Let me introduce you: Sharyn Bachleda

2017-08-23

"Let me introduce you" ist ein Format, in dem wir euch jede Woche einen neuen Lomographen aus unserer Community vorstellen. Diese Woche haben wir uns mit der Amerikanerin Sharyn Bachleda vom LomoHome @sharynbachleda unterhalten.

Sharyn Bachleda ist eine Multi-Media-Künstlerin aus Nashville, Tennessee. Sie nutzt Filmfotografie, um sich mit ihrer Kultur und Umgebung zu verbinden und versucht so, sich selbst und die Welt besser zu verstehen. Wenn sie nicht gerade Fotos schießt, entwickelt, scannt oder teilt, malt sie, macht Smoothies, unternimmt Abenteuer oder unterrichtet eine Kunsttherapie-Klasse.

Erfahre im folgenden Interview mehr über ihre Beziehung zur Fotografie und sieh dir an, wie sie ihr Tourette-Syndrom in einer Serie von Selbstportraits in Bilder übersetzt:

Von: sharynbachleda

Wir haben bemerkt, dass du eine Vorliebe für Portraits hast und besonders gerne Frauen fotografierst. Was zieht dich zu genau diesem Motiv?

Versteh mich nicht falsch, ich kann in jedem Gesicht etwas Wunderschönes und Interessantes finden - aber Frauen sind einfach atemberaubende und unwiderstehliche Geschöpfe! Als ich aufgewachsen bin, waren die meisten meiner engen Freunde Jungen. Es war irgendwie immer schwer für mich, Freundschaften mit Frauen zu führen. Das hat sich aber schlagartig geändert, als ich begann, mich mit der Portraitfotografie zu beschäftigen. Ich hatte schon Jahre zuvor mit dem Fotografieren angefangen, aber Portraits wurden für mich erst nach dem Schulabschluss interessant. Das war ein spannender Übergang, weil ich in der Schule so daran gewöhnt war, von einer kreativen Community umgeben zu sein und diese für selbstverständlich hingenommen hatte. Nach dem Abschluss fiel es mir dann schwer, diese Verbindungen aufrechtzuerhalten.

In einem Versuch diese Beziehungen zu retten und mich gleichzeitig kreativ weiterzuentwickeln, habe ich meine ersten Portraits gemacht...und aus Zufall waren diese hauptsächlich von Frauen. Zu einem großen Teil hat das wahrscheinlich aber auch damit zu tun, dass ich mich mit Frauen vor der Kamera einfach wohler fühle, als mit Männern. Anscheinend liegt es mir auch ganz gut, diesen Frauen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, sodass sie sich frei fühlen, ihre Identität, Sexualität und ihre Geschichte für mich auszudrücken.

Von: sharynbachleda

In deinem LomoHome findet man alles von ernsten Schwarz-Weis-Aufnahmen bis zu grellen und verspielten Farbfotografien. Wie entscheidest du, in welchem Farbton du ein bestimmtes Motiv in Szene setzt?

Wenn ich es mir leisten kann, versuche ich, einen großen Vorrat an verschiedenen Filmen bereitzuhaben. Bei der Filmwahl ist alles von der Situation abhängig: ich entscheide mich dabei viel nach Licht, Location und der Stimmung, die ich vermitteln will. Manchmal habe ich ein enormes Bedürfnis nach stark pigmentierter, satter Farbe. Wenn das der Fall ist, verwende ich einen strahlend bunten Film, wie zum Beispiel den Ektar 100 oder den Lomochrome 100. Andere Momente verlangen dann plötzlich nach Schwarz-Weiß. Wenn ich Details eines Bildes hervorheben möchte, greife ich da beispielsweise zum Kentmere 100, ein wirklich toller feinkörniger Schwarz-Weiß-Film mit mittleren Kontrasten, oder zum Ilford HP5 400, ein sehr vielseitiger Schwarz-Weiß-Film, den ich seit meiner Kindheit verwende.

Ich glaube, dass Schwarz-Weiß-Fotografien über eine gewisse Kraft verfügen, die sie Farbbildern immer voraus haben werden. Sie vermitteln eine einzigartige mysteriöse Stimmung, die durch Farbe nie erreicht werden kann. Aaaaaber ich bin gleichermaßen von Farbe besessen. Ich liebe es, bildliche Verbindungen zwischen Objekten herzustellen und so den Blick des Betrachters zu lenken.

Von: sharynbachleda

Wenn ich ein Shooting mache, habe ich normalerweise ca. vier verschiedene Filme dabei, zwischen denen ich dann spontan entscheide. Ich gehe dabei sehr nach meiner Intuition und stelle mir oft selbst die Frage: "Was für eine Art von Geschichte möchte ich hiermit erzählen?". Wenn ich ganz ehrlich bin, schnappe ich mir aber auch manchmal einfach die nächstgelegene Rolle und schaue, was passiert!

