Schätze, die Bewahrt Werden Sollten: Ein Interview mit Christopher Payne

2016-02-12

Der Architektur-Fotograf Christopher Payne dokumentiert mit seinen Großformat-Bildern Amerikas industrielle Herkunft. Für sein Projekt “Asylum” besuchte er zwischen 2002 und 2008, 70 verlassene Psychiatrische Kliniken im ganzen Land

Er verwendet die Fotografie als Medium, um das Konzept der Konstruktion und der Dekonstruktion zu erforschen. Dabei versucht er verblassende architektonische Schätze für immer festzuhalten. In diesem Interview erzählt er uns mehr über den Zweck seiner Arbeit und die Herausforderung, die diese Einrichtungen für ihn darstellten.

Asylum: St. Elizabeth’s Hospital, Autopsie Theater, Ort: Washington DC © Christopher Payne/Esto

Du kommst ursprünglich aus der Architektur. Wodurch bist du auf die Fotografie gekommen?

Ich begann mich für Fotografie während meiner Arbeit als Architekt zu interessieren. Es geschah fast schon aus Notwendigkeit. Mein erstes Buch New York’s Forgotten Substations: The Power Behind the Subway war ursprünglich als Buch voll Zeichnungen konzipiert und sollte aus meinen detaillierten Zeichnungen von den Umspannwerken bestehen. Ich hatte kaum die Zeit die Zeichnungen vor Ort fertig zu machen. Daher machte ich Bilder davon, um die Zeichnungen später zuhause vervollständigen zu können. Mit der Zeit wurden diese Aufnahmen immer komplexer und ich fand immer mehr Freude daran, die Bilder vorzubereiten und zu fotografieren — mehr als zu zeichnen. Es war ein langsamer Prozess aber als das Buch fertig war wusste ich, dass ich meine Berufung gefunden hatte.

Sketches for Substations. (1) Transformer, Parkville Substation, Brooklyn, NY (2) Rotary converter, IRT Substation #41, New York, NY © Christopher Payne

Wie beeinflusst dich deine Vorbildung in der Architektur deine Fotografie? Nicht nur bei den Motiven sondern auch in der Herangehensweise?

Ich denke noch immer wie ein Architekt und verwende Fotografie, um zu zeigen wie die Dinge designed und angeordnet sind, beziehungsweise wie sie funktionieren. Manchmal ist es ein Prozess der Rekonstruktion wie zum Beispiel bei Asylum, wo ich versuchte ganze Teile von dem zusammenzufügen was hier und da überlebte. Bei meinem letzten Buch Making Steinway, über die berühmte Steinway & Sons Klavier-Fabrik in Astoria, Queens ging ich genau gegenteilig vor. In diesem Fall zerlegen meine Fotos etwas, was wir alle kennen und lieben in seine verborgenen Einzelteile. Gleichzeitig schaffen sie einen Einblick in die wohldurchdachte Arbeit, die man dafür braucht um ein Klavier zu bauen. Meine architektonische Bildung erweist sich auch als sehr praktisch weil sie mir hilft, mir ein Foto schon vorher vorstellen zu können. Wie wenn man eine Zeichnung auf Papier anfertigt. Oft kommt mir vor, als würde ich mich noch immer mit den selben Fragen beschäftigen und versuchen, die selbe Geschichte zu erzählen. Ich habe nur das Medium getauscht.

Was fasziniert dich so an verlassenen Orten, Ruinen und der industriellen Herkunft der USA? Welche Bedeutung haben deine Motive in architektonischer, fotografischer und gesellschaftlicher Hinsicht?

Mein Interesse an dem Verlassenen ist ein Nebenprodukt der Subjekte, die ich am interessantesten finde: industrielle Prozesse, veraltete Infrastrukturen und die alten Gebäude, die sie beinhalten. Viele dieser Orte waren für einen speziellen Zweck in einer bestimmten Zeit konzipiert, daher ist die Architektur einzigartig. Zum Beispiel waren fast alle Krankenhäuser im 19. Jahrhundert nach dem “Kirkbride”-Plan aufgebaut. Von Oben sahen sie wie eine Reihe an fliegenden Vögeln aus. Dieser Kirkbride-Plan war eine amerikanische Erfindung, die einige der größten Gebäude ihrer Zeit hervorbrachte. Es war auch die Anerkennung von mentalen Schwächen als Krankheit — in Form eines Gebäudes. Die einzigartige Form stellte den Versuch dar, ein System der Klassifizierung und Kontrolle einzuführen. Die Anstalten verleihen der jungen Sparte der Psychiatrie eine Berechtigung, als sie noch nicht Teil der gewöhnlichen Medizin war. Also ist auf eine Weise die Geschichte der Psychiatrie in den USA eng mit der Geschichte dieser Krankenhäuser verknüpft und das macht ihre Architektur so bedeutend.

