Eine Unterhaltung mit Yota Yoshida über das Selbst, persönlichen Freiraum und Fotografie

2017-07-24

Lies mit bei unserem Tête-à-tête mit dem japanischen Fotografen Yota Yoshida, bei dem wir die unausgesprochenen Gefühle und Emotionen der Menschlichkeit erforschen, indem wir über seine Fotoserie "From Somewhere, To Elsewhere" und seine einzigartige Herangehensweise an die Urban- und Street-Fotografie sprechen.

Hier ist das exklusive Interview mit Yota Yoshida, das er dem Lomography Magazin gegeben hat:

© Yota Yoshida

Hi Yota, willkommen im Lomography Magazin! Zum Einstieg möchten wir wissen, was ist das Erste ist, das du an einer Person bemerkst, sei es im Vorübergehen, oder bei einer neuen Bekanntschaft?

Hallo Lomography! Ich freue mich hier zu sein!

Ich bin mir meines Geschmackes nicht bewusst, wenn es um erste Eindrücke geht, aber ich interessiere mich dafür, ”was sich die anderen Leute ansehen”. Am liebsten schaue ich mir aber das gesamte Umfeld einer Person an. Ich finde, es ist wichtig das Gesamtbild zu sehen. Das kann zu einer Vorhersage von Ereignissen führen, die in der Zukunft passieren werden. Ich glaube, das ist ein wichtiger Faktor, wenn man Fotos macht.

© Yota Yoshida

Ich verstehe. Beschreibe uns bitte, was Tokio zu mehr macht, als einem öffentlichen Beton-Dschungel. Wie wirkt so ein Ort auf dich?

Inzwischen sind etwa 15 Jahre vergangen, seit ich das erste Mal in Tokio gelebt habe. Progressiv und kunstvoll, anorganisch wegen des Betons, der einen umgibt. Eine solche Einschätzung wäre für die Stadt ganz passend, aber ich mag viel mehr die ruhigeren Wohngebiete und die Altstadt.

Vor allem mag ich es, durch Parks und Ufergebiete zu streifen. Diese Orte findet man aber weder im Zentrum, noch in den Vororten.

Obwohl sie unscheinbar sind, gibt es immer wieder Einblicke in das Leben der Menschen in der Stadt und das ist sehr attraktiv für mich. Im Gegensatz dazu, sind Shinjuku und Shibuya eher die Orte, an denen besondere Dinge passieren. Sie sind es, die im Sinne der Wahrscheinlichkeitstheorie besser für die Street-Fotografie geeignet wären... aber diese Ort passen einfach nicht zu meinem Stil.

© Yota Yoshida

Deine Fotos zeigen uns die einsamsten Bilder, die man im öffentlichen, städtischen Raum sehen kann. Hast du dich jemals einsam gefühlt, während du zum Beispiel mitten in einer Menge im Zug gestanden hast?

Wenn ich ein Foto mache oder ein Projekte plane, konzentriere ich mich nicht allein auf das Element der Einsamkeit, obwohl ich glaube, dass viele Leute so wie du die Einsamkeit in meinen Bildern spüren.

Ob in einer Menge oder aber zu Hause allein im Bett, ich glaube, dass mich das alle unbewusst fragen.

© Yota Yoshida

Ich persönlich habe aber nichts mit Einsamkeit zu tun.

Für mich hat es etwas Poetisches, wenn ich Bilder mache. Das ist eine komplexe Emotion, die nicht mit einem Wort beschrieben werden kann (natürlich ist Einsamkeit darin enthalten). Außerdem ist das Gefühl der Einsamkeit in dieser Stadt nur die Spitze des Eisberges.

Ich glaube wir alle fühlen uns mal allein, aber das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes.

