Vom Suchen und Finden unserer Selbst – ein Gespräch mit Steffen Böttcher

2017-07-19

Steffen Böttcher blickt über den Tellerrand: durch die Linse seiner Sofortbildkamera hat er in Vietnam nach Antworten auf die Frage gesucht, wie wir uns selbst so sehr vergessen konnten. Die Ferne ist ihm nicht nur mit pittoresken Landschaften und einer überwältigenden Positivität begegnet; sie hat ihn auch gelehrt, worauf es in unserem Miteinander ankommt. Wir haben mit dem Hamburger Fotografen über seine Reise gesprochen und stellen seine Sofortbilder zur Serie "Fog" vor.

© Steffen Böttcher

Steffen, du bist ein vielseitiger Mensch und überhaupt auch erst auf Umwegen da gelandet, wo du jetzt bist. Vom Marketing-Designer-Dude zum Fotografen, Guru, Reiseführer und Schreiberling. Wenn man dich in der zweiten Klasse gefragt hat, was du mal werden willst, was hast du denn da geantwortet?

Matrose! Ich wollte immer Matrose werden, zur See fahren und fremde Länder besuchen. Irgendwie mache ich das jetzt auf eine Art dann doch, wenn auch nicht zur See…
Die See beruhigt mich und gibt mir das Gefühl, dass immer alles in Bewegung ist.

Auch wenn du von dir selbst sagst, dass du ungeduldig und hyperaktiv bist – unvorhersehbare Lebenswege zeugen doch von einer inneren Gelassenheit. Genau die hast du auch in in der vietnamesischen Kultur gefunden, als du zu Beginn diesen Jahres mit 6 gleichgesinnten Fotografen dorthin gereist bist, um den Menschen dort und vor allem auch dir selbst näher zu kommen. Kannst du uns von deinen Erfahrungen auf dieser Suche etwas mehr erzählen?

Ich war mittlerweile das fünfte Mal in Vietnam unterwegs und immer für eine etwas längere Zeit. Ich nehme mir die Zeit, weil ich gemerkt habe, dass ich dort meinen Fokus finde. Das Land und seine Leute lassen mich immer wieder über mein eigenes Leben und mein Handeln nachdenken. Es ist schwer zu beschreiben und klingt vielleicht ein wenig zu esoterisch, aber ich habe dort das Gefühl, dem Leben, so wie es gemeint ist, näher zu kommen. Ich kann mich dort ganz gut erden, erkenne was mir im Leben wichtig ist und das dies am Ende nicht viel ist. Vor allem, dass mein Glück nichts mit materiellen Gütern zu tun hat.

© Steffen Böttcher

Mit der Fremdheit der fernen Kultur konfrontiert, habt ihr euch immer wieder die Frage gestellt, wie fremd ihr euch eigentlich selbst geworden seid. Hast du darauf im Laufe der Reise eine Antwort gefunden? Woran liegt es, dass wir uns in dieser hektischen westlichen Welt selbst so oft selbst vergessen?

Wir halten uns hier in unserer Kultur oft an Nebensächlichkeiten auf und verlieren dadurch den Blick für das Wesentliche. Das beginnt damit, dass wir uns hier in unserer Kultur eher voneinander abgrenzen, während in Vietnam das Miteinander eine wesentlich größere Rolle spielt. In buddhistisch geprägten Ländern denken die Menschen „im Geben“ und Neid spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Man hadert nicht so stark mit der eigenen Situation, wie man es hier in unserem Kulturkreis oft erlebt.

© Steffen Böttcher

Deine Beziehung zur analogen Fotografie ist ja nicht immer unkompliziert. Doch mal abgesehen vom ästhetischen Aspekt, bietet uns diese Technik auch eine enorme Entschleunigung. Kannst du die Langsamkeit der analogen Fotografie mit deiner Ungeduld vereinbaren?

