Geburt, Niedergang und Auferstehung des AGFA CT Precisa

2017-10-14

Das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man an Lomography denkt, ist sicher die kleine Kamera namens LC-A und die unglaublichen Bilder, die sie macht. Die Bilder voller lebendiger, schräger Farben und dunklen Vignetten begeisterten die Leute und führten schließlich zu einem fotografischen Kult, einer Kunstbewegung der '90er, die bald zu einer internationalen Gemeinschaft werden sollte.

Das Aufkommen der Lomografischen Gesellschaft machte auch die Technik, Filme absichtlich in den falschen Chemikalien zu entwickeln, allgemein als Cross-Entwicklung bekannt. Einer der legendärsten Filme für diesen Cross-Prozess war AGFAs CT Precisa. Dieser Farbdiasfilm mit 100 ISO produzierte die wundervollste Farbpalette, wenn er cross-entwickelt wurde. Seine Fähigkeiten, Hauttöne farbgetreu darzustellen, während er alle anderen Farben deutlich übersättigte, war etwas, das sonst kein anderer Diafilm bei X-Pro-Entwicklung bieten konnte. Dieser Film sang ein Loblied auf Rot und Blau. Grün und Gelb sind so lebendig, wie in einem Malbuch. Filme wie dieser brachten die LC-A und die Lomografische Gesellschaft auf die weltweite Bühne und haben so unumstritten dazu beigetragen, dass die Filmfotografie heute noch lebendig ist.

AGFA CT Precisa

Die Geschichte der LC-A und die der Lomografischen Gesellschaft wurde in vielen Büchern und Magazinen festgehalten. Was nicht ganz so klar ist, ist die Geschichte von AGFAs modernem Diafilm. Die Story hinter der Entwicklung der berühmten Emulsion ist wahrscheinlich für immer als Betriebsgeheimnis unter Verschluss, doch man kann einen farbenfrohen Zeitstrang davon malen, wie sich dieser Film entwickelt hat und was aus ihm geworden ist.

Von: mtsteve

Die Spuren von AGFAs Diafilmen reichen zurück in das Jahr 1936, dem Jahr, in dem der Agfacolor Neu vorgestellt wurde. Springen wir aber in die 1970er, in denen der CT18, einem Farbdiafilm mit einer Geschwindigkeit von DIN 18 (ISO 50/18°) der populärste Film von Agfa-Gevaert war. Der Film wurde im AP41-Prozess entwickelt, einem firmeneigenen Prozess von AGFA, der sehr giftige Chemikalien nutzte und keine idealen Ergebnisse lieferte. Mitte der 1980er stellte AGFA die Produktion der AP41-Chemikalien zu Gunsten des neueren AP44-Prozesses ein. Dieser Prozess war um einiges sicherer und ermöglichte, AGFAs Diafilme auch in Kodaks E-6- und Fujis CR-56-Prozessen zu entwickeln. E-6 ist die Methode, mit der heute alle Diafilme entwickelt werden. Die Einführung des neuen Entwicklers bedeutete auch die Einführung eines neuen Films. 1984 brachte AGFA einen neuen Film namens Agfachrome CT100, den Großvater des heißgeliebten CT Precisa, auf den Markt.

Die Fotos in diesem Artikel habe ich 2017 in Danzig (Polen) mit einer originalen LOMO LC-A gemacht und vom LOMOLab in C-41 cross-entwickelt lassen. Aufgrund unbekannter Lagerbedingungen und dem Alter der Filme können die Ergebnisse, inbesondere die des CT100 und des CT100i, von denen abweichen, die man erhalten hätte, wenn man sie vor Ablaufdatum entwickelt hätte.

Agfachrome CT 100, cross-entwickelt, abgelaufen 05/1988, Emulsion #518, Lomo LC-A, Danzig, Polen 2017

Die 1990er Jahre brachten der fotografische Welt einen neuen Herausforderer: Die Digitalkamera. Die Aufmerksamkeit der Verbraucher konzentrierte sich immer mehr auf den neuen digitalen Trend, Filmhersteller hingegen bemühten sich immer mehr die Aufmerksamkeit zurück auf ihre Produkte zu lenken. Auf der Photokina 1992 stellte AGFA unter der Marke "High Definition Color" neue Filme vor. Der neue HDC-Diafilm war eine verbesserte Version der vorhandenen Emulsion. Der CT100 wurde als Agfachrome CT100i gerelauncht.