Ich habe Familie und Freunde. Aber jeder hat einen leeren Platz in seinem Herzen, der nicht einmal von einer lieben Person ausgefüllt werden kann. Ich glaube, Menschen sind einsam bis sie sterben; von Geburt an müssen wir diese Einsamkeit erkennen und sie konfrontieren. Tolstoy schrieb, ein Mann sei dann allein, wenn er sein wahres Ich fühlt. Wir müssen ihr also mit einer positiven Einstellung entgegentreten und nach vorne blicken.

© Yota Yoshida

Deine Fotos sind bei weitem die beste Manifestation einer spezifischen, aber alltäglichen Ereignisse in unserem Leben. Wie würdest du die Gefühle beschreiben, die aus den Szenen hervorgehen? Kannst du sie unterscheiden?

Ich habe bereits erwähnt, dass Einsamkeit für mich nur eines der vielen wichtigen Elemente ist, somit ist es nicht das einzige, das ich sehe.

Ich werde ein Beispiel zeigen, das den Leuten helfen wird, zu verstehen, was ich darin gesehen habe - es geht um das letzte Foto meines Projekts, bei dem mit dem Finger eine Nachricht auf ein nasses Fenster geschrieben wurde.

© Yota Yoshida

Ich erinnere mich, dass es regnete und es war sehr kalt an diesem Tag. Ich saß auf dem Heimweg auf dem letzten Sitz des Busses. Ein Junge saß vor mir, er schrieb beiläufig etwas auf das Fenster, kurz bevor der Bus losfuhr.

Was er auf das Fenster schrieb, war wohl sein eigener Name; aber es war kein japanischer Nachname, es schien, als wäre er chinesisch oder koreanisch. Ich bemerkte das und machte ein einziges Foto davon. Im nächsten Augenblick wischte er es plötzlich mit der Hand weg. Es erinnerte mich sehr an das Lied "Love Letters in the Sand", und die Botschaft war verschwunden.

Da war eine Geschichte, die ich nicht kannte, aber ich war sehr neugierig. Ehrlich gesagt, verstehe ich sie immer noch nicht. Die Person, die diesen Namen geschrieben hat, gehört wahrscheinlich zu einer Minderheit in Japan. Ich bin mir nicht zu 100% sicher, wie die Umstände im Land sind. Aber diese kleine Stimme hallte in meinem Kopf wider.

Wenn du mich fragst wonach ich suche, kann ich nur sagen, dass ich _ "solche Dinge" _ in meinen Bildern sehe und fühle.

Woher beziehst du deine Inspiration? Wer sind deine Musen?

Tatsächlich hab ich so einige.

Bei Filmen liebe ich die Sachen von John Ford, Clint Eastwood, John Cassavetes, Robert Aldrich, Sam Peckinpah, Theo Angelopoulos, Yasujiro Ozu, Sadao Nakajima, Kiyoshi Kurosawa, etc....

Wenn wir von Genres sprechen, dann bevorzuge ich vor allem die westlichen Filme, insbesondere Film Noir, ich mag auch japanische Yakuza-Filme aus den 1970ern und viele andere. Ich erhalte mir einen offenen Geist und schaue mir alles unter der Sonne an.

© Yota Yoshida

Die Literatur spielt auch eine große Rolle bei der Motivation. Ich mag Werke aus der literarischen Moderne, wie Werke von James Joyce, Proust, Woolf. Ich bewundere auch die lateinamerikanische Literatur. Jorge Luis Borges, García Marquez und Maria Vargas Llosa, um nur einige zu nennen. Ich lese aber oft auch moderne amerikanische Literatur wie Vonnegut und Pynchon.

In der Fotografie bin ich stark beeinflusst von William Eggleston, Martin Parr, Joel Sternfeld, Alec Soth. Andere Fotografen, die mich inspirieren, sind Alexander Gronsky und Zhang Xiao.

Abgesehen davon, haben Musik, TV-Dramen, Theater, Poesie, Gemälde, die Geisteswissenschaften, Soziologie, etc. einen großen Einfluss auf mich.