Nur schwer, deshalb mag ich das Sofortbild ja so. Ich liebe die Unvollkommenheit analoger Fotografie, das Loslassen, den Prozess im Denken. Das Entwickeln in der Dunkelkammer habe ich mir immer schöngeredet, am Ende hasste ich das Warten darauf, dass der Film endlich trocken ist. Im Sofortbild kann ich endlich meinen Analog-Fetisch ausleben, ohne ständig den gesamten Prozess im Auge zu behalten.

Du hast manchmal Schwierigkeiten damit, den Kontrollverlust in der analogen Fotografie zu akzeptieren. Gleichzeitig hast du dich in deinem Leben so oft auf Neues und Unbekanntes eingelassen. Ist das Unvorhersehbare nicht längst zum Zentrum deiner Comfort Zone geworden?

Die einzige Konstante in meinem Leben ist Veränderung und wenn ich eines hasse, dann meine Komfortzone. Deshalb zwinge ich mich oft aus ihr heraus. Ich habe in Vietnam mehr als zwei Monate fast ausschließlich mit einer Instax Kamera fotografiert, ohne Einfluss auf die einfachsten fotografischen Komponenten wie Belichtungszeit oder Schärfentiefe. Einzig den Bildaufbau konnte ich bestimmen und selbst dabei konnte ich keinen anständigen Sucher nutzen. Mit dieser Art des Kontrollverlustes kann ich noch ganz gut umgehen.

In der analogen Fotografie musst du das Foto vorher abstrahieren und kannst nicht einfach 20 mal abdrücken und hoffen, das was dabei ist. Wenn dann trotz allen Denkens und Abstrahierens der Film einfach mal durch eine Fehlentwicklung oder was auch immer verloren geht, macht mich das nicht glücklicher, das stimmt…

© Steffen Böttcher

Das Thema deiner Serie aus Vietnam ist Nebel. War das eine ästhetische Entscheidung, oder steckt da eine Geschichte dahinter?

Die Welt ruht im Nebel und der Norden Vietnams ist oft darin verhüllt und alles wird seltsam still, so als ob er etwas beschützen will. Ich habe oft innegehalten und ihn bewundert, wie er langsam durch die Dörfer zieht und in gleichem Maße Schönheit und Tristesse verstärkt. Der Nebel verdichtet meinen Blick und meine Erlebniswelt. Vor allem hetzt er mich nicht…

© Steffen Böttcher

Als Blogger erzählst du Geschichten nicht nur visuell, sondern auch mit vielen klugen Worten. Denkst du, dass dein Schreiben einen Einfluss darauf hat, wie du fotografierst?

Nein, die Texte kommen eigentlich immer erst hinterher. Ich versuche dann meine Gedanken, die ich beim Fotografieren hatte, zusammenzufassen. Manchmal entstehen dadurch Texte, die oft gar nichts mit den Fotos zu tun haben und irgendwie wieder doch.

Auf deinem Blog erzählst du mittlerweile hauptsächlich von deiner eigenen Arbeit, berichtest von deinen Schwächen, Niederlagen und Erfolgsgeschichten. Es ist eine mutige Entscheidung, von der Beurteilung der Welt Abstand zu nehmen und sich einem großen Publikum so sehr zu öffnen. Denkst du nicht manchmal, dass du gern Stellung beziehen und den Richterhammer über die Welt schleudern würdest?

Ich kann nur mein eigener Maßstab sein und nicht der der Welt. Ich glaube genau darin liegt das Dilemma, in dem sich unsere Welt befindet: Leute mit Einfluss drücken dem Rest ihren eigenen Maßstab auf. Die Welt wird dadurch nicht besser. Willst du die Welt verändern, verändere dich und versuche so viele Menschen wie möglich mit deinem Handeln anzustecken. Ist dein Handeln von Liebe geprägt, führt es zu etwas Gutem.

© Steffen Böttcher

Deine Arbeit bringt dich mit unheimlich vielen Menschen zusammen. Du triffst dich mit anderen Fotografen in deinem Studio zur privaten Talkshow und auch deine Follower lädst du zum Kennenlernen ein. Warst du schon immer so extrovertiert und wild sozial veranlagt?

