Zur Hölle mit Perfektion — Freiheit für die Fotografie

Beat the Blues: Cyanotypien herstellen

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Cyanotypien sind einfach und der perfekte Start in die Entdeckung historischer fotografischer Prozesse. Die verwendeten Chemikalien sind günstig, der Umgang mit ihnen relativ sicher und die meiste Arbeit kann bei normalem Licht gemacht werden. Also wo sollte ein Haken sein? Let’s beat those blues!
Vielerorten gibt es fertige Cyanotypie-Kits oder sogar vorbehandeltes Papier (kennst du SunPrint?). Das ist der bei weitem einfachste Weg, aber wenn du etwas abenteuerlustig bist, habe ich hier eine Komplettanleitung für dich!

Für Cyanotypien brauchst du vier Dinge:

  1. Die Sensibilisierungslösung; entweder aus einem Set oder selbst hergestellt.
  2. Ein Medium, meist weiches 100% Faserpapier, aber Stoff, Holz oder der Nachbarshund gehen auch.
  3. Ein passendes Negativ – passend heißt groß, 35mm oder 120 werden kein zufrieden stellendes Ergebnis liefern. Auch sollten alle Schattierungen vorhanden sein – Negative mit hohem Kontrast sind nicht wirklich geeignet.
  4. Ein Kontaktdruckrahmen. (Eine Glasscheibe, etwas größer als das Negativ, mit Bilderrahmenklammern auf ein Stück Hartkarton geklemmt wird gut funktionieren.)
  5. Ups, noch eines wird dringend benötigt: Eine UV-Lichtquelle. Dafür gibt es zum Glück die Sonne.

Das Ganze jetzt Schritt für Schritt.
Wenn du ein Set gekauft hast (beim ersten Mal wirklich empfehlenswert), musst du einfach nur nach Anleitung destilliertes Wasser in die zwei Flaschen hinzufügen und gut schütteln, bis sich der Inhalt aufgelöst hat. Wenn du alles selbst machst, hol dir einen Messbecher, Mischbehälter, Rührer und Chemikalien her. Dann messe 20 Gramm Ammoniumeisen(III)citrat ab und fülle das mit 100 ml destilliertem Wasser in die erste Braunglasflasche ab. Jetzt musst du gut schütteln, um die relativ schwer lösliche Chemikalie ganz zu lösen. Das ist Lösung A. Als nächstes kommen 8 Gramm Kaliumferricyanid mit 100 ml destilliertem Wasser in die zweite Braunglasflasche. Wieder gut schütteln! Das ist Lösung B. Dunkel und kühl gelagert halten sich die Lösungen einige Monate. (Anmerkung des Übersetzers: Auf Ebay sind DIN-Weithalsflaschen in verschiedenen Größen aus braunem PP zu finden, die sind zu 99,9% UV-Dicht.)

Um eine Sensibilisierungslösung herzustellen, müssen nun die beiden Lösungen zu gleichen Teilen gemischt werden (die fertige Lösung hält sich lange nicht so gut wie die getrennten Teile). Unter gedimmten Kunstlicht (Achtung mit Leuchtstoffröhren – die emmitieren auch UV-Strahlen!) wird nun das Medium mit einem Schaumpinsel oder Pinsel ohne Metallfassung sensibilisiert (die Fotos zeigen einen Pinsel mit Metallfassung, ich weiß, aber macht nicht den gleichen Fehler wie ich). Verstreiche die Lösung gleichmäßig über das ganze Medium mit Strichen in alle Richtungen. Das bedeckte Papier muss an einem dunklen Ort vollständig trocknen. Einige Leute empfehlen das erneute Bestreichen mit Lösung. Ich habe beides ausprobiert und bei beiden gute Ergebnisse erzielt,

Da wir hier mit Kontaktdrucken arbeiten, kommt das Positiv genauso groß raus wie das Negativ. Wenn du also nicht gerade eine Großformatkamera nutzt, müssen wohl oder übel digital erstellte Negative her. Darüber wurden ganze Bücher geschrieben, aber du brauchst daraus keinen Elefanten machen. Du brauchst bloß OHP-Folie mit dem gewählten Bild in schwarz-weiß zu bedrucken (über die Umwandlung von Farbbildern in s/w könnte man schon einen eigenen Tipster schreiben, aber ich nehme an, du beherrschst die Technik weit genug). Bevor du aber überstürzt dein s/w-Bild einfach so auf Folie druckst, musst du die Farben umkehren und dein Bild spiegeln. Das geht ganz einfach mit MS Paint – rechtsklicke auf deine Bilddatei und wähle unter “Öffnen mit” Paint aus. Wenn das Bild geladen ist, wähle unter “Bild” oben in der Zeile “Farben umkehren” aus. Als JPG speichern und JETZT darfst du es auf die Folie drucken.

Einen billigen Kontaktdruckrahmen kann man wie gesagt aus einer Glasscheibe (oder Plexiglas), Hartkarton und Bilderklammern machen. Egal was du benutzt, die Schichten sollten von unten nach oben so aussehen: Karton oder Holzplatte, mit der Lösung sensibilisiertes Fotopapier, Negativ auf OHP-Folie, Glasscheibe. Das ganze zusammengehalten von Bilderrahmenklammern. Das kann alles unter normalem Tageslicht in Innenräumen gemacht werden. Achte darauf, dass du, wenn du auf die zusammengesetzten Teile siehst, das Bild so siehst, wie es werden soll.

Das Papier unter dem Negativ wird jetzt direktem Sonnenlicht ausgesetzt. Die Belichtungsdauer hängt von dem verwendeten Medium, der Durchlässigkeit des Negativs, der Menge an Sonnenlicht und anderen Variablen ab. Dort wo ich lebe (Kalifornien) dauert die Belichtung im Sommer zwischen 3 und 6 Minuten. Im Winter oder in nördlicheren Breitengraden kann das bis zu 30 Minuten dauern. Deshalb musst du (besonders am Anfang) den Fortschritt der Belichtung überprüfen können. Auf den Fotos siehst du, dass meine Rahmen geteilte Rückteile mit Schanieren haben, um leichter die Belichtung überprüfen zu können. Dadurch werden Papier und Negativ nicht so schnell gegeneinander verschoben. Du kannst auch einen Teil des Papiers mit Tesafilm an dem Negativ befestigen. Natürlich muss die Überprüfung außerhalb des Sonnenlichts geschehen, der Film ist ja UV-Sensitiv. Das Bild sollte etwas dunkler sein als das gewünschte Ergebnis. Die dunkelsten Teile können auch wieder heller werden, wie bei vergilbten Fotos.

Das Entwickeln könnte kaum einfacher sein: dazu wird das Bild nur etwa 10 Minuten unter langsam fließendem Wasser abgespült. Das Bild wird heller und die blauen Flecken werden teilweise ganz abgewaschen. Das Papier muss jetzt entweder an einer Wäscheleine oder auf einer glatten Oberfläche trocknen, Die Scheibe des Druckrahmens ist dazu gut geeignet. Beim Trocknen werden die Tonhöhen noch etwas dunkler und allgemein kommen mehr Details heraus.

Das wars — du bist fertig! Tätschel dir selbst die Schulter und gratuliere dir zu dem Wissen, das du jetzt darüber hast, wie man in Jahr 1842 Fotos vervielfältigt hat!

geschrieben von kdstevens am 2012-02-26 in #gear #tutorials #tutorial #tipster #blau #abzug #historisch #druck #alternativ #handgemacht #cyanotypie #kontaktabzug
übersetzt von knipseritis

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