Mein erstes Petzval Portrait Objektiv, eine C.C. Harrison, habe ich in den späten 1990er Jahren auf einem Flohmarkt gekauft. Zu der Zeit war ich unzufrieden mit den begrenzten Möglichkeiten der digitalen Fotografie und erforschte das Großformat. Ich fand die Idee, mit einer frühen Optik zu fotografieren romantisch und war neugierig, wie so ein altes Objektiv mit aktuellem Film arbeiten würde. Von den ungewöhnlichen optischen Fähigkeiten war ich total überrascht, vor allem in den unscharfen Bereichen, die man mit dem japanischen Begriff “Bokeh” bezeichnet. Alle Objektive haben das, aber es unterscheidet sich stark von Linse zu Linse und hängt vom optischen Design ab und davon, wie man das Objektiv benutzt, zum Beispiel bei weit offener Blende. Das erste, was ich an meiner Petzval feststellte, war also, dass dieses Bokeh sehr ungewöhnlich war und irgendwie “wirbelig” aussah. Das brachte mich dazu, mehr über die Qualität dieser Linse erfahren zu wollen. Diese frühen Experimente führten dazu, dass ich mehr über die Charakteristik der Petzval, andere Objektive aus dem 19. Jahrhundert und die Geschichte der Fotografie lernte.

Zu der Zeit zeigte mir ein Freund das Zentrum für Alternative Fotografie in New York City, wo ich meine ersten Versuche mit dem Collodiumverfahren und Ferrotypien machte. In diesem Kurs hatten alle Kameras ein Petzval Portrait Objektiv, wir nutzten diese frühen Optiken also absolut artgerecht. Ich war erstaunt von den hervorragenden Resultaten und forschte weiter im Bereich der frühen Fotografie, so sehr, dass ich meine Leidenschaft unbedingt teilen wollte. Kurz darauf erlernte ich weitere frühen fotografischen Entwicklungsarten. So wurde ich nach einer Weile Teil des administrativen Teams des Zentrums für alternative Fotografie und schlussendlich sein Direktor.

Was gefällt dir an der Petzval Fotografie so sehr?

Von allen Optiken, mit denen ich gearbeitet habe, egal ob alt oder neu, bleibt die Petzval eins meiner Favoriten. Es ist vielfältig und komplex, und wurde aus zwei Gründen entworfen: Einmal, um die Belichtungszeiten zu verkürzen und andererseits, um schärfere Bilder zu erzeugen. Josef Petzval war darin sehr erfolgreich und sein neues Objektiv war viel schneller und schärfer als die gängige Linse der Zeit, der Chevalier Achromat, der langsam war und nur dann scharf, wenn er stark abgeblendet wurde. Das Petzval war schnell und scharf, sehr scharf, sogar nach modernen Maßstäben, aber die Berechnung war nicht vollständig perfekt und die optischen Abberationen schränkten den Nutzungsbereich ein. Als die Optik-Ingenieure aber das Problem mit den Abberationen in den Griff bekamen und alle modernen Linsen gleiche Bilder machten, begaben sich viele moderne Fotografen auf die Suche nach einem Objektiv, das anders wirkte und kamen auf ältere Exemplare, die noch nicht so überkorrekt waren. Als eine der ersten Linsen wurde damals die Petzval wiederentdeckt, weil ihre Verzeichnungen sich perfekt für Kunst und expressive Fotografie eigneten.
Hinzu kam, dass viele Fotografen, die sich mit klassischen Entwicklungsmethoden beschäftigten, auch mit entsprechendem Equipment arbeiten wollten, das zu der Zeit passte.