Fotografien sind auf den Augenblick beschränkt, aber ich glaube, dass mich verschiedene komplexe Dinge beeinflussen, bevor ich den Auslöser drücke. Es ist wie ein Schmetterlingseffekt, ich verstehe nie genau was und wie mir etwas in den Sinn kommt.

© Yota Yoshida

Du hast eine Menge Leute, zu denen du aufsiehst! Wenn du mit einem beliebigen Fotografen zusammenarbeiten könntest, wer wäre das?

Das ist eine sehr schwierige Frage für mich, weil ich nicht weiß, welche Art von Zusammenarbeit in der Fotografie funktioniert. Aber ich wäre sehr froh, wenn Joel Meyerowitz mich in Brooklyn zu einem Shooting in den Straßen mitnehmen würde!

Wie sieht ein Tag im Leben von Yota Yoshida aus?

Zuerst, nachdem ich aufgestanden bin, mache ich das Frühstück für die Familie, dann bringe ich den Müll raus. Dann helfe ich meiner Tochter beim Anziehen, Zähneputzen usw. Danach bringe ich sie zum Kindergarten und fahre ins Büro.

Von der Fotografie allein kann ich nicht leben; Ich bin Projektleiter für Systemeinführungen. Wenn ich meinen Arbeitstag beendet habe, fahre ich gleich zurück nach Hause. Nach dem Abendessen bringe ich meine Kinder ins Bett. Bevor ich selbst schlafen gehe, habe ich noch ein nettes Gespräch mit meiner Frau, beantworte E-Mails und kümmere mich um meine Fotos.

Wie du siehst, habe ich kein besonderes Leben. Es unterscheidet sich nur von dem anderer, wenn ich meine Kamera dabei habe. Und dann gibt es noch Zeiten, in denen ich Preise gewinne, oder in Artikeln - wie diesem wunderbaren Interview - vorgestellt werde. Doch auch wenn solche Dinge passieren, verändert dies nicht mein Leben von einem Tag auf den anderen.

Das Leben geht nun mal weiter!

© Yota Yoshida

Was machst du mit deiner Freizeit? Gibt es fortlaufende Projekte oder gibt es etwas, an dem du im Stillen arbeitest?

Ich habe nicht wirklich viel Freizeit, aber wenn, bin ich immer mit meiner Kamera unterwegs.

In Bezug auf andere Projekte, bereite ich gerade etwas vor, aber es ist alles noch im Aufbau. Leider kann ich euch die Details noch nicht verraten, weil ich es am Ende vielleicht doch nicht veröffentlichen werde. Es gibt verschiedene Dinge, die ich gerne machen würde. Wenn es möglich wäre, würde ich gerne eine Einzelausstellung zu diesem Projekt zeigen.

Ich habe vor kurzem erst eine Einladung von einem Kuratoren erhalten, aber die Bedingungen waren nicht mit meinen Vorstellungen vereinbar, deshalb wird es nicht realisiert.

Daher hoffe ich, dass es noch eine gute Gelegenheit dafür geben wird.


Wenn dir das Interview mit Yota gefallen hat, ließ auch unseren Artikel den wir über ihn gebracht haben und besuche seine Website, sowie seine Seiten bei Instagram, Facebook, Flickr und Tumblr, um noch mehr seiner Werke zu sehen. Alle Bilder in diesem Artikel wurden mit freundlicher Genehmigung von Yota Yoshida genutzt.

geschrieben von Ciel Hernandez am 2017-07-24 in #people
übersetzt von dopa

Dir gefällt diese Seite? Klicke hier für noch mehr Inspiration in festlichen Beiträgen auf unserer Happy Holidays Seite. In einem Fotowettbewerb kannst du ein tolles Lomography Geschenkpaket gewinnen, ein Quiz klärt dich über deinen Fotografiestil auf, und tägliche Adventsangebote machen das Weihnachtsshopping zu einem Kinderspiel!

Mehr interessante Artikel