Substations. (1) Number 47, Location: New York NY (2) Prospect Park, Location: New York NY (3) Bushwick, Location: New York NY © Christopher Payne/Esto

Wie bist du auf die Idee zu Asylum gekommen?

Ich entdeckte sie per Zufall. Ich hatte gerade das Substations Buch beendet und brauchte ein neues Projekt, um das kreative Loch zu füllen. Ein Freund von mir, der von meinem Interesse für industrielle und verlassene Architektur wusste, schlug mir die Krankenhäuser vor. Das erste, das ich besuchte war das Pilgrim State Hospital, etwa eine Stunde von New York entfernt. Ich wusste damals nicht, dass es das größte psychiatrische Krankenhaus war, das je gebaut wurde. Also hinterließen die leeren Straßen und die vielen geschlossenen Gebäude einen starken Eindruck bei mir — und die Lust, mehr darüber zu erfahren. In den folgenden Wochen entdeckte ich noch mehrere Krankenhäuser in der Gegend, ähnlich wie das Pilgrim. Das war der Anfang.

Was überraschte dich am meisten an den Krankenhäusern, die du besucht hast?

Was mich am meisten überraschte waren die ähnlichen Geschichten, die hinter all den Gebäuden steckten. Egal ob in Maine, Alabama oder Iowa — sie waren im Grunde genommen gleich und funktionierten vor langer Zeit auch mal gleich als selbstversorgende Gemeinschaft. Fast alles wurde vor Ort produziert: Essen, Wasser, Energie; sogar Bekleidung und Schuhe.

Warum hast du dich bei diesem Projekt für Großformat entschieden?

Für fast alle meine persönlichen Arbeiten fotografiere ich noch immer mit einer 4×5 Fachkamera, da ich auf ihr alles gelernt habe. Das Format ist perfekt für Architektur und um Perspektive zu korrigieren. Ich mag die Fachkamera auch wegen dem meditativen, bewussten Prozess und ich liebe es, mich in den Details der großen Negative zu verlieren. Ich benutze die Kamera und die Objektive jetzt schon für 15 Jahre und ich bin jedesmal dankbar für ihre Einfachheit, wenn ich meine teuren digitalen Kameras erneuern muss.

Erzähle uns mehr über das Setup und die Szenen.

Im Fall des Setups für Asylum versuchte ich, die Dinge schlicht zu halten und arbeitete nur mit natürlichem Licht wann immer es ging. Um den kreativen Fluss anzukurbeln begann ich mit der selben Einstellung in jedem Krankenhaus: der ikonische gerade Blick dem Gang entlang. Die Proportionen dieses Raums, wo die Breite des Flurs leicht größer ist als die Höhe passte perfekt zum 4×5 Rahmen.

Asylum. (1) Oregon State Hospital, Location: Salem OR (2) Buffalo State Hospital, Location: Buffalo NY © Christopher Payne/Esto

Was waren die größten Herausforderungen dieses Projektes?

Im Gegensatz zu dem, was man vielleicht denken würde, war es am einfachsten Zugang zu den Krankenhäusern zu erlangen. Sobald ich die Erlaubnis von ein paar Länder bekommen hatte, schlossen sich die anderen an. Schließlich besuchte ich 70 Krankenhäuser im ganzen Land verteilt. Viele waren fast ein Projekt für sich — sie alleine hielten schon so viele Geschichten und Material bereit. Da ich aber mit Film arbeitete, wurde ich zu ein paar wirklich harten Entscheidungen gezwungen. Ich konnte nicht alles, was mir vor die Linse kam fotografieren (wie mit Digitalkameras). Daher war die größte Herausforderung zu entscheiden, was ich nicht fotografieren sollte.

Trotz den heruntergekommenen Fassaden und der bröckelnden Einrichtung sehen manche der Räume aus, als hätten sie ihre Bewohner gerade erst verlassen. Die Fotos haben etwas Lebhaftes an sich. Wie konntest du das erreichen?

Für jeden Raum, in dem die Zeit stehengeblieben war gab es dutzende, die leer oder bis zur Unkenntlichkeit verwest waren. Szenen zu finden, die so aussahen als ob die Bewohner gerade erst gegangen wären verlangte sehr viel Geduld und Hartnäckigkeit. Die meiste Zeit ging ich durch die Gebäude und schaute in jedem Raum und hinter jdeder Tür nach. Das Gegenteil von diesen Versuchen und die angenehmeren Shootings waren die, bei denen ein Guide mich herumführte. Das waren ehemalige Angestellte, die alles über diese Gebäude wussten und die intakten Stellen kannten. Durch ihre Erinnerungen wurden die leeren Gebäude und Gelände wieder lebendig. Ihre Geschichten machten mich immer traurig weil die meisten der Angestellten in diesen Komplexen groß wurden und die ihr Zuhause waren.

