Lomo In-Depth: Der heutige Wert der Geister-Fotografie

2016-11-19 3

Vielleicht wussten wir es einfach nicht besser, als wir in unserer Kindheit heimlich in den alten Kisten und staubigen Truhen auf dem Dachboden kramten. Manche werden alte Fotos der Großeltern, Urgroßeltern, oder noch älterer Verwandte entdeckt haben und hatten so die Chance, zu sehen, wie sie aussahen, bevor sie gestorben sind. Und dann gibt es noch diese Fotos, die aussehen, als enthielten sie schwebende Köpfe und Körper.

Naive Kinder, die wir doch waren, erweckten diese Fotos unsere volle Aufmerksamkeit und Neugierde und gemeinsam mit unseren Geschwister-Komplizen machten wir aus, dass es sich bei diesen schwebenden Wesen um Geiser handeln müsste. Das ist eine fantastische Geschichte, wenn man daran glaubt und sie von Zeit zu Zeit erzählt, als wäre sie wahr. Unglücklicherweise sind diese "Spuk-Fotos" letzten Endes genau dies: Fantasien.

Aber, aber. Wir wollen die Spuk-Spaß-Blase nicht platzen lassen, doch diese Art der Fotografie, genannt Geister-Fotografie, begann mit einem Mann namens William Mumler.

Ein Bild von Moses A. Dow, Herausgeber des Waverley-Magazins, mit dem Geist von Mabel Warren; aus den Wikimedia Commons

Die Geister-Fotografie und ihre Geschichte

Im späten 19. Jahrhundert, als die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte und sich viele die Freiheit nahmen, mit Stereoskopien und Doppelbelichtungen zu experimentieren, haben einige Fotografen einen Weg gefunden, diese Techniken zu ihrem Profit zu nutzen. Der amerikanische Fotograf William Mumler ist dafür berühmt, die "Geister-Fotografie" begründet zu haben. Er machte Portrait-Aufnahmen mit Erscheinungen von entweder Berühmtheiten, oder toten Verwandten. Er erzählte seinen Kunden, dass die Kamera Geister sehen können, auch wenn das bloße Auge dies nicht könne. Zumindest seine Kamera könne dies.

Eines seiner berühmtesten Fotos ist das von Abraham Lincoln als Geist im Portrait seiner Frau Mary Todd Lincoln.

Bild des Geistes von Abraham Lincoln mit Mary Lincoln von William H. Mumler aus den Wikimedia Commons

Wegen der großen Zahl Toter im amerikanischen Bürgerkrieg, waren die Leute auf der Sucher nach einer Möglichkeit, der übernatürliche Verbindung zu ihren Lieben herzustellen. Und so florierte das Geschäft mit der "Geister-Fotografie". Die BBC berichtet:

Geisterhafte Erscheinung oder nicht, es dauerte nicht lange und Mumlers Trick, Tote (meist einen Verwandten) auf Film zu bannen, wurde sehr populär. Anfangs scheiterten Experten daran, Mumlers "Geister-Fotos" als Fälschungen zu entlarven. Und so wurde der Amateur zum Profi – mit einem lukrativen Geschäft, angetrieben durch die Hinterbliebenden des amerikanischen Bürgerkriegs, auf der Suche nach einer übernatürlichen Verbindung zu ihren Lieben.

Natürlich dauerte es nicht lange und Kritik an an Mumlers Professionalität kam auf. Wegen der Geister-Fotografie von P.T. Barnum mit Abraham Lincoln wurde er dann später wegen Betruges angeklagt. Barnum sagte gegen Mumler aus und so war der Niedergang des "Geister-Foto-Pioniers" beschlossene Sache.

Was ist also von der Geister-Fotografie zu halten?

Natürlich wurde die Fotografie im Laufe der Zeit eine mehr und mehr bekannte Technologie, immer mehr erlernten die Wissenschaft, die dahinter steckt, bis sie zur Allgemeinbildung gehörte; die Menschen sehen diese Fotos nicht mehr auf die gleiche Weise, wie sie einst wahrgenommen wurden. Wie kann man dieses recht betagte, antike Genre der Geister-Fotografie heute einordnen?

aus den Wikimedia Commons

Wir erinnern unseren Kindheitsfantasien und ausgedachten Geschichten auf unsere eigene Weise. Die eigene Vorstellungskraft ist grenzenlos und verrückt und wir können uns alles vorstellen, was wir wollen; Wenn wir groß werden, hat das zur Folge, dass wir nur noch an das Reale glauben und unsere Träumereien aufgeben. Auch wenn diese Fotos nie mehr so gespenstisch sein werden, wie sie einst waren, bleiben sie uns doch als "falsch belichtet", "manipuliert" oder versehentliche Werke, eines altmodischen Mediums. Doch sie haben noch ein anderer Wert, auch wenn Mumler diesen nicht schätzen konnte: Die menschliche Sentimentalität.

Mumler erkannte definitiv den menschlichen Instinkt, sich nach der Verbindung zu anderen Menschen zu sehnen, egal ob diese noch da sind, oder nicht. Und vielleicht entdecken wir das nächste mal, wenn wir über ein solches Foto stolpern, auch eine interessante Geschichte von den Menschen auf dem Bild und ihrer Beziehung zu dem schwebenden Köpfen und Körpern.

Wie würdest du den Wert einer Geister-Fotografie einschätzen, wenn dir heute eine begegnen würde. Würdest du es als betrügerisches Werk betrachten oder als manipulierte Realität, die sich in Kunst manifestiert? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!


Die Bilder in diesem Artikel unterliegen alle einer öffentlichen Lizenz.

geschrieben von Ciel Hernandez am 2016-11-19 in #culture
übersetzt von dopa

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3 Kommentare

  1. ado089
    ado089 ·

    Schöner, interessanter Bericht!

  2. ado089
    ado089 ·

    Ach ja, wir alle kennen und lieben Doppelbelichtungen! Ich würde es also toll finden - außer natürlich mit dem Foto will er mir weiß machen, er habe einen Geist fotografiert. Wenn er es besser weiß, und absichtlich macht, dann fände ich es nicht mehr toll.

    Sonst finde ich Geisterbilder toll.

  3. neneohcs
    neneohcs ·

    Ich musste bei deinem netten Artikel (danke!) an die "Orbs" denken, die sich anscheinend nur auf digitalen Fotos mit Blitz zeigen....
    www.rumoro.de/spirituelles/articles/orbs-zwischenwelten-eng…
    Oder wenn man dem Wikipedia Artikel folgt handelt es sich bei den "Geisterflecken" ... Lediglich um Staubreflexe....
    Oder etwa doch etwas aus anderen Dimensionen ....

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