Sprünge und Grenzen - Ein Interview mit Nicola Odemann

2017-10-18 1

In der heutigen Welt ist es leicht, ein Fan zu sein - man klickt einfach auf den Follow-Button, hinterlässt einen Kommentar oder ein Emoji, und schon gehört man zu dieser anonymen Masse an Bewunderern. Sich von den Werken und Worten eines anderen inspirieren zu lassen, ist allerdings etwas vollkommen anderes. Doch genau dies ist, was wir empfanden, als wir hörten, was Fotografin, Abenteurerin und die allgemein sehr leidenschaftliche Person Nicola Odemann zu sagen hatte.

In diesem kurzen, aber bedeutenden Gespräch mit ihr fanden wir ein völlig neues Verständnis für ihre Werke. Wir hoffen, es geht dir genauso, denn manchmal geht es bei Fotos um mehr als Likes und Schulterklopfen.

© Nicola Odemann

Hallo, Nicola! Willkommen im Lomography Online Magazine. Bitte stell dich kurz vor.

Ich komme aus einer kleinen Stadt im Süden Deutschlands, am Fuß der Alpen. Da ich in so direkten Nähe zu den Bergen aufzuwachsen bin, war es immer Teil meines Lebens, viel draußen zu sein und das zieht sich wie ein roter Faden durch meine gesamten Werke. Ich habe grade erst meinen Universitätsabschluss gemacht und arbeite nun für ein halbes Jahr als Lehrerin an einer Förderschule, bevor ich für ein paar Monate zum Wandern und Fotografieren nach Nepal und Zentralasien reisen werde.

Wie begann damals deine Fotokarriere?

Da ich immer schon viel Zeit damit verbrachte, zu wandern und fremde Orte zu bereisen, empfand ich immer mehr das Gefühl, all die Erinnerungen und Momente, die ich erlebte, auf Film festzuhalten.

Wie würdest du Fotografie definieren?

Es ist, als hätte man eine Zeitmaschine, die bestimmte Momente im Leben von jemandem einfrieren kann und sie durch die Fähigkeit der Fotografie, bestimmte Emotionen zu erzeugen, unendlich werden lässt. So ist es möglich bestimmte Momente wieder und wieder erleben zu können.

© Nicola Odemann

Was gefällt dir daran am besten?

Die Fähigkeit Gefühle einzufangen und die Möglichkeit sie, auch Jahre nachdem man das Foto gemacht hat, noch einmal durchleben zu können.

Was macht deiner Meinung nach ein gutes Foto aus?

Für mich geht es ausschließlich ums Gefühl. Ich muss etwas empfinden, wenn ich mir ein Bild ansehe, völlig egal, was es darstellt. Ein Bild kann unglaubliche Landschaften oder abenteuerliche Szenen zeigen, doch wenn es keine Gefühle aufkommen lässt, und sich nur wie eine leere Hülle anfühlt, werde ich es sicher schon bald vergessen. Meiner Meinung nach fängt ein gutes Bild eine bestimmte Emotion des Fotografen ein, indem es eine ähnliche, oder auch ganz andere Emotion beim Betrachter hervorruft.

© Nicola Odemann

Was sind deine Lieblingsmotive?

Menschen und Natur.

Was beeinflusst und inspiriert dich zu deinen Bildern bzw. deinem Stil?

Die Erde selbst, meine Stimmung im Moment des Auslösens, Musik, Bücher und die Bezüge dazu, die ich in der Natur finde.

Welche Künstler haben den größten Effekt auf deinen Stil und deine Fotografie?

Definitiv Jocelyn Catterson und Jeff Luker. Ich verfolge ihre Arbeit schon seit Jahren und die Art und Weise wie sie Menschen in der Natur fotografieren, führten mich von den typischen Landschaftsaufnahmen weg und zeigte mir die Bedeutung von Emotionen in Fotos, anstatt sich nur auf das Motiv zu konzentrieren.

Wenn du mit einem beliebigen Künstler / Fotografen / Maler zusammenarbeiten könntest, wer wäre das?

Meine Traum-Kollobartion wäre wohl in Island ein Album-Cover und Inlay für Sigur Rós zu fotografieren, aber das wird wohl ein Traum bleiben...

© Nicola Odemann

Wie bleibst du kreativ?

Solange es noch Berge zum wandern, Seen zum schwimmen und Orte zum bereisen gibt, ist es einfach kreativ zu bleiben. Für mich gehen Kreativität und das Schaffen von Erinnerungen Hand in Hand und ich habe nie genug davon, draußen zu sein. Die Gefahr meine Kreativität zu verlieren ist einfach nicht gegeben.