Agfachrome CT100i, cross-entwickelt, abgelaufen 09/1994, Emulsion #237, Lomo LC-A, Danzig, Polen 2017

Damals war auch Kodak darum bemüht seinen Ektachrome Farbdiafilme zu optimieren. Bei der Photo Making Association 1995 stellte AGFA den Nachfolger des CT100i vor. Dieser CTx sollte eine verbesserte Farbintensität, Farbtreue und Kantenauflösungsvermögen, sowie eine verbesserte Pushbarkeit bieten. Der CTx ist der direkte Vorgänger des legendären CT Precisa. In den frühen Produktionen bestand das Logo aus dunklem und hellem Blau, sowie einem gelben X. In der späteren Produktion war das gesamte Logo komplett in Blau. Doch abgesehen von der unterschiedlichen Verpackung, war der Film immer der selbe. Dieser Film ist heute zwar selten, kann aber noch gefunden werden und liefert noch immer die wundervollen AGFA-Farben, wenn er korrekt gelagert wurde.

Agfachrome CTx, cross-entwickelt, abgelaufen 09/99, Emulsion #447, Lomo LC-A, Danzig Polen 2017

Am 23. Januar 1998 hat sich AGFA-Gevaert ‘CT Precisa’ makenrechtlich schützen lassen.

Dank des Internetarchivs ‘Wayback Machine’ ist es möglich die Webseite von AGFAs Foto-Spate zu sehen, bevor die Firma bankrott ging und aufgeteilt wurde. Im Archiv vom 9. November 2001 heißt es, der Precisa sei "Präzision in maximaler Perfektion", der CT Precisa sei "exakter, natürlicher, differenzierter und noch stabiler", der Film habe zudem kräftigere Farben und sanfte Töne. Ob von AGFA geplant oder auch nicht, wurde der CT Precisa mit seiner originalen Emulsion zum begehrtesten Diafilm zum cross-entwickeln in der Geschichte von Lomografie. Schwarz wurde tiefschwarz. Trübes Rot wird so kräftig wie frisch gestrichen. Letztendlich gewann der Film aber die Herzen der Leute mit seinen kräftigen Blautönen. An einem sonnigen Tag wurde das Blau dank der Linse der LC-A in allen möglichen Tönen dargestellt, angefangen von Babyblau am hellsten Punkt bis zum dunklen Blau in den Ecken. Der Look des cross-entwickelten AGFA CT Precisa wurde sofort zu einem Klassiker. Wegen des Alters des CT Precisa sei angemerkt, dass bei späteren Chargen das "Precisa" in Weiß geschrieben wurde, während dies bei frühere Verpackung gelb ist.

Agfa CT Precisa, cross-entwickelt, abgelaufen 07/2007, Emulsion #837, Lomo LC-A, Danzig, Polen 2017

2004 wurde die Foto-Spate von Agfa-Gevaert abgespalten und firmierte als unabhängige Firma unter dem Namen AgfaPhoto GmbH. Die hellen Farben und die intensive Sättigung blieben erst einmal erhalten, doch der wachsende digitale Trend brachte der analogen Welt schon bald dunkle Zeiten. Die AgfaPhoto GmbH produzierte den CT Precisa nur ein Jahr lang, bevor sie am 25. Mai Konkurs anmeldete.

Auch 2005 wurde Lupus Imaging & Media gegründet, eine "Großhandelsgesellschaft für fotografische Produkte", die schon bald eine bedeutende Rolle für das Überleben des CT Precisa spielen sollte. AgfaPhoto wurde als AgfaPhoto Holding GmbH wiederbelebt und Lupus Imaging sicherte sich die Rechte an der Produktion und dem Vertrieb der AGFA-Filme. Ohne die Absicht, die Filme selbst herzustellen, wand sich Lupus an den italienischen Filmhersteller Ferrania, um die Produktion der AgfaPhoto-Filme aufzunehmen.

Die ersten Packungen des CT Presica der AgfaPhoto Holding zeigten noch das Dia mit dem gelben Boot. Die Patrone selbst sagte noch immer, der Film sei in der EU hergestellt worden, hatte aber noch keinen Hinweis darauf, dass der Film nicht Agfa-Gevaert hergestellt wurde. Diesen Hinweis fand man nur auf der Schachtel. Die Patrone selbst zeigte aber ein kleines 'Arti Grafiche Moretti'-Logo und die Webadresse auf der Schachtel lieferten einen Hinweis auf die italienische Herkunft.