Viele deiner Bilder erzählen interessante Geschichten: Planst du diese im Vorhinein oder formen sich deine Ideen erst während des Shootings selbst?

Ich habe eine für Künstler sehr typische Eigenschaft: ich bin furchtbar schlecht im Planen! Ich betrachte mich selbst mehr als visuelle Geschichtenerzählerin als als "Fotografin". Ich denke immer an die Vergangenheit von Dingen, Orten und Menschen und versuche diese miteinander zu verknüpfen und einzufangen. Ich finde es faszinierend, dass ein einziges Bild überhaupt schon den Bruchteil einer Geschichte erzählen kann. Und der Gedanke daran, dass ich als menschliches Wesen meine Geschichten durch die Fotografie ganz einfach mit der Welt teilen kann, bereitet mir große Freude.

Von: sharynbachleda

Wenn ich mit meiner Kamera draußen in der Welt unterwegs bin, inspiriert mich das viel mehr, als wenn ich mir zu Hause auf der Couch Gedanken über mein nächstes Projekt mache. Der Reiz der Fotografie ist für mich, dass sie mich zwingt, mit meiner Umgebung zu interagieren. Manchmal habe ich eine Vision im Kopf, die ich dann auch umsetzen möchte. In den meisten Fällen geht es mir aber mehr darum, intuitiv zu handeln und mich vom Licht leiten zu lassen. Für mich steht vor allem der Spaß im Vordergrund. Außerdem liebe ich es, meine Fotos mit all jenen zu teilen, die sich dafür interessieren! Ich glaube, dass alle Künstler oft Dinge ohne bestimmten Grund tun, einfach einem Gefühl nachgehen und im Prozess selbst auf das Ergebnis stoßen. Manchmal habe ich keine Ahnung, was ich eigentlich vorhabe!

Und dann gibt es Momente, wo es einfach "Klick" macht (im wahrsten Sinne des Wortes). Da realisiere ich, dass ich mich exakt am richtigen Ort befinde. Die meisten meiner Fotos gehen tiefer als Zeit und Raum und haben fast etwas Philosophisches. Ich möchte nicht einfach nur eine Geschichte erzählen, sondern auch grundlegende Fragen aufwerfen. Es gibt noch so viel zu entdecken, zu verstehen und zu fotografieren - ich bin hier, um genau das zu tun!

Sharyn macht neben der Fotografie auch andere Kunst

Wir haben dich ja eingehend im Internet gestalkt! Zuerst natürlich dein LomoHome, aber dann auch deine Website. Wir waren sehr beeindruckt von den Dingen, die wir dort gefunden haben! Kannst du uns etwas über deinen Hintergrund in der Kunst erzählen?

Kunst war auch schon ein großer Teil meines Lebens, bevor ich je eine Kamera berührt hatte. Wenn man meiner Mutter glauben kann, habe ich mit zwei Jahren schon gemalt und gezeichnet - am liebsten Hühner! Als ich vier war hat sie über mein Alter gelogen (sie gab an, dass ich schon sechs sei), damit ich in Kursen im örtlichen Kunst-Museum teilnehmen konnte. Zwei Jahre später - also als ich dann wirklich sechs war - belegte ich bereits Kurse auf Gymnasialniveau. Glücklicherweise war ich immer schon groß und schüchtern. Das machte es mir leicht, über mein Alter zu lügen. Ich erinnere mich nicht daran, jemals Freunde in solchen Kursen gefunden zu haben. Ich bin dort immer nur hingekommen, habe gezeichnet und bin wieder nach Hause gegangen. Seit ich mich erinnern kann, werde ich von anderen Menschen mit dem Titel "Künstlerin" bezeichnet, aber alles was ich jemals dazu sagen kann, ist, dass ich einfach schon immer einen Drang zum Schaffen verspüre. Als ich noch sehr klein war, fertigte ich sogar meine eigenen Puppen aus Perlen, Draht und Ton sowie Häuser aus Karton, in denen sie dann wohnen konnten.

Einblicke in Sharyns Skizzenbuch

Als ich 14 Jahre alt war, bekam ich meine allererste Kamera zu Weihnachten - ich wollte damit "Myspace-Bilder machen". Ich wusste natürlich noch nicht, wie sehr ich mich in die Fotografie verlieben würde! Seitdem habe ich immer eine Kamera dabei. Ich absolvierte die Schule früher als Gleichaltrige und belegte nach dem Abschluss eine Vielzahl von Kursen in unserem Community College, weil ich sonst nicht wusste, was ich mit meinem Leben anstellen sollte. Das hat dann dazu geführt, dass ich am Watkins College of Art, Design & Film in Nashville, Tennessee anfing, wo ich mittlerweile meinen Bachelor in Fine Arts abgeschlossen habe. Dort konnte ich meine Kreativität in ganz verschiedenen Medien ausleben und ich bin sehr dankbar für alle Türen, die Watkins mir geöffnet hat. Meine Zeit dort hat mir vor allem gezeigt, wie wichtig Gemeinschaft in der Kunst ist!