Asylum. (1) Trenton State Hospital, Location: Trenton NJ . (2) Clarinda State Hospital, Location: Clarinda IA (3) Fairfield State Hospital, Location: Newtown CT (4) Hudson River State Hospital, Location: Poughkeepsie NY © Christopher Payne/Esto

In unserer Gesellschaft gibt es eine gewisse Stigmatisierung bei mentalen Krankheiten. Hat das dein Projekt in irgendeiner Weise mehr beeinflusst als zum Beispiel die Stationen der New York City U-Bahnsystem?

Leider wurde dieses Stigma über Geisteskranke auf diese Gebäude übertragen. Als Überreste aus einer weniger entwickelten Ära erwecken diese Anstalten nicht den selben nostalgischen Eindruck wie andere historische Gebäude. Bis sich die Einstellung und die Apathie der Gesellschaft ändert werden diese Gebäude der Abrissbirne zum Opfer fallen. Das verlieh meiner Arbeit eine gewisse Dringlichkeit, da ich nie wusste, wann ein Gebäude abgerissen wird. Die meisten Gebäude auf den Bildern in meinem Buch existieren schon nicht mehr.

Neben nur den Zerfall und die Existenz dieser Gebäude zu dokumentieren, schaffst du auch einen Einblick in die Leben derer, die ihre Tage in diesen Institutionen verbrachten. Gab es irgendwelche Aspekte, die du mit deinen Fotos betonen wolltest?

Ich hoffe, dass mein Publikum diese Einrichtungen in einem objektiveren Licht sehen und erkennen, dass sie mehr als “Schlangengruben” waren. Sie waren mal eine florierende, selbstversorgende Gemeinschaft, in der tausende von Menschen lebten, arbeiteten und starben. Sie spielten trotz allem für mehr als ein Jahrhundert eine wichtige Rolle in der amerikanischen Gesellschaft. Bevor sie verspottet wurden, waren sie der Stolz der Gesellschaft und wurden aus noblen Gründen von führenden Architekten gebaut. Sie sahen die Anstalten als Ort der Zuflucht, Therapie und Heilung. Ich hoffe, dass die Menschen erkennen werden, dass diese architektonischen Schätze es wert sind, erhalten statt abgerissen zu werden. Auch wenn sie die eine weniger entwickelte Zeit verkörpern, werden solche Gebäude von solcher Pracht, Detailgenauigkit und Schönheit nie wieder auftauchen.

Asylum. (1) Weston State Hospital, Location: Weston WV (2) Yankton State Hospital, Location: Yankton SD (3) Taunton State Hospital, Location: Taunton MA (4) Marlboro State Hospital, Dairy Farm, Location: Marlboro NJ © Christopher Payne/Esto

Hast du am Anfang deines Projektes über die Menschen, die in diesen Gebäuden wohnten oder arbeiteten recherchiert? Fühlst du dich mit ihnen irgendwie verbunden? Glaubst du an die Anwesenheit ihrer Seelen?

Ich informierte mich über die wichtigsten Persönlichkeiten im Bereich der Psychiatrie um meine Bilder in einen Kontext setzen zu können. Aber ich recherchierte nicht über die Patienten oder Angestellten selbst. Ihre Anwesenheit war klar durch die leeren Räume und Sachen, die zurückgelassen wurden — aber nicht auf eine unheimliche Art. Durch meine Liebe zur Architektur entwickelte ich eine besondere Beziehung zu den Gebäuden. Ich verbrachte Stunden darin, in denen ich alleine und ungestört arbeitete. Ich konnte mir nicht helfen aber ich spürte eine gewisse Intimität gegenüber ihnen und entwickelte einen starken Beschützerinstinkt sowie die Verantwortung des — wahrscheinlich letzten — der sie dokumentierte.


“Asylum” wird zurzeit vom 11. Februar bis zum 26. März in der Benrubi Gallery in New York ausgestellt.
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Die Informationen für diesen Artikel wurden von Christopher Payne bereitgestellt oder wurden von seiner Website verwendet. Alle Fotos wurden vom Künstler selber bereitgestellt und mit seiner Erlaubnis verwendet.

geschrieben von Lomography am 2016-02-12 in #people #places #location

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