Wie entwickelst du Konzepte für deine Fotografie?

Ich habe nicht wirkliche Konzepte im Sinn, wenn ich Fotos mache. Es passiert einfach und meine Fotos sind Repräsentationen dessen, was ich in bestimmten Momenten gesehen habe. Natürlich schaue ich mir manchmal Fotos von Orten an, bevor ich dorthin reise, aber es ist unmöglich zu planen, welche Fotos ich dann tatsächlich vor Ort mache. Schließlich können Wolken oder Licht einen Ort komplett anders aussehen lassen.
Ich finde auch, das ist das Schöne daran. Meine Fotos sind abhängig von Wolken, Sonne und von den Gefühlen von mir und der Leute, die ich fotografiere. Deshalb bieten die Bilder, die ich hinterher in Händen halte immer auch ein Stück Überraschung.

© Nicola Odemann

Deine Reisefotos haben uns in sehr beeindruckt. Was ist es, das dir an der Landschafts- und Reisefotografie so sehr gefällt?

Ich selbst staune über die Schönheit dieses Planeten, die schönen Berge, Ozeane und Seen, aus denen er besteht. Wie verrückt es doch ist, in einer so vielfältigen Welt, die von der enormen Weite des Weltalls umgeben ist, zu leben. Ich finde, es gibt noch so viel zu sehen und zu entdecken und ich will alles davon sehen und fühlen und all meine Begegnungen auf Film festzuhalten, verlängert die Haltbarkeit meiner Erinnerungen und macht sie Anderen zugänglich. In der Lage zu sein, die Schönheit solcher Orte mit anderen zu teilen und anders herum auch die Abenteuer Anderer teilen zu können, bringt einen der Welt näher und erzeugt im besten Fall eine Art Dankbarkeit, Liebe und Toleranz gegenüber der Welt und den Leuten auf ihr.

Was möchtest du mit deinen Arbeiten ausdrücken?

Die Einfachheit der Freude, die man erleben kann, wenn man Zeit in der Natur verbringt. Ich möchte, dass sich Leute, die sich meine Bilder ansehen, dazu inspiriert fühlen, raus zu gehen, ausgetretene Pfade zu verlassen und die Schönheit unseres Planeten zu erkunden, aber ich möchte auch ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Natur und allem, was sie uns bietet, erzeugen.

Was war bisher dein bester Trip? Hast du bereits Pläne für zukünftige Abenteuer?

Mein bester Trip war 2013, als ich in Nepal die Annapurna-Umrundung gemacht habe. Das war die Reise, die körperlich die größte Herausforderung darstellte, sich aber auch am meisten lohnte. Als wir damals dort waren, gab es keine Straßen, die die entlegenden Bergdörfer in der Nähe von Manang miteinander verbunden hat. Und auch wenn ich weiß, dass Straßen das Leben jener, die dort leben, um einiges leichter machen (als wir dort waren lernten wir ein nepalesisches Paar kennen, dessen Sohn sich die Hüfte ausgerenkt hatte und drei Tage laufen musste, um zu einem Arzt zu kommen), hatte es doch etwas Magisches. Mehrere Wochen fernab der Zivilisation durch den Himalaya zu wandern war unglaublich. Ich fand dort einen Teil von mir selbst, von dem ich gar nicht wusste, dass er in mir war, und ich ließ ihn dort, als ich wieder heimfuhr. Im März plane ich, wieder für ein paar Monate nach Nepal zu reisen, um wieder Kontakt mit diesem Teil von mir aufzunehmen und dieses wunderschöne Land weiter zu erkunden.

© Nicola Odemann

Wie würdest du das Gefühl beschreiben, das du hast, wenn du den Auslöser drückst, nachdem du stundenlang gewandert/gereist bist?

Manchmal ist es Freude, wegen der schieren Schönheit der Landschaft, die vor mir liegt. Manchmal ist es aber auch ein Trost für die rauen Bedingungen, die das Wandern oft erschweren. Dann wiederum ist es die pure Dankbarkeit, dass ich die Möglichkeit habe, all diese tollen Orte, die ich fotografiere, zu besuchen. Es ist also ein Mix aus Freude, Trost und Dankbarkeit, der mich dazu inspiriert Fotos zu machen, wo auch immer ich hingehe.

Was darf für dich auf einer Reise nicht fehlen?

Ich fotografiere immer mit einer Nikon F65, die ich genauso immer bei mir habe, wie einen Haufen Fuji Superia 400 und Kodak 200 Filme.

Was ist das Reiseziel deiner Träume?