Ich glaube, dass wir Menschen insgesamt sozial veranlagt sind und dass es Menschen gibt, bei denen dies in ihrer Erziehung verloren geht. Man konditioniert uns ja gern „bloß nicht anzuecken“ und nichts von uns Preis zu geben, weil wir uns dadurch verletzbar machen würden. Wenn die Natur sich das so ausgedacht hätte, gäbe es keine Empfindungen, die wir sichtbar mit uns herumtragen könnten. Ich glaube, mir hat man diese Gabe in der Kindheit Gottseidank nicht „abtrainiert“. Aber es stimmt: Ich war schon immer der lauteste im Kindergarten und in der Schule.

© Steffen Böttcher

Du hast in Vietnam auch mit der Lomo’Instant Wide fotografiert – dabei sind ganz schön feine Sofortbilder herausgekommen. Bist du auch so glücklich darüber wie wir, dass es die Sofortbildfotografie wieder zurück in das Bewusstsein der Welt geschafft hat?

Oh ja. Das Sofortbild schafft wieder das Bewusstsein für das Festhalten eines Momentes. Seien wir doch mal ehrlich: kein Mensch schaut sich je die abertausend Fotos an, die er auf seinem Handy irgendwann mal gemacht hat. Das Sofortbild zwingt dich in die Auseinandersetzung. Ich erlebe das oft bei Familienshootings, bei denen ich immer eine Sofortbildkamera dabei habe. Am Ende des Tages sitzt die ganze Familie an einem Tisch, auf dem ein ganzer Stapel Sofortbilder liegt. Die Bilder wechseln von Hand zu Hand und man lacht gemeinsam und kommentiert die Aufnahmen. Das habe ich bei Digitalfotos noch nie erlebt. Meine Instax-Aufnahmen der letzten beiden Vietnam Reisen habe ich Oldschool in ein Album geklebt und beschriftet. Ich habe sie mir in den letzten Monaten öfter angeschaut, als die digitalen Aufnahmen…

© Steffen Böttcher

Wie sieht die Zukunft aus? Können wir unseren Lesern schon deine nächsten spannenden Projekte ankündigen?

Oh ja, wir arbeiten gerade an einem Buch mit all den analogen Fotos, die ich in Vietnam gemacht habe. Darin finden sich natürlich die Sofortbilder, aber auch viele Aufnahmen, die ich mit einer alten Panoramakamera geschossen habe. Wir möchten dem Buch gern das Ursprüngliche lassen, so wie es hier bei mir im Regal steht – mit all den aufgeklebten Aufnahmen auf schwarzem Papier, den handschriftlichen Anmerkungen und Spinnenpapier als Trenner zwischen jeder Seite. Es ist ein kalkulatorischer Irrsinn, aber wir haben eine Druckerei gefunden, die uns bei diesem Projekt unterstützt, und ich denke, dass es im Herbst diesen Jahres auf den Markt kommt. Ich bin selbst gespannt, ob wir es hinbekommen.

© Steffen Böttcher

Steffen hat dich inspiriert? Schau dir doch mal sein Portfolio an, und folge ihm auf seinem Blog, auf Facebook und auf Instagram, oder begleite ihn auf seiner nächsten Reise nach Vietnam!

geschrieben von jennifer_pos am 2017-07-19 in #culture #people #vietnam #steffen-boettcher #lomo-instant-wide

Erwähntes Produkt

Lomo'Instant Wide

Lomo'Instant Wide

Ganz aufgeregt sind wir, denn wir stellen euch die Lomo'Instant Wide vor — die weltweit kreativste Sofortbildkamera mit Objektivsystem für das Fujifilm Instax Wide Format. Sie vereint qualitative Handwerkskunst mit vielseitigen kreativen Einstellungsmöglichkeiten, die Lomo'Instant Wide ist die richtige Sofortbildkamera für jeden, der die schönsten, verrücktesten und abenteuerlichsten Momente unseres Alltags in originellen, weitwinkligen, außerordentlich scharfen und perfekt belichteten Bildern festhalten will.

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