35mm-Objektiv der alten Schule: Das Jupiter-12 35/2.8

Bei der Nutzung von M39-Messsucherkameras (sei es eine Schraubleica, eine der zahlreichen Nachahmungen oder aber einer Bessa R) hat man eine große Auswahl sehr erschwinglicher Objektive vor allem aus den Produktionsstätten der ehemaligen UdSSR. Dabei handelt es sich überwiegend um Standard-Objektive mit etwa 50 mm Brennweite. Bei der leichten Weitwinkel-Brennweite von 35 mm sieht es jedoch schon ganz anders aus. Natürlich gibt es Angebote von Leitz, Voigtländer und Zeiss, aber zu einem wirklich erschwinglichen Preis (unter 100€) gibt es im Grunde nur einen Kandidaten: Das Jupiter-12.

Das Jupiter-12 (Юпитер-3) ist ein 35-mm-Objektiv mit 6 Elementen in 4 Gruppen und einer Lichtstärke von f/2.8 für Messsucherkameras mit einem M39-Gewinde (oder Kiev 4/Contax-Bajonett). Es ist eine Kopie des Biogon 35/2.8 von Carl Zeiss. Die ersten Exemplare, die noch unter der Bezeichnung Bigon Krasnagorsk liefen, enthielten sogar noch Original-Komponenten, die zu noch Kriegszeiten von Zeiss produziert worden waren. KMZ produzierte das Objektiv ab 1947. In den frühen 1960ern wurde die Produktion an die "Optische Glasfabrik Litkarinsky" (LZOS) übergeben, wo das Objektiv bis in die 1990er produziert wurde.

Wer 35-mm-Objektive liebt, der weiß warum: Das Blickfeld ist weiter als bei einem 50-mm-Standardobjektiv, was bedeutet, das auf der Aufnahme mehr von der Umgebung abgebildet wird und somit das, was man sieht, nicht allzu weit von dem abweicht, was man mit den eigenen Augen sieht. Das ist vor allem dann interessant, wenn man sich in Street-Foto-Situationen befindet, da die Brennweite einem erlaubt, auch auf engerem Raum, einer Seitengasse etwa, Personen als Ganzes abzulichten. Außerdem erhält man bei gleicher Lichtstärke eine größere Tiefenschärfe und kann seinem Motiv so etwas mehr Kontext verleihen, ohne dass eine optische Freistellung so unmöglich wird, wie bei noch kürzeren Brennweiten. Wer will erhält mit f/2.8 sogar ein brauchbares Bokeh, das dank der gewölbten Hinterlinse noch interessanter wirkt. Aufnahmen mit dem Jupiter-12 zeigen ganz spezielle Charakteristika. Dazu gehören die leichte, für Weitwinkelobjektive untypische Kissenverzeichnung, die sonst eher bei Brennweiten über 50 mm auftritt, die Schärfe, die in der Mitte des Bildes recht stark ist und insbesondere bei einer Blende größer als f/4 zu den Rändern hin ebenso stark abnimmt, wie die Vignettierung am äußersten Rand des Frames. Das Frontelement ist einfach vergütet. Diese Vergütung bewirkt bei Farbbildern einen gewissen Farbstich. Weiß Flächen auf Abzügen erscheinen beispielsweise etwas grünlich, was sich aber sowohl am Rechner sowie auch in der Dunkelkammer leicht korrigieren lässt.

Das Jupiter-12 liefert alles in allem keine technisch perfekten Bilder, aber stattdessen eignet sich hervorragend dazu, Stimmungen einzufangen und Gefühle authentisch wiederzugeben. Das Jupiter-12 liefert einen Oldschool-Look, den man einfach liebt, oder eben nicht.

Man kann aber nicht über das Jupiter-12 berichten, ohne nicht auch ein paar technische Besonderheiten anzusprechen: Was einem zuerst ins Auge fällt, wenn man die Bauart des Objektivs ansieht, ist die hinterste Linse, die untypischerweise freiliegt und weit in die Kamera hinein ragt. Diese Bauart ermöglicht, dass das Objektiv so kompakt ist. Da es sich aber um ein sogenanntes retrofokales Objektiv handelt, kann es zu Kompatibilitätsproblemen kommen. Am kompaktesten ist das Jupiter-12 bei Fokus auf die Naheinstellgrenze von 1 m. Fokussiert man aber auf etwas mit einem etwas großerem Abstand, bewegt sich das hintere Element immer näher zur Filmebene hin (bzw. den Sensor, falls man es adaptiert) und kann so mit der Bautiefe der Kamera in Konflikt geraten. Bei Zorkis und FEDs besteht kein Problem (bei den Schraubleicas vermutlich auch nicht), aber bei der Bessa R & L stößt man bei etwa 5 m im inneren der Kamera an, ohne jedoch den Verschluss, oder den Belichtungsmesser zu beschädigen. Daher sollte man das Jupiter-12 an der Kamera am besten hyperfokal verwenden. Bei einer Blende von f/5.6 ist nämlich alles zwischen etwa 1,2 m und unendlich im Fokus. Nur im absoluten Nahbereich sollte man das Objektiv mit einer weiterer Blende benutzen. Andere Besonderheiten findet man beim Blendenring. Wie bei vielen Objektiven für Messsucherkameras üblich findet man diesen auch beim Jupiter-12 an der Frontseite des Objektivs und wie bei vielen anderen auch rastet die Blende hier nicht ein, sondern ist ohne Zwischenstufen verstellbar. Die Besonderheit hier ist aber, dass sich das 40.5-mm-Filtergewinde des Objektivs an diesem Blendenring befindet. Nutzt man also die zuvor empfohlene Streulichtblende, kann man also durch Drehen an dieser auf- und abblenden - superpraktisch, wenn man eine Kamera mit Belichtungsanzeige im Sucher nutzt. Außerdem erlaubt einem diese Konstruktion, Filter zu nutzen, ohne dass der Zugang zum Blendenring durch diese versperrt wird.

Angeschafft als günstigen Vertreter seiner Brennweite, hat sich das Jupiter-12 einen Platz in meinem Herzen und in meiner Kameratasche erkämpft und ist nun zu einem ständigen Begleiter geworden, ohne dass ich das Bedürfnis hätte, es jemals durch ein anderes zu ersetzen. Aber wer weiß, vielleicht kommt da ja irgendwann noch mal was von Lomography mit dieser Brennweite. ;)

geschrieben von dopa am 2018-06-13 in #gear

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