2009 gab Lupus Imaging & Media in einer Pressemitteiung bekannt, dass Ferrania USA den Vertrieb des AgfaPhoto CT Precisa in den USA übernehmen würde.. Gerüchten zufolge hat Ferrania die ersten Chargen noch mit Chemikalien hergestellt, die man von AGFA gekauft hatte. Deswegen haben auch diese ersten Filme die heißgeliebte Farbpalette.

AgfaPhoto CT Precisa, cross-entwickelt, abgelaufen 09/2010, Emulsion #SA1217, Made in EU, Lomo LC-A, Danzig, Polen 2017

Es gibt zwei “Made in EU”-Versionen des neuen CT Precisa der AgfaPhoto Holding. Den ersten Unterschied bemerkt man bei der Beschriftung der neuen Filmpatronen. Die frühe italienische Version lässt den Hinweis, dass der Film nicht von Agfa-Gavaert hergestellt wurde noch weg. Die spätere "Made in EU"-Version hat einen Disclaimer auf der Patrone.

Spätere EU-Version des AgfaPhoto CT Precisa, cross-entwickelt, Emulsion #DD5221, Lomo LC-A, Danzig, Polen 2017

2010 stellte Ferrania Technologies die Produktion ein. Nicht lange danach tauchte der CT Precisa mit neuer Packung und veränderter Emulsion wieder auf. Diesmal zeigte die Packung nicht mehr das Boot, sondern die Bunten Hütten, die auch heute noch auf den AGFA-Filmen zusehen sind. Dieses mal war der Film "Made in Japan", was der erste Hinweis darauf war, dass er von Fujifilm produziert wurde. Ein Beitrag im Blog von Kevinthephotographer, erwähnte, dass die DX-Codierung auf Fujifilm hinweise, den Fujichrome Provia 100F Professional, um genau zu sein. Der Artikel verlinkte außerdem den britischen Händler Firstcall, der den CT Precisa wie folgt beschreibt: "Keiner kennt sich mit Filmen besser aus als Firstcall und wir konnten es kaum erwarten, den neuen Agfa Precisa CT100 auszuprobieren, auch wenn es nicht der alte AGFA ist. Tatsächlich wird er nicht einmal von Agfa hergestellt, stattdessen steckt ein Fuji Provia F in der Schachtel."

Die aktuelle Version wird auf der Webseite von AgfaPhoto unter der Bezeichnung ‘AgfaPhoto CT Precisa CU 135’ geführt. Der CT Precisa ist also als japanischer Zombie reinkarniert. Das Loblied, das der CT Precisa früher auf die Farben Rot und Blau sang, ist nun verstummt. Stattdessen schreit er nun mit einer überwältigenden Auswahl an mutierten Grüntönen.

Frühe "Made in Japan"-Produktion, AgfaPhoto CT Precisa, abgelaufen 12/2011, Emulsion #052-303, Lomo LC-A, Danzig, Polen 2017

Trotzdem haben Lomografen den Precisa weiter verschossen und wie es scheint, nähert sich der Film in seiner neusten Produktion wieder dem an, was er einmal war. Mittlerweile ist nicht mehr ganz so giftgrün und andere Farben werden wieder lebendiger. Im Tageslicht strahlt der Himmel wieder blau, aber Kunstlicht produziert weiterhin verschiedene Grüntöne, aber anders als zuvor. Alle, die das magische Blau des alten Precisa vermissen, sollten eine Rolle dieser neuen Charge ausprobieren. Aber denk daran: Wenn man Diafilm cross-entwickelt werden die Farben umso lebendiger, je heller das Licht war.

Aktuelle "Made in Japan"-Produktion, AgfaPhoto CT Precisa, haltbar bis 10/2018, Emulsion #064405 Lomo LC-A, Danzig, Polen 2017

Egal, welchen Diafilm du bevorzugst, die einzige Methode, die Filmfotografie am Leben zu erhalten, ist es, auch weiterhin Filme zu kaufen, zu verknipsen und sie zu entwickeln. Lang lebe der analoge Prozess!

geschrieben von Max Stevens am 2017-10-14 in
übersetzt von dopa

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