Von: sharynbachleda

Alle deine Bilder sind großartig, aber wir haben uns ganz besonders in deine Selbstportrait-Serie "Tic" verliebt! Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Es stimmt, ich habe das Tourette-Syndrom. Diese Serie ist mein Versuch, der Welt die abstrakten Dinge, die in meinem Körper und Geist vorgehen, bildlich zu machen und so ein größeres Verständnis dafür zu erzeugen. Die Fotos habe ich mit Ilford HP5 400 35mm Schwarz-Weiß-Film gemacht. Sie sind Nachstellungen der, für Tourette-Syndrom typischen, Muskelzuckungen.

Als ich begann an der Serie zu arbeiten, nahm ich ein Notizbuch überall hin mit, sodass ich genau dokumentieren konnte, wann und wo meine Zuckungen auftraten. Ich habe äußere Einflüsse, meine eigene mentale und emotionale Verfassung, die Dauer, die Geräusche, dich ich von mir gab und alle anderen kleinen Details schriftlich festgehalten. Es war mir wichtig, genau zu verstehen, wie sich die Krankheit manifestiert, sodass ich sie möglicht wahrheitsgetreu nachstellen konnte - es wäre ja unmöglich vor der Kamera einfach auf Kommando loszuzucken.

Von: sharynbachleda

Bei Kälte bin ich besonders anfällig. Deshalb schnappte ich mir einen Ganzkörperspiegel, ging hinaus und betrachtete mich selbst beim Zucken. Im Anschluss ging ich wieder hinein und versuchte die Bewegungen vor der Kamera zu rekreieren. Ich kann mir nicht vorstellen, was dabei in den Köpfen meiner Nachbarn vorgegangen sein muss.

Wenn eine Zuckung beginnt, spüre ich Energie meine Wirbelsäule hochklettern. Dann kann ich mich dazu entscheiden, sie loszulassen - fast wie ein Niesen. Aber sobald ich das tue, kann ich nicht sagen, was als nächstes passieren wird. Dasselbe gilt beim Drücken des Auslösers einer Kamera, wenn es um Langzeitbelichtungen geht. Man hat möglicherweise eine Vorstellung davon, was geschehen wird, aber es ist eine sehr heikle Sache. Eine Bewegung in Kombination mit einer längeren Belichtungszeit, kann zu den unterschiedlichsten Resultaten führen. Aus diesem Grund habe ich genau diese Technik für "Tic" verwendet.

Von: sharynbachleda

Die Hälfte der Bilder sind verschwommene Aufnahmen meines Gesichts, die andere sind abstrakte Light Paintings, bei denen ich mich selbst mit kleinen Lichtern eindeckte und vor einem schwarzen Hintergrund meine Zuckungen nachahmte. Die erste Hälfte soll den Kampf in meinem Kopf repräsentieren während die zweite für die abstrakte Energie steht, die die Welt um mich herum erlebt. Für mich ist das Interessanteste an dieser Serie, dass man wahrscheinlich nicht auf den ersten Blick erkennt, dass es sich um Selbstportraits zum Thema Tourette-Syndrom handelt! Ich liebe es zu hören, wie Betrachter meine Bilder interpretieren, bevor ich ihnen meine wahre Intention enthülle.

Kannst du zum Abschluss noch deinen Favoriten unter deinen eigenen Arbeiten mit uns teilen?

Es fühlt sich komisch an ein Lieblingsbild auszuwählen. Ich habe Fotos, auf die ich stolz bin und die ich gerne betrachte, weil sie mich an eine bestimmte Emotion erinnern, die ich damals ausdrücken wollte...deshalb entscheide ich mich auch für ein Bild, mit dem ich mich derzeit gut identifizieren kann:

Von: sharynbachleda

Auf dem Foto ist meine gute Freundin Bethany zu sehen. In der Nachbarschaft, in der dieses Bild entstanden ist, sind wir gemeinsam aufgewachsen. Irgendwie schafft sie es, auf jedem Foto, das ich je von ihr gemacht habe, nach oben zu schauen. Sie ist jemand, der stets nach vorne sieht, gespannt auf die Zukunft ist und mich gleichzeitig daran erinnert, in der Gegenwart zu bleiben. Außerdem ist sie eine der weltoffensten Personen, die ich je kennenlernen durfte. Dieses Foto repräsentiert für mich, woher wir kommen und wohin wir gehen. Es ist eines der ersten Portraits, die ich mit meiner Mamiya 645 gemacht habe - meiner allerersten Mittelformatkamera.
Wenn ich es mir ansehe, denke ich daran, dass eine großartige Zukunft vor mir liegt!


Du willst noch mehr von Sharyn sehen? Dann besuche doch ihr LomoHome!

geschrieben von hannagerstacker am 2017-08-23 in #culture #people

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