Das Petzval ist extrem vielseitig und hat Fähigkeiten, die auf viele Arten genutzt werden können. Am auffälligsten ist die leicht gekrümmte Abbildung des Portrait Objektives. Das bedeutet, dass das Bild nicht flach auf dem Film landet. Die Mitte des Bildes wird noch am flachsten und damit schärfsten abgebildet; je weiter man zum Rand kommt, desto mehr nehmen die Unschärfen zu. Dies erzeugt ein wirbeliges Bokeh, was besonders herauskommt, wenn man dazu passende Hintergründe wählt, zum Beispiel Bäume, wo das Licht durch die Blätter scheint. Im 19. Jahrhundert war nur die scharfe Mitte des Bildes wichtig, daher wurde das Petzval mit kleineren Formaten benutzt, als es eigentlich gedacht war, zum Beispiel könnte ein Petzval problemlos eine Fläche von 8×10 ausleuchten, wurde aber für eine Plattengröße von 6 ½ x 8 ½ oder 5×7 verwendet. Das Petzval ist ein schnelles Objektiv (maximale Blendenöffnung f/3.8). Dadurch erhält man eine sehr knappe Schärfentiefe, wenn man möchte, perfekt für Portraits! Das geht so weit, dass man bei manchen Portraits erkennt, dass die Augen scharf sind, aber die Nase und die Ohren schon unscharf und weichgezeichnet. Trotzdem muss man betonen, dass die Mitte wirklich scharf ist, auch bei offener Blende. Schärfer wird es natürlich noch, wenn man etwas abblendet. Man kann auch die Einstellungen der hinteren beiden optischen Elemente verändern und damit interessante Effekte erzeugen. Ein anderer Anwendungsbereich ist, dass man nur die vordere Linsengruppe nimmt, dadurch erhält man einen sogenannten Achromaten. Diese verkitteten Linsen erzeugen ähnliche Resultate wie der originale Chevalier Achromat, sehr weich bei offener Blende und immer schärfer werdend, wenn man abblendet. Diese Variante wurde oft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert genutzt und inspirierte die Entwicklung von berühmten Objektiven wie dem “Pinkham & Smith Semi-Achromat and Synthetic”, benutzt von Alfred Stieglitz und dem Spencer Port-Land,benutzt von Edward Weston. Man sieht, die Petzval-Linse bietet Möglichkeiten, von denen Joseph Petzval niemals geträumt hat! Oder hat er vielleicht doch?

Die Petzval-Formel wurde wiederentdeckt, als die bewegten Bilder erfunden wurden. Einige der ersten Linsen der Filmindustrie entstanden auf diese Weise, sowohl für Kameras, als auch für Projektoren. Diese späten Petzvals wurden schon öfters auf moderne Digitalkameras montiert, vor allem auf das Micro-4/3-Format. Die neue Lomography Petzval ist eine willkommene Ergänzung, weil sie sowohl bei Vollformat-Digitalkameras, als auch bei analogen Kleinbildkameras funktioniert.

Ein Portrait von Geoffrey Berliner mit dem Lomography x Zenit Petzval Objektiv- © Coco Alexander

Was ist so besonders daran, mit alten Objektiven zu arbeiten?

Fotografieren mit alten Linsen ist sehr lohnend. Der Fotograf muss abseits der akzeptierten Normen von Schärfe, Kontrast und Sättigung der modernen Objektive denken. Alte Objektive haben Schwächen, die man aber auf erstaunliche und lohnende Weise nutzen kann, wenn man diesen Weg gehen möchte. Das Petzval ist darunter eins der einzigartigsten und interessantesten optischen Designs, die je hergestellt wurden.

Wenn du auch eines der neuen Lomography Petzval Objektive haben möchtest, schreib dich am besten auf die Warteliste, damit wir dich auf dem Laufenden halten können. Erfahre mehr über das Objektiv auf der Petzval Microsite.

Geoffrey Berliner ist der Executive Director der Penumbra Foundation und des Zentrums für Alternative Fotografie in New York City. Die Penumbra Foundation, www.penumbrafoundation.org, ist eine Non-Profit Organisation, die sich den fotografischen Künsten widmet. Eins der Ziele der Organisation ist es, die Relevanz von emulsions-basierten und anderen frühen Entwicklungsprozessen in der sich schnell ändernden digitalen Welt zu bewahren. Das Zentrum für Alternative Fotografie vermittelt dieses Wissen.

geschrieben von tomas_bates, übersetzt von marcel2cv

Es gibt noch keine Kommentare

Lies den Artikel in einer anderen Sprache.

Der Originalartikel wurde in folgender Sprache verfasst: English. Den Artikel gibt es auch auf: Türkçe, 日本語, Spanish, 中文(繁體版), 中文(繁體版), 한국어, Nederlands, Italiano & Français.