Definitiv die Antarktis. Ich würde alles tun, um eines Tages dort hin zu reisen!

Wie entspannst du dich, wenn du nicht auf Reisen bist?

Ich habe das große Glück in den Bergen zu leben. Um mich zu entspannen, muss ich einfach nur etwas durch die Berge wandern, oder in einem der Seen hier schwimmen.

© Nicola Odemann

Welche anderen Gebiete der Fotografie würdest du gerne ergründen?

Ich habe über die Jahre viele Fotojournalisten kennengelernt und würde mich diesem Bereich gerne mal genauer widmen. Ich bezweifle, dass ich hartnäckig genug wäre, um ein Profi werden zu können, aber ich würde es zumindest gerne einmal versuchen und nächstes Jahr auf meinen Reisen Fotos für ein paar Projekte machen.

Was ist deiner Meinung nach heutzutage die größte Herausforderung für junge Fotografen?

Ich glaube die größte Herausforderung liegt in der enormen Menge an Fotos, die einem tagtäglich gezeigt werden. Ich glaube wir leben in einer sehr visuellen Welt, in der sich die Leute eher mit Bildern ausdrücken, als mit Worten und ich fürchte manchmal, die Leute halten Fotos für selbstverständlich. Wegen Apps wie Instagram fürchte ich, nehmen sich die Leute kaum noch Zeit, sich Bilder wirklich anzusehen und es sacken zu lassen, statt es einfach aufzusaugen und sich das Nächste anzusehen, ohne sich darin verlieren zu können. Ich behaupte nicht, da anders zu sein, ich fürchte nur, das ist die Konsequenz der Masse an Bildern, die uns täglich präsentiert wird. Einerseits bieten uns solche Apps eine Plattform, um unsere Werke auszustellen, andererseits werden Werke auf Motive und Follower reduziert, statt sich auf das zu konzentrieren, was man wirklich ausdrücken will.

© Nicola Odemann

Wie lautet dein Rat an aufstrebende Kreative und ambitionierte Fotografen?

Versucht einen Stil zu finden, der euch glücklich macht und nicht eure Follower, denn wenn ihr wollt, dass eure Bilder eine Bedeutung haben, müssen sie erst einmal eine Bedeutung für euch haben.

Wie würdest du deinen Stil in fünf Worten beschreiben?

Nachhaltigkeit, Nostalgie, Freude, Natur, Erinnerungen.

© Nicola Odemann

Wenn du die Fotografie durch eine andere Sache ersetzen könnten, was wäre das?

Malerei

Wie sieht für Nicola Odmann ein perfekter Tag aus?

Er würde beinhalten, in den Bergen Sonnenauf- und Untergang zu sehen, stundenlang mit Familie und Freunden zu wandern, vielleicht würde man in einem Gebirgssee schwimmen und hinterher säßen wir zusammen und würden in den Nachthimmel starren.

Welcher Song, Film oder Buch inspirieren dich am meisten zu deiner Arbeit?

Song: Eddie Vedder – Guaranteed
Film: Der Herr der Ringe
Buch: Henry David Thoreau – Walden

© Nicola Odemann

Gibt es einen Fotografen oder Künstler, den vergötterst?

Renan Ozturk

Was wärst du, wenn du keine Fotografin wärst?

Ich kann mir nicht vorstellen, was ich wäre, wenn ich keine Fotografin wäre, denn ich glaube, man kann viele Dinge gleichzeitig sein. Eine Fotografin zu sein, ist ein Teil dessen, wer ich bin, aber bei weitem nicht das einzige. Ich bin außerdem auch Lehrerin, Suchende, Schwester, Träumerin, Reisende, Autorin, Wanderin, Freundin und so weiter. Ich mag den Gedanken nicht, dass nur eine Sache, die man tut bestimmt, wer man ist. Stattdessen glaube ich, dass Menschen aus vielen Teilen bestehen und die Schwierigkeit darin besteht, die Teile in Balance zu halten. Wenn ich aufhören würde, Fotos zu machen, wäre ich immer noch ich, aber eben weniger.


Wenn du dich für Nicola's Arbeiten interessierst, besuche sie doch einmal auf ihrer Website und auf Instagram.

geschrieben von Marc Ocampo am 2017-10-18 in #people #places
übersetzt von dopa

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Ein Kommentar

  1. josa
    josa ·

    Ausdruckstarke Aufnahmen und natürlich auch Worte und Gedanken dazu.
    Ich finde auch, dass in der heutigen schnelllebigen oder aber auch schnellbildigen ? Zeit es von Vorteil ist einen eigenen Stil und eigene Bildsprache zu entwickeln und auch zu behalten.

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