Ein lomographisches Portrait von Azerbaijan

Ich lebte vier Jahre in Azerbaijan, das zwischen Russland und dem Iran liegt, früher Teil der Sowjetunion war und heute eher muslimisch ist. Lies weiter, um mehr zu erfahren und dir meine Fotos anzusehen.

Es begann damit, dass ich als Freiwilliger für einen Friedenstrupp in Ismaili arbeitete (damals ein abgeschiedenes Dorf mit Internetverbindung dank der früheren sowjetischen Kolchosen). Ich endete dann als Lehrer und Freiberufler in der Hauptstadt Baku. Meine Zeit in Azerbaijan war für mich auf viele Arten ganz bedeutsam – viele davon entdecke ich noch immer. Von 2007 bis 2011 fotografierte ich viele Portraits, angetrieben von verschiedenen tollen Fotografen, die mir sagten, ich solle meinen Stil finden und die Fotos machen, die mir am schwersten fallen. Bis vor zwei Jahren etwa dachte ich gar nicht viel über die erstaunlichen Menschen und ihre Geschichten nach, die ich fotografiert und festgehalten hatte. Ich lernte, dass ich Menschen und ihre Menschlichkeit sehen musste; keine Geschichte ist unwichtig.

Ich sah so viele Menschen, und viele Menschen sahen mich. Für die meisten war ich nur ein Pappkamerad, meine Schublade war eindeutig: Amerikanisch, Frau, weiß, kein Moslem, gefährlich, nicht verheiratet, Spion, Prostituierte, geschieden. Ich hatte auch selbst Kategorien für diese Leute: Alt, religiös, ungebildet, einfach, arm, listig, gierig, Moslem, bäuerlich.

Dann begann ich mit meinen Portraits. Ich dachte vorher immer, ich wäre nicht gut darin. Ich wollte wenigstens ihre Gesichter verstehen: Die Vielfalt, die Geschichte dahinter, das Ungewöhnliche, das Menschen so faszinierend macht. Ich bedaure nur, nicht noch mehr Gesichter und Geschichten eingefangen zu haben.

1. Er war sehr jung und sehr alt und sehr verwirrt: Warum sollte ein Fremder dieses Foto machen?

2. Dieser Mann war alt, freundlich und jeder kannte ihn. Meine Studenten sagten, er sei weise und von Allah persönlich gesegnet. Er segnete meine Studenten – doch keiner von uns kann sich erinnern, womit. Damals dachte ich, dass wir einfach zu begierig aufs Wandern, Flirten, Cola trinken und der Flucht aus dem Alltag waren.

3. Wir wanderten zu den Toren – eine Amerikanerin und eine Deutsche mit Kameras und einfachen Lächeln. Azra sprach Türkisch, ich Aserbaidschanisch. Sie ließen uns herein und wir machten ihre Portraits. Sie hatten hier noch niemals fremde Frauen getroffen. Wir tranken Tee unter einem Foto von Heyder Aliyev (einem wichtigem Politiker in Aserbaijan) und einer Ausgabe des Koran mit Eselsohren.

4. Sie war jung und lebte in einem verlassenen Ort der Sowjets. Ihre Neugier war ansteckend. Warum bin ich nicht wie sie verheiratet? Warum liebe ich keine Kinder? Die Kommode mit dem Spiegel war Teil ihrer Mitgift.

5. Sie war damals 17 und lebte in einem verlassenen Swimming Pool. Drei Wochen später wurde sie von einem doppelt so altem Verwandten “gekidnappt”. Später träumte ich davon, wie sie nach Hilfe rief. Ihr Vater rief mich betrunken an, ob ich wüsste, wo sie sei. Ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern. Das ist die Schuld, die ich mit mir herumtrage.

6. Er war nahezu blind, liebte aber die Tar, eine gezupfte Langhalslaute. Seine Finger waren schon so krumm und arthritisch und trotzdem versuchte er stolz zu spielen, trotz Schmerzen. Sein strahlender Moment war, als wir eine alte Box mit seinen Hochzeitsfotos öffneten. Damals gab es dort noch keine Autos, so saßen sie auf einer Pferdekutsche. Das Foto war verblasst und er hatte Tränen in den Augen. Seine Frau starb schon vor einiger Zeit.

7. Wir durchstreiften den Bazar. Die Männer brüllten, die Frauen brüllten, die Stimmen waren ohrenbetäubend, die Geräusche scheppernd. Sie waren leise. Sie waren verschleppt und verkauft worden, gewaltsam in einen Beruf gebracht worden, der sie unrein machte.

8. In der Nähe der Grenze konnten wir unseren Augen nicht trauen. Dort war ein echter, reisender Zirkus mit Tierkostümen, einer Herde trainierter Ziegen und einem stolzen Mann. Alles war von der Sonne ausgeblichen, die Farben wirkten unnatürlich.

9. Sie roch. Wir hörten Gerüchte über sie und wo sie lebte. Sie sei verrückt, eine “Schande”, allein. Ihre einzige Einkommensquelle ist die verdrehte Faszination ihrer Andersartigkeit und Einsamkeit.

10. Die Kinder folgten uns hinaus ins Sonnenlicht. Es war Sommer und sehr heiß. Sie waren zu schüchtern zum Schreien, zu jung, um nicht von den fremden Frauen fasziniert zu sein. Ich versuchte hallo zu sagen, doch das führte nur zu noch mehr Schüchternheit. Ich erfuhr später, dass sie Waisen waren.

11. Das Mädchen sagte mir “Ich bin nicht hübsch”.

Steckst du dich oder andere in Schubladen? Wie fotografierst du andere und wie beeinflusst das deine Wahrnehmung?

geschrieben von mcmacdonald am 2014-03-01 in #World #Locations #urlaub #sw #bw #reise #lomo-lca #farbe #dokumentation #azerbaijan #iso400 #schwarz-weiss #reisen #geschichte #b-w #portrait

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